Auf den ersten Blick gleichen die beiden Porträts einander wie ein Ei dem anderen: Nur ihre Formate scheinen die zwei Brustbilder eines „Alten Mannes mit Goldkette“ voneinander zu unterscheiden. Das größere der beiden fast lebensgroßen Porträts gehört einem renommierten Museum. Als Werk Rembrandts, 1631 auf Holz gemalt, ist es ein Glanzstück des Art Institute of Chicago.
Das zweite, etwas kleinere Bildnis des über die Schulter schauenden, schwarz gekleideten Mannes mit Federhut, Metallkragen und Goldkette wurde auf Leinwand gemalt. Es gehört dem britischen Privatsammler Sir Francis Newman, dessen Urgroßvater es 1898 in der Londoner Kunstgalerie Agnews kaufte: als echten Rembrandt. Später kamen unter anderem bei dem deutschen Kunsthistoriker Wilhelm von Bode Zweifel an der Urheberschaft auf, sie sich nach der ersten und einzigen Ausstellung der Leinwandfassung 1952 in der Londoner Royal Academy verfestigten. Fortan galt die kleinere Version als Kopie aus der Werkstatt des niederländischen Barockmalers.
Hätte man einen Schüler nicht korrigieren müssen?
Nun könnte sich das Blatt abermals wenden. In Chicago, wo beide Gemälde nebeinander untersucht wurden und ausgestellt sind, ist sich der Rembrandt-Experte Gary Schwartz sicher: Das Leinwandbild wurde nach dem Tafelbild gemalt, stammt aber wie dieses von Rembrandt selbst.
Dass ein Barockmaler verschiedene Fassungen desselben Motivs anfertigt, ist nichts Außergewöhnliches. Die Frage, wie groß der Anteil eines Meisters mit Werkstattbetrieb war, kann dagegen nur von Fall zu Fall beantwortet werden. Röntgen- und Infrarotaufnahmen des Chicagoer Bildes sollen „The Art Newspaper“ zufolge eine Vorzeichnung zutage gefördert haben, die Veränderungen bei der Bekleidung des dargestellten Mannes zeige. Solche Korrekturen fehlten auf der Leinwand. Schwartz leitet daraus ab, dass die kleine Fassung nicht von einem Schüler gemalt worden sei, weil diesem Fehler hätten unterlaufen müssen, die der Meister korrigiert hätte.
So stark die Bilder einander ähneln, gibt es doch einige Unterschiede. Auf dem Gemälde aus Privatbesitz sind die Wimpern mit feinen Pinselstrichen in heller Farbe aufgetragen, auf dem Gemälde des Art Institute aus der dunklen, noch feuchten Farbe herausgekratzt. Einer Untersuchung des Hamilton Kerr Institute der Universität Cambridge zufolge stimmen die Leinwand und die Farbpigmente der kleineren Version mit den Materialien überein, die Rembrandt in seinem Atelier verwendete. Auch die Schichten des Bildaufbau würden seiner Arbeitsweise entsprechen.
Entschieden ist damit nichts, aber die Diskussion der Experten um die beiden Männer mit Goldkette wieder eröffnet. Sollte sich die abermalige Zuschreibung des Leinwandbilds an Rembrandt durchsetzen, will Francis Newman dem „Guardian“ zufolge sein Gemälde einem Museum zur Verfügung stellen.

vor 3 Stunden
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