F.A.Z.-Kongress: Den Deutschen mangelt es an Selbstironie

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Ob die Deutschen humorbegabt, ja überhaupt nur humorfähig sind, ist eine alte Frage der populären Völkerkunde. Matthias Matschke, der seit vielen Jahren als Schauspieler und Komiker von Theater-, Fernseh- und Kinobühnen bekannt ist, ist einer der wenigen, bei denen man sich nicht schämt, sie als Gegenbeweis anzuführen.

Auf die Frage Sandra Kegels, die das Feuilleton der F.A.Z. leitet, wie er es denn halte mit der Lachfähigkeit seiner Mitbürger, gab Matschke auf dem F.A.Z.-Kongress eine differenzierte Antwort: Es fehle den Deutschen nicht eigentlich an Humor, sondern an Ironie, insbesondere an Selbstironie. „Jedem sollte eigentlich klar sein, dass er ein großes Potential von Lächerlichkeit in sich trägt“, sagte er auf der Bühne. Dass dies zum Menschsein dazugehört, wüssten andere Nationen besser. Allen voran natürlich die Engländer.

Inzwischen produziert er auch Clips auf Instagram

Er selbst sei erst spät zum „Humorarbeiter“ (Sandra Kegel) geworden. Ländlich aufgewachsen, wollte Matschke zunächst Deutsch- und Religionslehrer werden. Dann ging er auf die Schauspielschule, spielte im Theater alles „vom Ernsten bis zum Komischen“. Erst nach vielen Jahren hätte er bedacht, dass Komik etwas ist, das man auch als Beruf betreiben kann. Immer noch lege er aber Wert darauf, sich nicht auf die Kategorie des Lächerlichen festzulegen.

Zwar könne auch der pure Quatsch kathartisch wirken, was jedem nur zu empfehlen sei. Doch er selbst präferiere – als Schauspieler – Figuren, die eine Mischung aus beidem seien, das heißt solche, bei denen der Spaß unerwartet jederzeit in Ernst umkippen kann.

Das erkennt man auch in dem neuen Betätigungsfeld, das Matschke für sich gefunden hat. Zu Theater, Kino und Fernsehen ist inzwischen das Internet hinzugekommen. Vor allem auf Instagram erreichen Clips von ihm inzwischen ein Millionenpublikum. Nicht alle, aber einige davon mit impliziter oder expliziter politischer Botschaft. Etwa ein Sehtest, bei dem Matschkes Figur zunächst rechtsradikale Parolen vorliest, bis, nach einer Adjustierung der Linse für das „rechte Auge“, Artikel des Grundgesetzes sichtbar werden. „Ich mache mir große Sorgen um unser Land“, sagte er auf dem Podium. Der antinationalsozialistische Grundkonsens, den er als Kind und Jugendlicher noch erlebt habe, sei verloren gegangen.

Doch lassen sich Komik und Ernst immer so einfach verbinden? „Komik in ernsten Zeiten“ war das Panel überschrieben – ein Widerspruch? Einerseits, wie Sandra Kegel ausführte, hätten sich gerade Stand-up-Comedians in Los Angeles als besonders standhaft erwiesen, wenn es darum ging, Donald Trump Paroli zu bieten. Doch trotzdem stelle sich die Frage, ob es nicht „immer öfter Momente“ gebe, „bei denen man sich denkt: Da muss ich jetzt schweigen“ – allein schon deshalb, weil der Ernst der Lage keinen Lacher verträgt.

Matschke bekannte, aus genau diesem Grund keine Trump-Imitationen aufzuführen. Dieser und vor allem seine Entourage seien so gefährlich, dass die Imitation Gefahr laufe zu verharmlosen. Imitation impliziere immer die Aussage: „Eigentlich ist er nicht so schlimm“. Dies zu sagen, sei aber nicht die Aufgabe von Komikern. Charlie Chaplins Hitler-Imitation fällt vielleicht auch deswegen in eine andere Kategorie, weil Humor hier den ostentativen Ernst der NS-Rhetorik ins Lächerliche gezogen hat. Trump regiert aber mit den Mitteln des Absurden, Komischen – der Unernst ist geradezu seine Herrschaftstechnik. Nicht leicht, sich in dieser Lage eine gelungene Gegenkomik vorzustellen.

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