Expat-Familie in Tokio: Der Sommer in Japan ist magisch – nicht nur für Kinder

vor 1 Tag 1

Kürzlich kam unser Sohn Lenny mit zwei bunten, breiten Papierstreifen nach Hause aus seiner japanischen Kinderbetreuung. „Wir sollen da was draufschreiben, einen Wunsch“, erklärte er gewissenhaft. „Ich weiß, mein Schatz, erinnerst du dich nicht an letztes Jahr?“, fragte ich und holte schon unser Buch über die japanischen Festtage aus dem Regal, eine liebevoll gezeichnete Reise durchs japanische Jahr, die eine Waschbärfamilie, eine Hasen- und eine Eichhörnchenfamilie gemeinsam erleben. Zusammen blätterten wir die Seiten durch, die ich inzwischen schon so oft angesehen habe, seit wir vor drei Jahren nach Japan gezogen sind, und die mir schon so viel über Japans fein ziselierte Bräuche und Riten beigebracht haben.

Bild: F.A.Z.

Chiara Schmucker

ist 2023 mit Mann und zwei kleinen Söhnen (Jahrgang 2022 und 2019) nach Tokio gezogen. Seither schreibt sie in der Eltern-Kolumne „Schlaflos“ – unter Pseudonym – über Gewöhnliches und Ungewöhnliches im Leben in zwei Welten.

Tanabata, das Sternenfest, leitet Anfang Juli immer den Sommer ein – und damit eine für uns magische Zeit der traditionellen japanischen Feste, die ausgelassen und farbenfroh draußen stattfinden und an denen jeder teilnehmen kann. Während Silvester hier im engen Familienkreis gefeiert wird, Geburtstage bis vor Kurzem eigentlich gar nicht begangen wurden und andere buddhistische Feiern auf uns eher exklusiv wirken, sind diese Sommerfeste eine spannende Mischung aus Traditionen um das Austreiben böser Geister, chinesischen Bräuchen und buddhistischen Riten.

Was gehört zum Picknick unter Kirschblüten dazu?

Bambuszweige voller bunter beschriebener Papierzettel stehen rund um Tanabata vor Schulen, Kindergärten und manchmal sogar im Supermarkt. In diesem Jahr konnten wir zum ersten Mal unseren Wunsch auf Japanisch darauf schreiben: „Ich möchte mehr Käfer finden“ für Lenny, der in seinem Waldkindergarten die meiste Zeit des Tages draußen verbringt. „Keine Kriege“, schrieb Max, malte einen Panzer und strich ihn dick durch. Ursprünglich ging es bei Tanabata darum, eigene Fähigkeiten zu verbessern. Heute sind quasi alle Wünsche erlaubt – auch das Finden der großen Liebe oder Reichtum.

Tanabata-Wünsche in DazaifuTanabata-Wünsche in DazaifuPicture Alliance

Es bedeutet mir viel, gemeinsam mit den Kindern die japanische Kultur zu erfahren und die Traditionen und Rituale gemeinsam zu begehen, soweit es uns möglich ist. Unser Tierfamilienbuch ist dabei unser Kompass: Es erklärt genau, was zu einem echten Picknick unter Kirschblüten („Hanami“) gehört, welche Früchte und Lebensmittel in welchem Monat Saison haben und wann der beste Zeitpunkt ist, das Zimmer aufzuräumen (zu Neujahr und zum Sommerbeginn). In Supermärkten oder auf Spielplätzen halte ich detektivisch Ausschau nach lokalen Veranstaltungen, die wir vielleicht besuchen könnten. Ich liebe es zu sehen, wie meine Kinder die Kultur in sich aufsaugen und die Energie der Feste spüren.

Willkommen, Geister der Ahnen!

Ich verbinde die heißen und feucht-schwülen Sommer in Japan immer mit leichten Kopfschmerzen, stehender Luft in den Straßen und brennender Sonne im Nacken. Doch die lauen Heimwege auf dem Fahrrad nach solchen Tagen haben sich mir in einer Mischung aus Schwindel und tiefer Verbundenheit schon jetzt tief eingeprägt: In unserem ersten Sommer hörten wir auf der Rückfahrt vom Schwimmbad auf einmal laute Trommelschläge und zarte Flötenklänge. Wir hielten an und parkten unser großes Fahrrad mit Anhänger, mit dem wir hier immer und überall eine Attraktion sind. Schon bekamen die Kinder eine Tüte Süßigkeiten in die Hand gedrückt. „Kommt rein, kommt rein“: Nachbarschaftshelfer mit gelben Warnwesten winkten uns auf das Gelände eines Spielplatzes.

Auf einem dort aufgebauten Holzturm schlug sich eine Taiko-Trommlerin fast die Seele aus dem Leib. Um den Turm tanzten ältere Damen und Kinder in wunderschönen Yukatas, den Sommer-Kimonos mit Blumenmustern und breitem Gürtel, dazu Sandalen aus Holz. Wir sahen erst staunend zu, dann reihten wir uns ein, tanzten mit, das Kleinkind auf dem Arm, zwei Schritte vor, einen zurück, immer im Takt der Trommel und der Flöte. Erst später haben wir erfahren, dass wir in einem „Bon-Odori-Festival“ gelandet waren, bei dem die Geister der Ahnen geehrt werden – der dunkle Klang der Taiko-Trommeln soll sie willkommen heißen, unterhalten und Energie spenden.

Bon-Odori-Festival in TokioBon-Odori-Festival in TokioPicture Alliance

Auch wir haben diese Energie an jenem Abend gespürt. Es gibt ein Video, auf dem unser eineinhalbjähriger Sohn so wild im Takt wippt, dass er den großen Bruder beinahe von der Bank schiebt. Dass auch diese Tradition in der Moderne ankommen kann, lernten wir im vergangenen Jahr, als der Vortänzer, der Sensei, auf die klassische Trommel- und Flötenmusik YMCA choreografierte.

Wenn Fabelwesen durch die Straßen ziehen

Böse Geister vertreiben und gute Seelen willkommen heißen, das sollen auch die großen Feuerwerke, die in Japan ebenfalls nicht zu Silvester, sondern im Hochsommer stattfinden. Vor knapp 300 Jahren befahl der damalige Herrscher, der Shogun von Edo, zu dieser Jahreszeit das erste offizielle Feuerwerk im heutigen Tokio – um die Geister von Millionen Toten nach einer verheerenden Hungersnot zu besänftigen und eine Cholera-Epidemie zu beenden.

Auch heute finden die Feuerwerke an den großen Flüssen statt. Das Feuerwerk am Tama-Fluss in Tokio liegt quasi direkt vor unserer Haustür. Jedes Jahr liefern sich Tokio und Kawasaki ein Rennen, welche Flussseite pompöser in Szene gesetzt wird. Wir waren zum „Hanabi“, zum Feuerwerksschauen, zu einer Kindergartenfreundin von Lenny eingeladen und schauten vom Balkon aus zu, während wir Pizza und Sushi schnabulierten und versuchten, ein halbwegs unverwackeltes Gruppenfoto aufzunehmen.

Der Sommer ist auch die Zeit der großen Straßenumzüge, der Matsuri, bei denen Prunkwagen durch die Straßen getragen oder gezogen werden. Im Mai bestaunte ich mit meinem Sohn Max die gigantisch großen Krieger, Götter, Fabelwesen und Tiere aus Pappmaché, die beim großen Nebuta-Festival in Aomori von innen beleuchtet durch die Straßen ziehen. Ich bedauere, dass wir in diesem Jahr im August noch in Deutschland sind und sie nicht live in Aktion sehen können. Es steht ziemlich weit oben auf meiner Muss-ich-unbedingt-sehen-in-Japan-Liste. Seit wir hier in Japan leben, wird sie allerdings eher länger als kürzer.

Gesamten Artikel lesen