FIRE-Bewegung: Wer finanziell frei werden will, sollte auf diese sechs Punkte achten

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Frankfurt. Finanziell frei werden wollen viele – doch den wenigsten gelingt das auch. Zwei, die es geschafft haben, sind der Rumäne Rob und die Schottin Emma. Seit 2015 bestreitet das Paar sein Leben komplett aus eigener Tasche. Dabei fingen sie klein an.

Kennengelernt haben sich die beiden während des Studiums in Stuttgart. Rob arbeitete danach als freiberuflicher Softwareentwickler, Emma in einem großen IT-Unternehmen. Zusammen verdienten sie damals etwa 6000 Euro brutto – auch 2006 kein üppiger Betrag.

2009, kurz nach der Weltfinanzkrise, kaufte sich das Paar die erste kleine Wohnung in Stuttgart, anfangs noch zur Eigennutzung. Mit der Zeit kamen fünf weitere hinzu. „Ein absoluter No-Brainer“, sagt Rob heute. „Damals kosteten Zweizimmerwohnungen in der Innenstadt nur etwa 100.000 Euro.“ Seither hätten sich die Immobilien im Wert mindestens verdoppelt, auch die Mieteinnahmen stiegen.

Das Paar wurde mit Anfang 30 finanziell frei, wanderte nach Rumänien aus und lebt seitdem mit zwei Kindern in Temeswar. Ihre echten Namen möchten sie nicht im Handelsblatt lesen. Selbst Familie und Freunde glauben, dass das Frührentner-Paar noch arbeitet.

Rob und Emma sind Teil der FIRE-Bewegung („Financial Independence, Retire Early“). In ihr versammeln sich Menschen, die möglichst früh in den Ruhestand gehen wollen und dafür schon in jungen Jahren viel Geld sparen, frugal leben, gezielt in Mietwohnungen und ETFs investieren. Sind die Einkünfte aus dem Vermögen – Dividenden, Zinsen, Mieteinnahmen oder Beteiligungen – hoch genug, um dauerhaft davon zu leben, gilt man als finanziell frei.

Doch der Weg dorthin wird durch Inflation und Börsenflaute immer schwieriger. Viele FIRE-Jünger verabschieden sich bereits vom Ziel der Rente mit 40 – wie etwa Szenegröße Oliver Noelting vom Online-Blog frugalisten.de, der nach der Familiengründung seinen Ruhestand auf unbestimmte Zeit verschoben hat.

Rob und Emma wollen anonym bleiben: Beide sind seit 2015 finanziell frei, doch ihre Familie und Freunde glauben, dass sie noch arbeiten. Foto: Christian Wermke, Handelsblatt Christian Wermke, Handelsblatt

Auch andere weitverbreitete Fallstricke übersehen viele Frugalisten. Daher hat das Handelsblatt nachgeprüft: Worauf kommt es wirklich an, wenn man finanziell frei werden will? Wie umgeht man die sechs größten Hürden? Und was lehren jene Menschen wie Rob und Emma, die es geschafft haben?

FIRE-Fehler 1: Zu wenig Geld einplanen

Was schiefgehen kann: Die finanzielle Freiheit will gut vorbereitet sein – vor allem, was die Ersparnisse betrifft. Viele FIRE-Anhänger richten sich dabei nach der Vier-Prozent-Regel, die auf der sogenannten Trinity-Studie basiert: 1998 untersuchten US-Forscher, welche Entnahmeraten aus einem Portfolio für die lebenslange Rente ausreichen. Das Ergebnis: Wenn man über 30 Jahre lang jährlich vier Prozent entnimmt, würde das Geld in fast allen Fällen auch so lange ausreichen.

Umgekehrt braucht es also das 25-Fache der Jahresausgaben als Vermögen. Wer 40.000 Euro pro Jahr benötigt, braucht also rund eine Million Euro für die finanzielle Unabhängigkeit.

Wie man es besser macht: Privatier Rob rät zu einem größeren Puffer. Er sagt: „Die Vier-Prozent-Regel wäre mir zu knapp kalkuliert. Damit könnte ich nicht ruhig schlafen.“ Was, wenn es an der Börse mal schlechter laufe? Er wolle flexibel bleiben und nicht jeden Tag ins Aktiendepot schauen müssen, um zu prüfen, ob es noch reicht.

Daher hält er mehr Rücklagen als nötig. Der Zugewinn an Gelassenheit ist ihm das wert, sagt Rob: „Würden die Kurse um 50 Prozent einbrechen, müsste ich nicht zittern, sondern würde nachkaufen.“ Allerdings sei das eine individuelle Entscheidung, andere FIRE-Anhänger fühlten sich auch mit weniger Puffer wohl.

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Zudem setzen Rob und Emma trotz Ruhestand auf kleine Nebeneinkünfte. Emma übersetzt gelegentlich Bücher, Rob betreibt ein kleines Onlinebusiness, das wohl zunehmend durch KI verdrängt wird, wie er sagt. Umso wichtiger ist sein Puffer.

FIRE-Fehler 2: Lebenshaltungskosten falsch kalkulieren

Was schiefgehen kann: Nicht nur die Habenseite sollte realistisch bemessen sein, sondern auch die eigenen Ausgaben. Viele FIRE-Anhänger kalkulieren zu knapp und unterschätzen unvorhergesehene Kosten.

Handwerker sanieren den Innenraum eines Wohnhauses: Im Eigenheim lauern oft unverhergesehene Kosten. Foto: IMAGO/Westend61

Auch Rob und Emma mussten das auf die harte Tour lernen. 2019 kauften sie eine hundert Jahre alte Immobilie im rumänischen Temeswar: ihr Traumhaus, 200 Quadratmeter, kleiner Garten, gute Lage für nur 180.000 Euro. Die Kinder konnten nun zu Fuß zur Schule gehen. „Unsere Lebensqualität erhöht das sehr“, sagt Rob.

Doch der Traum vom Eigenheim wurde teurer als gedacht: Das Haus war schlecht isoliert und kaum energieeffizient, die Wände waren zu instabil. Rob und Emma installierten Solarpaneele auf dem Dach, bauten den Keller aus, mussten viel reparieren. Alles Kosten, die das Paar so nicht auf dem Schirm hatte: „Ein Haus ist ein unendliches Projekt und ein Geldfresser“, sagt Rob heute.

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Den Kauf bereut er trotz der Mehrkosten nicht. Die Familie fühle sich dort sehr wohl, auch das sei ja viel wert. Zudem sei der Wert der Immobilie in den vergangenen fünf Jahren um 50 Prozent gestiegen.

Wie man es besser macht: Gerade Projekte wie ein Hausbau verursachen meist Mehrkosten. Laut einer umfassenden Befragung der Universität Erlangen-Nürnberg aus den vergangenen Jahren werden 70 Prozent der privaten Bauvorhaben in Deutschland teurer als geplant. So überschreitet jeder fünfte Eigentümer sein Budget um mehr als 20 Prozent, jedes zehnte Projekt kostet sogar 30 Prozent mehr.

Oft sind unterschätzte Sanierungsausgaben der Kostentreiber. Man sollte die eigenen Ausgaben und Lebenshaltungskosten also unbedingt vorab realistisch kalkulieren.

FIRE-Fehler 3: Die Inflation unterschätzen

Was schiefgehen kann: In Rumänien verhält es sich nicht anders als in Deutschland und der ganzen Euro-Zone: In den vergangenen Jahren ist die Inflation stark gestiegen – und damit die Preise für Lebensmittel, Energie, den Alltag. Trotz staatlichem Preisdeckel zahlt Rob heute deutlich mehr als früher. Reichten der vierköpfigen Familie früher noch etwa 35.000 Euro pro Jahr, sind es heute fast 50.000 Euro. „Ohne dass sich unser Lebensstandard geändert hat“, sagt Rob.

Diese Phasen hoher Inflation treten immer wieder auf. Als Rob 1997 Abitur machte, lag die jährliche Teuerung in Rumänien bei 150 Prozent. Sein Vater nahm 1993 sogar einen Hauskredit zu 50 Prozent Zinsen auf. Wer langfristig finanziell frei werden will, sollte diese Inflationsphasen also bewusst einpreisen – und sich dagegen absichern.

Ein Regal mit Angebotspreisen in einem Supermarkt: Bewusst einzukaufen, kann helfen, die Inflation abzuschwächen. Foto: dpa

Wie man es besser macht: Rob hält den eigenen Lebensstandard bewusst niedrig und lebt frugal. Die Familie besitzt kein Auto. Im Supermarkt sucht Rob nach Angeboten und kauft auch Lebensmittel, die kurz vor dem Ablaufdatum stehen. Kleidung kauft er gebraucht in Second-Hand-Läden. Dazu führt er jeden Monat penibel Buch über alle Ausgaben. Das alles hilft, die Kostenexplosion durch die Inflation abzuschwächen.

Zudem setzt Rob vor allem auf Aktien als Inflationsschutz. Ein Drittel seines Vermögens steckt in ihnen. Von allen Anlageklassen gelten Aktien als verlässlichster Inflationsschutz: Unternehmen können Preiserhöhungen oft an ihre Kunden weitergeben, ihre Gewinne steigen langfristig mit nominalem Wachstum und damit auch die Aktienkurse.

Auch seine Immobilien in Stuttgart bieten Rob einen gewissen Teuerungsschutz. Denn Mieten sind oft an den Verbraucherpreisindex gekoppelt und steigen – auch ohne automatische Anpassung – langfristig mit der Inflation. „Allerdings nicht so stark wie Aktien“, sagt Rob. „Weil sich Politik und Regulierung einmischen.“ Etwa mit Mietpreisbremse und energetischen Auflagen.

FIRE-Fehler 4: Sein Geld nicht diversifizieren

Was schiefgehen kann: Ohne sein eigenes Geld anzulegen, baut sich wohl kaum jemand ein großes Vermögen auf und wird finanziell frei. Doch wie investiert man am besten?

Fehler Nummer eins beim langfristigen Investieren ist, nicht zu diversifizieren. Ein paar Immobilien in derselben Mikrolage führen zu einem hohen Klumpenrisiko, ein paar Einzelaktien sowieso. Um das eigene Verlustrisiko zu begrenzen, sollte man sein Vermögen unbedingt über verschiedene Anlageklassen, Länder, Branchen und Unternehmen streuen.

Wie man es besser macht: Rob hat sein Vermögen aufgeteilt: Ein Drittel steckt in den zwei Wohnungen in Stuttgart, die er vermietet. Ein Drittel steckt in Aktien, in einem Welt-ETF und einem US-ETF auf den S&P 500. Ein Drittel steckt in rumänischen Staatsanleihen, die pro Jahr eine für Anleihen ungewöhnlich hohe Rendite von etwa fünf bis sechs Prozent bringen.

Auch Kryptowährungen hat Rob beigemischt: Er investiert einen kleinen Teil in Bitcoin und Ether. „Das ist höchst spekulativ“, sagt er, „daher nie mehr als fünf Prozent des Gesamtvermögens.“

Aus dem Depot entnimmt Rob kein Geld, sondern lebt von den regelmäßigen Zinszahlungen der Anleihen und den monatlichen Mieteinnahmen der Wohnungen. Bei Problemen mit den Mietern schickt er einen Bekannten aus Stuttgart, den er pro Einsatz bezahlt.

FIRE-Fehler 5: Beim Investieren starr an der eigenen Strategie festhalten

Was schiefgehen kann: Was ist der größte Fehler auf dem Weg zur finanziellen Freiheit? „Zu glauben, FIRE sei ein Endzustand“, sagt Rob. Hat man erst mal ein hinreichend großes Vermögen investiert, kann man nicht einfach für immer die Beine hochlegen. Als Investor sollte man flexibel bleiben und die eigene Strategie bei Bedarf anpassen.

Denn genauso, wie die Preise im Land mal sinken und mal stärker steigen, durchläuft auch der Wirtschaftskreislauf zyklische Phasen von Auf- und Abschwung, Bullen- und Bärenmarkt. Im Schnitt wirft der weltweite Aktienmarkt langfristige Renditen von etwa fünf bis sieben Prozent pro Jahr ab. Natürlich sollte man bei seiner grundlegenden Langfriststrategie bleiben und nicht bei jedem Rücksetzer das Depot umschichten – aber nicht um den Preis von Trägheit.

Wie man es besser macht: Rob bleibt auf dem Laufenden und hält nicht starr an seiner Strategie fest. Seit Trumps Amtsübernahme schaut er fast täglich ins Depot. Kürzlich hat er viele Anteile seines ETFs auf den S&P 500 verkauft, weil er den US-Markt für zu hoch bewertet hält und mit Korrekturen rechnet.

Stuttgart: Rob erwartet, dass die Nachfrage in der Region schwinden wird. Foto: imago images/Westend61

Dazu hat er in den vergangenen zwei Jahren vier der sechs Wohnungen in Stuttgart mit großem Gewinn verkauft. „Seit 2010 sind die Immobilienpreise stark gestiegen“, sagt Rob. Dass sie weiter steigen, glaubt er angesichts der Wirtschaftslage in Deutschland und besonders in Stuttgart nicht. Die Automobilbranche steckt in der Krise, Zulieferer wie Bosch und Mahle entlassen massenhaft Mitarbeiter. Robs Fazit: „Die Nachfrage in der Region wird schwinden.“

Den Verkaufserlös hat er in rumänische Staatsanleihen investiert und hofft auf höhere Renditen als mit den Wohnungen.

FIRE-Fehler 6: Währungsrisiken außer Acht lassen

Was schiefgehen kann: Gerade Währungen kleinerer oder wirtschaftlich weniger stabiler Länder verlieren auf lange Sicht oft an Wert gegenüber Leitwährungen wie dem Euro oder dem Dollar. Der rumänische Leu etwa gilt als recht stabil, wertet langfristig aber dennoch meist gegen den Euro ab – und schmälert so die Rendite lokaler Anleihen.

Finanzielle Ziele haben wir nicht mehr. Rob

Bei volatileren Währungen ist das Risiko noch größer: Die türkische Lira oder der argentinische Peso haben in manchen Jahren so stark nachgegeben, dass selbst zweistellige Anleihezinsen real ins Minus rutschten. Wer langfristig plant, sollte daher immer auch die Währung im Blick behalten.

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Wie man es besser macht: Rob hält bewusst kein Vermögen in der rumänischen Landeswährung Leu. Die rumänischen Staatsanleihen hält er stattdessen zu gleichen Teilen in Dollar und in Euro, um sich vor Abwertung und Währungsrisiken zu schützen.

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Heute haben sich die Mühen von Rob und Emma gelohnt. Das Haus in Temeswar ist zur Heimat geworden, die Kinder fühlen sich wohl. Indem das Paar nach der Weltfinanzkrise einen günstigen Zeitpunkt zum Wohnungskauf nutzte, legte es den Grundstein für seine finanzielle Freiheit.

In der FIRE-Szene sind Rob und Emma indes nicht mehr so präsent. „Wenn man sein Ziel erreicht hat, ist das nicht mehr so interessant“, sagt Rob. „Finanzielle Ziele haben wir nicht mehr.“ Wohl dem, der das von sich sagen kann.

Dieser Artikel erschien bereits im Dezember 2025. Der Artikel wurde am 13.04.2026 erneut geprüft und mit leichten Anpassungen aktualisiert.

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