Film „Hiddensee“ im Kino: Die Insel zwischen Bohème, DDR und Gegenwart

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Hiddensee, dieser 17 Kilometer lange Sandstreifen zwischen Bodden und Ostsee, mit 1000 Bewohnern und jährlich 50.000 Touristen, ist nicht nur ein Ort, an den Menschen fliehen. Die Insel zeigt auch, wovor sie fliehen, wonach sie sich sehnen und welche gesellschaftlichen Konflikte sie mitbringen. Manche nennen Hiddensee das „romanische Café an der Ostsee“, andere vergleichen die Insel sogar mit Manhattan und verweisen auf die ähnlichen Umrisse. So viel ist klar: Hiddensee lässt niemanden unberührt.

In den vergangenen 100 Jahren sind unzählige Menschen nach Kloster, Vitte oder Neuendorf gekommen und wieder gegangen. Doch viele haben auch etwas hinterlassen, Bücher, Geschichten, Gemälde oder Filme, die auf die Insel verweisen. Der jüngste Beitrag in dieser Reihe stammt von Annekatrin Hendel. Acht Jahre lang war die Dokumentarfilmerin immer wieder mit ihrer Kamera auf Hiddensee unterwegs, um das Geheimnis der Insel zu ergründen.

 Aussteiger aus Ost-Berlin kommen in den Achtzigern auf die Insel.Punk in Hiddensee: Aussteiger aus Ost-Berlin kommen in den Achtzigern auf die Insel.It Works!/Peter Brune

Ihr Film, der jetzt in den Kinos läuft, trägt den schlichten Titel „Hiddensee“, als müsste man über diesen Ort nichts weiter erklären. Dabei porträtiert Hendel die Insel nicht vorrangig als Feriendomizil, sondern vor allem als einen Raum, in dem sich die Kultur- und Gesellschaftsgeschichte der vergangenen Jahrzehnte abgelagert hat. In atmosphärischen Aufnahmen erzählt sie die Inselgeschichte von den Zwanzigerjahren bis in die Gegenwart. Hiddensee wird so zu einer Art Deutschland en miniature, zu einem begrenzten Ort, an dem sich die großen Spannungen des Landes besonders deutlich zeigen.

„Hauptmann oder Ballermann – quo vadis Hiddensee?“

Der auffälligste Kniff des Films ist seine durchgängige Schwarz-Weiß-Ästhetik. Zuletzt sah man diese Bildsprache häufiger in Kinofilmen wie „Roma“ oder „Mank“. Im Dokumentarfilm wirkt der Effekt jedoch noch einmal anders, denn er verklammert die verschiedenen Zeitebenen miteinander. Trotz des langen Zeitraums von rund 100 Jahren kommt es zu keinem optischen Bruch zwischen den dokumentarischen Szenen aus den Zwanzigern, der NS-Zeit, der DDR und der Gegenwart. Alles fügt sich vielmehr so geschmeidig ineinander, dass man mitunter Mühe hat, eine Szene sofort zeitlich einzuordnen. Geschichte wird dadurch zu einem Kontinuum. Und Geschichte hat Hiddensee reichlich zu bieten.

Zu den berühmtesten Inselgästen zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörten der Schriftsteller Gerhart Hauptmann, der Stummfilmstar Asta Nielsen und die Tänzerin Gret Palucca, die auf der Insel Sommerhäuser besaßen. Zu ihnen gesellten sich Freunde und Bekannte wie Erich Kästner, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Albert Einstein. Vor allem Hauptmann wollte sein Haus stets voller Gäste haben, um nicht auch noch am Abend von seinen literarischen Figuren verfolgt zu werden. Joachim Ringelnatz trank bis zum Umfallen, Erich Heckel schuf seine Landschaftsbilder und Hans Fallada seinen Roman „Kleiner Mann – was nun?“.

 Lektüre von „Neues Deutschland“ am Strand von HiddenseeDie DDR im Sand: Lektüre von „Neues Deutschland“ am Strand von HiddenseeIt Works!/Peter Brune

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war es mit der Bohème zwischen den Dünen vorbei. Die berühmten Hiddenseer Malweiber nahmen sich entweder wie Henni Lehmann das Leben oder wurden wie Clara Arnheim, Käthe Loewenthal und Julie Wolfthorn deportiert. „Kein Luxusbad, judenfrei“, hatte damals der Badeort Vitte für sich geworben. Der zynische Werbespruch zeigt, wie tief die nationalsozialistische Ausgrenzung auch in das vermeintliche Idyll eindrang. Zu DDR-Zeiten wurde die Insel dann zu einem Rückzugsort für Aussteiger und die Subkultur Ost-Berlins. Lutz Seiler erzählt davon in seinem Roman „Kruso“.

Annekatrin Hendel zeigt Fotografien des Sängers Aljoscha Rompe, der nicht nur ein Vorbild für „Kruso“ war, sondern auch Bandkollege von Flake in der DDR-Band Feeling B. Flake ist heute Rammstein-Keyboarder und steuerte die Musik zum Film bei. Der Film arbeitet ein binäres Denken heraus, das die Insel immer wieder hervorbringt: Freiheit oder Kontrolle, Kunst oder Vereinnahmung, Individualismus oder Gemeinschaft, einheimisch oder fremd. Hiddensee wirkt, vielleicht, weil es so klein ist, wie ein Brennglas. Was anderswo nebeneinander existiert, prallt hier mitunter unversöhnlich aufeinander. Der Film stellt deshalb auch die Frage: Wer bestimmt über Hiddensee? Die Einheimischen, die Künstler, die Urlauber oder die Politik?

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Hendel montiert Landschaftsaufnahmen mit Archivmaterial, Fotografien und historischen Stimmen, die manchmal auch von Marionetten verkörpert werden. Zugleich verliert der Film bei aller historischer Tiefe des Ortes die Gegenwart nie aus dem Blick. Wir begegnen dem Pfarrer, dem Bürgermeister und der Leiterin des Heimatmuseums mit ihren unterschiedlichen Vorstellungen davon, was aus Hiddensee werden soll. Eine Stimme im Film sagt, es sei die uferlose Ereignislosigkeit, die den Zauber der Insel ausmache. Vielleicht erklärt das, warum Jürgen Drews nicht gut ankommt, als er dort aufkreuzt. Bei seinem Konzert muss er sich vom Publikum fragen lassen, was er als König von Mallorca hier verloren habe.

„Hauptmann oder Ballermann – quo vadis Hiddensee?“ steht auf einem Protestschild. Eine Antwort gibt auch Annekatrin Hendels Film nicht. Sie zeigt vielmehr, dass Hiddensee immer beides war: Zufluchtsort und Projektionsfläche, Gegenwelt und Teil der Gesellschaft, ein Sehnsuchtsort und Schauplatz ihrer Verwerfungen. Die Insel schützt ihre Besucher nicht vor der Welt. Sie führt ihnen die Welt vor Augen, verdichtet auf 17 Kilometern zwischen Bodden und Ostsee.

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