Läufer beim Marathon in Los Angeles: Ein Sprint entscheidet alles
Foto: Qiu Chen / Xinhua / IMAGODieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
Es heißt, ein Marathon sei kein Sprint. Wer 42,195 Kilometer laufen will, braucht Ausdauer, ein Gespür für die Qualen, die Kontrolle über den eigenen Körper. Im Training. Und im Rennen sowieso.
Nur: Was passiert, wenn ein Marathon plötzlich doch zum Sprint wird?
Eine Szene vom Los-Angeles-Marathon geht derzeit viral. Eine Luftaufnahme zeigt den Kenianer Michael Kimani Kamau, wie er die letzten Meter Richtung Ziel lief.
Am Straßenrand jubelten die Zuschauer, die Ziellinie war in Sicht, niemand schien ihm zu folgen.
Alles sah nach dem perfekten Moment des Triumphes aus, nach dem langen Alleingang eines Siegers.
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Doch dann zoomt die Kamera heraus. Und aus dem Hintergrund tauchte ein weiterer Läufer auf: Nathan Martin, ein US-Amerikaner, der das gesamte Rennen hinter Kamau verbracht hatte. Mal näher dran, mal weiter weg. Bei Kilometer 40 lag er 44 Sekunden zurück, zu diesem Zeitpunkt eines Profirennen fast eine Ewigkeit.
Doch jetzt schien Martin immer schneller zu werden. Er spürte das Momentum, zog an, Meter um Meter.
Kamau kämpfte, aber offenbar bekam er von dem Verfolger erst spät etwas mit, das Publikum brüllte, die Führenden näherten sich der Ziellinie.
Dann, Zentimeter vor dem Ziel, passierte es: Martin schob sich an Kamau vorbei, brach als Erster durchs Zielband. Der geschlagene Kenianer fiel fast noch auf der Linie zu Boden.
Es ist, als hätte Kamau einen Boxkampf über zwölf Runden dominiert und wäre dann, Sekunden vor dem Ende, mit einem einzigen vernichtenden Schlag K. o. geschlagen worden.
Am Ende trennen die beiden nur 0,18 Sekunden. Es ist eines der knappsten Finals der Marathongeschichte – wenn nicht sogar das knappste – und noch dramatischer als Amanal Petros' verpasster Sieg bei der Leichtathletik-WM im vergangenen Jahr mit 0,3 Sekunden Rückstand.
Und das alles nach 42195 Metern, nach 2:11:18 Stunden. Wäre das ein 100-Meter-Rennen gewesen, es wäre schon eng gewesen. Doch auf dieser Distanz ist das außergewöhnlich.
Was größer ist, lässt sich kaum sagen: der Wille Martins, dieses Rennen noch zu drehen. Ein 36-jähriger US-Amerikaner, der im vergangenen Jahr seinen ersten Ausrüstervertrag unterschrieben hat und eigentlich an einer Highschool als Lauftrainer arbeitet. Oder die Tragik von Kimaus Niederlage, dem der Sieg durch die Finger rinnt?
Je öfter man das Video der letzten Meter sieht, desto lauter möchte man Kamau zurufen: »Achtung, er kommt!« Aber Kamau schien ohnehin alles zu geben, was er noch an Kraft übrig hatte.
An diesem Sonntag herrschten in Los Angeles außerdem außergewöhnliche Temperaturen: Bis zu 32 Grad und kaum Schatten. Der Veranstalter hatte deswegen bereits im Vorfeld Finishermedaillen für alle Läuferinnen und Läufer angekündigt, die es bis nur zur Meile 18, also bis Kilometer 29, schaffen. Damit sich niemand überschätzt.
Ein Motorrad ist die Vorgeschichte zum Drama
Es gab allerdings noch eine Vorgeschichte zum außergewöhnlichen Finale. Ein zweites Video, weit weniger verbreitet, zeigt, was vorher geschah: Kamau lief rund 500 Meter vor dem Ziel, als plötzlich das Führungsmotorrad rechts abbog – ein normaler Vorgang, um den Schlussspurt nicht zu behindern. Kamau aber folgte reflexhaft. Er lief praktisch in eine Sackgasse. Streckenposten eilten herbei, lotsten ihn zurück. Rund sieben Sekunden verlor er. Und etwas Wichtigeres: den Rhythmus.
Jeder, der schon einmal einen Marathon gelaufen ist, kennt dieses Gefühl am Ende: Wenn man im Ziel aufhört zu rennen, scheinen sich alle Muskeln zusammenzuziehen. Es ist, als würde der Körper sich komplett herunterfahren.
Kamau lief falsch, musste stoppen und ein paar Meter zurücklaufen, um dann erneut nach vorn zu laufen. Ein Neustart zu diesem Zeitpunkt.
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Der Körper, der eben noch wie eine Maschine funktioniert hat, gerät aus dem Tritt. Aus Konzentration wird Chaos.
Und hinten erkannte Nathan Martin seine Chance.
Er beschleunigte. Immer näher. Immer weiter. Bis zur letzten Sekunde. Der Rest ist Geschichte und ein Lehrstück darüber, wie schön, spektakulär und grauenvoll Sport sein kann.
Aber genau das ist es, weswegen man ihn so liebt.

vor 2 Stunden
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