Dax: Skepsis unter Anlegern wächst wieder – und das ist gesund

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Für die Umfrage werden jeden Freitagmorgen bis Samstagabend mehr als 10.000 Privatanlegerinnen und -anleger nach ihrer Markteinschätzung befragt. Die Antworten wertet Stephan Heibel, Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX, aus und ergänzt sie um weitere Indikatoren.

Das aktuelle Ergebnis zeigt, dass die Kursverluste der vergangenen Börsenwoche die Anlegerstimmung (Sentiment) wieder nach unten gedrückt haben: Der Umfragewert fiel von plus 3,4 Punkten in der Vorwoche auf minus 0,3 Punkte, Extremwerte starten bei plus und minus vier Zählern.

Heibel führt das auf die Entwicklung im Irankrieg zurück. Als die vergangene Umfrage stattfand, wuchs die Hoffnung auf eine baldige Öffnung der Seestraße von Hormus. Doch diese ist nach einer kurzzeitigen Öffnung wieder geschlossen, und es ist unklar, wie die Friedensverhandlungen zwischen den USA und dem Iran vorankommen.

Das belastet Stimmung und Aktienmarkt gleichermaßen. So sagen jetzt nur noch 14 Prozent der Befragten, dass sich der Dax in einem Aufwärtstrend befindet. Eine Woche zuvor waren es noch 42 Prozent.

Dadurch macht sich wieder Verunsicherung breit. Der dazugehörige Wert fällt von minus 0,2 auf minus 1,3 Punkte.

Die Verunsicherung wird ermittelt, indem Anleger sagen, ob sich ihre Erwartungen in der Börsenwoche erfüllt haben. Je mehr Erwartungen enttäuscht wurden, desto größer ist die Verunsicherung.

Gleichzeitig bleibt die Zukunftserwartung gedämpft. Sie liegt im neutralen Bereich bei 0,4 Punkten und wird gemessen, indem die Umfrageteilnehmer angeben, welche Marktphase sie in drei Monaten erwarten.

Für das Dax-Sentiment sei das keine übliche Entwicklung, sagt Heibel: „Häufig sorgen fallende Kurse bei Anlegern für eine steigende Erwartungshaltung, denn ein niedrigeres Kursniveau ermöglicht einen Kursanstieg in der Zukunft. Nicht so diese Woche.“

Auch die Investitionsbereitschaft fällt. Mit 2,3 Punkten, nach 3,5 Zählern in der Vorwoche, befindet sie sich aber immer noch im hohen Bereich.

Heibel hält vor allem die neutrale Zukunftserwartung für eine gesunde Entwicklung. Er sagt: „Wäre die Zukunftserwartung ebenfalls angestiegen, wie so häufig der Fall, wäre dies ein Zeichen für nach wie vor viele Spekulanten im Markt, die jede kleine Bewegung an den Märkten zum Zocken nutzen.“

Wenn jedoch ein Wochenminus von mehr als zwei Prozent nicht mehr dazu führe, dass kurzfristig orientierte Trader einsteigen, sei dies ein Zeichen, dass diese Anlegergruppe der Börse inzwischen genervt den Rücken kehrt. Im Umkehrschluss bedeutet das laut Heibel: „Anleger, die jetzt kaufen, halten ihre Positionen für gewöhnlich länger als nur wenige Tage.“

Niedrige Zukunftserwartungen ermöglichen gesündere Rally

Dadurch sei auch das Rückschlagrisiko geringer, sagt Heibel weiter: „Je niedriger die Zukunftserwartung, desto gesünder wäre gegebenenfalls eine sich anschließende Rally.“

Grundannahme der Sentiment-Theorie ist, dass die Stimmung unter Anlegern meist ein Kontraindikator ist: Euphorie ist gefährlich, weil dann kaum noch potenzielle Käufer übrig sind. Panik ist ein Einstiegssignal, weil dann kaum noch potenzielle Verkäufer übrig sind und wenige Käufer reichen, um die Kurse wieder nach oben zu bewegen.

Beim Dax-Sentiment deutet ein Fünf-Wochen-Durchschnitt von mehr als 20 Punkten darauf hin, dass dieser Zustand erreicht wird. Während des Irankriegs wurde dieser Wert erstmals am 30. März erreicht – freitags zuvor erreichte der Dax seinen bislang niedrigsten Schluss während des Kriegs.

Neben der gegenwärtigen Stimmung gibt es noch die künftige Erwartung. Solange diese deutlich positiv ist, also noch Hoffnung besteht, finden Korrekturen in der Regel keinen Kursboden. Ist dieser Kursboden dann erreicht, können die Kurse peu à peu wieder steigen.

Heibel leitet daher aus den aktuellen Ergebnissen keinen Handlungsbedarf für Anleger ab: „Weder sind Anleger so bullish positioniert, dass ein Ausverkauf drohen könnte, noch sind Anleger unterinvestiert, sodass sie den Kursen hinterherlaufen müssten.“

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Stattdessen könnten Anleger abwarten, welche Wendungen es im Nahen Osten noch gibt, sagt Heibel: „Anleger sind in meinen Augen neutral positioniert, sodass eine neue Richtung aus Sicht der Sentiment-Theorie keinen zusätzlichen Treibstoff erwarten kann.“

Seit 2014 analysiert Stephan Heibel die Handelsblatt-Umfrage. Foto: Matthias Martin, Berlin

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