Stürmer Jackson (hinten): Bis Freitag nur 99 Spielminuten im Jahr 2026
Foto: Alexandra Beier / AFPDieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
Schon die Frage am Vortag des Spiels sprach Bände. Es stünden ja viele wichtige Partien an, sagte ein Reporter zu Bayern-Trainer Vincent Kompany. Sei es da besonders wichtig, jene Profis, die zuletzt weniger gespielt hatten, gegen Mönchengladbach einzusetzen? Der Journalist zählte auf: Lennart Karl, Leon Goretzka, Kim Min-jae, Raphaël Guerreiro, Tom Bischof.
Der Name Nicolas Jackson fehlte.
Jackson, 24, im Sommer für rekordverdächtige 16,5 Millionen Euro vom FC Chelsea ausgeliehen, war bis zum Freitag nur auf 99 Spielminuten im Jahr 2026 gekommen. Tiefstwert im Münchner Kader. Deshalb blieb sein Name wohl ungenannt: Man konnte zuletzt beinahe vergessen, dass Jackson beim FC Bayern spielt.
Als Trainer Kompany nach dem Spiel auf Jackson angesprochen wurde, sagte er, dass dieser sehr gut gespielt habe. Dann hielt er inne. Und wurde grundsätzlich.
Wenn die Ergebnisse gut seien und es laufe, picke sich die Öffentlichkeit Spieler heraus, die besonders kritisiert würden. »Ohne einen Grund«, sagte Kompany. Er lachte bitter. Jackson habe sich nichts zuschulden kommen lassen, er habe super trainiert, mit dem Senegal den Afrika-Cup gewonnen, »aber irgendwie entstehen Geschichten«.
Im vergangenen Jahr habe das Serge Gnabry und teilweise Kingsley Coman betroffen. »Jetzt ist es Nicolas Jackson.«
»Ja. Bisschen schwierig. Mehr ist es nicht.«
Wie er gegen Gladbach gespielt habe, so trainiere er auch. Sollte heißen: ziemlich gut. Jacksons Problem sei laut Kompany nur, dass seine Konkurrenten Kane, Luis Díaz und Michael Olise hießen, Spitzenspieler also. »Ja. Bisschen schwierig. Mehr ist es nicht.«
Einerseits erfasste Kompany hier eine Logik der Berichterstattung über den FC Bayern. In Zeiten, in denen dieser sehr oft sehr souverän gewinnt, Zeiten wie dieser also, suchen Reporter nach möglichen Reibungspunkten. Nicht, weil sie den Münchner Erfolg nicht ausstehen könnten. Sie wollen ihre Leserinnen und Leser nicht langweilen.
Trainer Kompany während des Spiels gegen Mönchengladbach: »Ohne einen Grund«
Foto: Heiko Becker / REUTERSAndererseits: Ein bisschen was ist da doch. Auch wenn es stimmt, dass Jackson mit Ausnahmefußballern konkurriert – dass er zuletzt weniger spielte als jeder andere gestandene Profi im Team, führt dazu, dass der Blick auf ihn genauer ausfallen mag. Das ist ohnehin so nach seinem merkwürdigen Start in München.
Der Transfer war bekanntlich bereits geplatzt; nachdem sich ein weiterer Stürmer verletzt hatte, wollte Chelsea Jackson doch nicht verleihen. Es brauchte weitere Millionen und eine Klausel, um ihn doch zu verpflichten. Um jene Klausel ging es danach auch in der Fernsehsendung »Doppelpass«. Sie besagte, dass die Bayern 65 Millionen Euro Ablöse zahlen müssen, sofern Jackson eine bestimmte Zahl an Spielen erreicht.
»Die macht der nie!«
Bayerns Ehrenpräsident Uli Hoeneß über die nötigen Jackson-Einsätze, um die Kaufpflicht-Klausel zu aktivieren
Genauer gesagt 40, und zwar von Beginn an, plauderte Hoeneß in der Sendung aus und fügte an: »Die macht der nie!« Und damit war der Ton gesetzt. Jackson war nicht gut genug für die erste Elf.
Wahrscheinlich wollte Hoeneß damals zur Abwechslung seinem Sportchef Max Eberl den Rücken stärken und hervorheben, wie gut dieser mit Chelsea verhandelt hatte. Aber er tat das zulasten des Neuzugangs.
Hinzu kommt, dass Jackson im Vergleich zu Kane tatsächlich ungelenk wirkt. Er ist dem Engländer technisch deutlich unterlegen, benötigt mehr Versuche für einen Treffer. Dann wiederum: Für welchen Stürmer gilt das nicht im Vergleich mit Kane?
Jackson braucht Räume, die in München fehlen
Im Gegensatz zu Kane braucht Jackson Platz für sein Spiel. Er lebt von harter Arbeit, von vielen, kraftvollen Läufen in den Rücken der Abwehr, von Durchsetzungsfähigkeit in diesen Laufduellen und davon, dass er nicht aufsteckt. Aber bei den Bayern geht es im Sturm oft sehr eng zu, es fehlen die Räume, die Jackson anvisiert. Für seine Arbeitsmoral schätzt ihn Trainer Kompany dennoch. Wer den Trainer näher erlebt, weiß, wie wichtig ihm das ist.
Ganz von der Hand zu weisen ist Kompanys Argumentation aber nicht. Jacksons Leistungen, auch die guten, werden oft mit einem »Ja, aber« versehen. Ja, er war mit einem Tor, einem herausgeholten Strafstoß sowie einem vorletzten Pass vor einem Treffer ein prägender Spieler gegen Gladbach. Aber er hat auch weitere Großchancen vergeben. So war das mit der Wahrnehmung von Jacksons Leistungen auch schon in England.
Dass er in München weniger gespielt hat, als er sich erhofft haben wird, liegt auch daran, dass so vieles nahezu perfekt gelaufen ist beim FC Bayern. Lennart Karl schaffte den Durchbruch bei den Profis, Kane, Díaz und Olise fielen so gut wie nie aus, Jamal Musialas Comeback nach schwerer Verletzung bei der Club-WM lief nach Plan.
Und so hatte Hoeneß recht. Jackson wird die nötigen Spiele nicht erreichen, eine Verpflichtung gilt als ausgeschlossen.
Aber noch ist Jackson da.
Nur zwei Spieler habe er tatsächlich wenig eingesetzt, so lautete übrigens die Replik von Kompany auf die Reporterfrage vor dem Gladbach-Spiel. Die Namen Nicolas Jackson und Raphaël Guerreiro nannte er nicht, dabei standen sie im Vergleich zu Kim, Bischof oder Goretzka bei erheblich geringerer Spielzeit.
Kompany sagte aber auch, dass sich das in den kommenden Wochen ändern würde. Beide Fußballer werde man wieder häufiger auf dem Platz sehen.
Vielleicht beginnen sie jetzt ja doch noch: die Nicolas-Jackson-Wochen beim FC Bayern.

vor 2 Stunden
1










English (US) ·