„Das war eine Aktion, die an einen Agenten-Thriller erinnert“

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Archäologie gilt als exotische Wissenschaft, die gern ein wenig romantisiert wird. Dabei reicht ihre Bedeutung bis in die Außenpolitik. Stefan Feuser ist Professor für Klassische Archäologie und erzählt, was seinen Job wirklich faszinierend macht.

Mit der Archäologie verbindet sich heute viel mehr als die Grabung nach verborgenen Altertümern. Stefan Feuser, Professor für Klassische Archäologie an der Universität Bonn, erklärt, wie moderne Technologien seine Arbeit tiefgreifend verändert haben – und warum sie immer auch politisch ist.

WELT AM SONNTAG: Herr Professor Feuser, woran arbeiten Sie gerade?

Stefan Feuser: Mit meinem Team möchte ich herausfinden, wie die Menschen hier im Rheinland während der Römerzeit gelebt haben. Es gab eine Töpferproduktion im großen Stil. Die Waren wurden bis nach Großbritannien exportiert. Eine solche Industrie hinterlässt Spuren. Die Krüge und Schalen mussten in einem Ofen gebrannt, die Öfen mit Holz befeuert werden. Das erzeugte viel Rauch und belastete Mensch und Umwelt. Aber es gibt noch einen interessanten Aspekt: Die Menschen in dieser Epoche haben ungewöhnlich viel konsumiert. Und wir wollen wissen: Warum will der Mensch plötzlich immer mehr haben? 

WAMS: Haben Sie eine Hypothese? 

Feuser: Der Mensch baut Häuser, die nicht nur schützen, sondern auch schön sein sollen. Genauso ist es mit unserer Kleidung. Wir wollen etwas ausdrücken. Das scheint etwas zu sein, was uns Menschen innewohnt. Und da wollen wir verschiedene Epochen vergleichen: Was passiert mit der Gesellschaft? Welche Probleme hängen mit dem Konsum zusammen? Das sind Fragen, die in unsere heutige Zeit weisen.

WAMS: Was treibt Sie als Archäologen an?

Feuser: Mich interessiert, wie Menschen früher gelebt haben. Ich schaue mir die Objekte an, die sie vor Tausenden oder Zehntausenden Jahren genutzt haben. Und ich frage mich: Was haben sie damit gemacht? Welche Geschichte haben diese Objekte? Das hat mich früh fasziniert. Ich habe als Schüler ein Praktikum bei einer archäologischen Ausgrabung gemacht. Mein Berufswunsch war danach klar. Heute verbringe ich im Jahr mehrere Wochen im Feld.

WAMS: Was ist Ihr wichtigstes Arbeitsgerät?

Feuser: Im Feld sind es Spaten, Schaufel, Kelle und Pinsel. Ein Vermessungsgerät, eine Drohne, die wir aufsteigen lassen können, und eine Kamera. Und wir haben leistungsstarke Laptops, mit denen wir bereits vor Ort 3D-Modelle berechnen können. Wir nehmen aber auch viele Proben. Reste von Holzkohle etwa, die Erde, die wir ausgraben. An Keramikscherben können die Kollegen im Labor die Rückstände analysieren: War Bier in dem Gefäß? Oder Olivenöl? An den Knochen kann abgelesen werden: Was hat ein Mensch gegessen? Wie viel Fleisch oder Fisch, wie viel pflanzliche Nahrung? Ist er dort aufgewachsen, wo er gestorben ist? So lassen sich frühe Migrationsbewegungen nachvollziehen. Auch Genanalysen helfen dabei. Nach einer Ausgrabung fängt also die Arbeit erst an. Das ist eine große Teamarbeit.

WAMS: Welche neuen Technologien haben die Archäologie besonders vorangebracht? 

Feuser: Geophysikalische Methoden ermöglichen es heute, ohne Grabung tief in den Boden zu schauen und Eingriffe des Menschen zu erkennen. Mit moderner Lasertechnik können wir heute von oben durch dichten Bewuchs auf den Boden schauen. So wurden im Dschungel Mittelamerikas spektakuläre Entdeckungen von bislang unbekannten riesigen Städten gemacht. Die Ergebnisse sickern langsam in die Wissenschaft ein und verändern unseren sehr westlich geprägten Blick auf die Entwicklung von Kulturen außerhalb Europas. 

WAMS: Sind solche Funde Zufall? Oder wird gezielt gesucht? 

Feuser: Man ahnt, dass es da etwas gibt. Und mit den modernen Methoden können dann gezielt große Flächen gescannt werden. In der Mongolei zum Beispiel werden gerade Städte aufgespürt, die einst von Reiternomaden errichtet wurden und über die Reisende im 19. Jahrhundert berichtet haben. Es gibt aber auch eher zufällige Entdeckungen, wie die Himmelsscheibe von Nebra, die aus dem illegalen Kunsthandel gerettet wurde. Das war eine Aktion, die an einen Agenten-Thriller erinnert. Der Fund hat unser Verständnis für die Kulturen der Bronzezeit verändert. Die Scheibe ist etwa 4000 Jahre alt und die bislang älteste bekannte Darstellung des Himmels.

WAMS: Welche Ausgrabung ist Ihnen persönlich besonders in Erinnerung geblieben?

Feuser: Als junger Archäologe war ich an einer Ausgrabung im Nordwesten der Türkei beteiligt. Wir haben einen alten Kanal freigelegt und darin ein menschliches Skelett mit einer Verletzung am Schädel entdeckt. Daneben lag ein Beutel mit Münzen aus dem 3. Jahrhundert nach Christus, die eine genaue Datierung des Funds ermöglichten. Hier konnten wir ein biografisches Schicksal in einen historischen Zusammenhang stellen. Das ist mit dieser Deutlichkeit eher selten.

WAMS: Haben Sie Vorbilder? Viele denken sicherlich an den Kaufmann Heinrich Schliemann, der in Eigeninitiative Troja ausgegraben hat. 

Feuser: Schliemann war in der Tat ein Seiteneinsteiger und zu einer Zeit aktiv, als sich die Archäologie gerade an den Universitäten etablierte. Er hat mit seiner Arbeit wesentlich dazu beigetragen, Standards weiterzuentwickeln. So berücksichtigte er die Stratigrafie – die Abfolge der archäologischen Schichten – und arbeitete eng mit anderen Wissenschaften zusammen. Beides tun wir auch heute noch.

WAMS: Wie ist das heute mit den Hobbyarchäologen? Dürfen die einfach so graben?

Feuser: Archäologie ist eine hoheitliche Aufgabe. Passionierte Laien dürfen nicht einfach losbuddeln und nach Schätzen suchen. Aber sie können sich als ehrenamtliche Mitarbeiter der zuständigen Landesämter für Archäologie oder Denkmalpflege engagieren. Es gilt: Ausgrabungen müssen genehmigt und Funde gemeldet werden.

WAMS: Ist Archäologie als Beruf nicht eine brotlose Kunst?

Feuser: Im Gegenteil. Es herrscht Fachkräftemangel. Archäologen werden händeringend gesucht. Bei großen Bauvorhaben muss geschaut werden, ob sich archäologisch wertvolle Relikte im Untergrund befinden. Auch die Energiewende schafft Arbeit für uns. Wo Schneisen für Stromtrassen geschlagen werden, Windräder errichtet oder Solarparks entstehen sollen, müssen Archäologen zuvor den Untergrund prüfen.

WAMS: Sind Sie bei Grabungen im Ausland schon einmal angefeindet worden?

Feuser: Ich würde eher von Skepsis sprechen, und die ist mir in Deutschland und auch im Ausland begegnet: Ob wir nach Goldstücken suchen würden? Da habe ich zum Teil schon Ressentiments gespürt. Aber überwiegend wird uns Wohlwollen entgegengebracht. Und ich bin immer wieder positiv überrascht, wie groß doch das Interesse an unserer Arbeit ist. 

WAMS: Ist Archäologie auch politisch? Das Deutsche Archäologische Institut führt weltweit an 200 Orten mit nationalen Partnern Forschungsprojekte durch. 

Feuser: Archäologie berührt in der Tat auch politische Belange. Das Deutsche Archäologische Institut, das Sie ansprechen, gehört zum Geschäftsbereich des Auswärtigen Amtes und ist damit auch Teil der auswärtigen Kulturpolitik. Als Archäologen im Ausland sind wir immer auch Botschafter Deutschlands. Unsere Stärke ist, dass wir Brücken bauen können, wo die Politik auf höherer Ebene oft nicht mehr weiterkommt. Wir arbeiten mit Kollegen vor Ort zusammen und haben dabei ein gemeinsames Interesse – das kulturelle Erbe des jeweiligen Landes zu bewahren. Das schafft oft freundschaftliche Verbindungen, die auch Krisen überdauern.

WAMS: Zum Beispiel?

Feuser: Als Reaktion auf militärische Konflikte brechen institutionelle Kontakte meist sehr schnell ab. Das betrifft derzeit Russland ebenso wie den Iran. Archäologisches Arbeiten vor Ort ist dann natürlich nicht mehr möglich. Die persönlichen Kontakte aber sind noch da. Und wenn wir nach Syrien oder in den Irak schauen, dann sind die Archäologen unter den Ersten, die wieder ins Land kommen und neue Projekte entwickeln. 

WAMS: Trotzdem gehört die Archäologie zu den Fachbereichen, die als erste von Sparmaßnahmen bedroht sind. Wie passt das zusammen?

Feuser: Noch ist nicht entschieden, ob etwa das Archäologische Institut der Humboldt-Universität Berlin tatsächlich geschlossen wird. Die Hochschule für Technik und Wissenschaft Berlin wollte den Studiengang Grabungstechnik und Restaurierung einstellen. Aber der Akademische Senat hat das zum Glück verhindert. Die Universität Kiel baut die Archäologie sogar aus. Und hier in Bonn wurde gerade eine neue Professur eingerichtet, die sich speziell mit archäologischen Naturwissenschaften befasst – also den speziellen Methoden, mit denen wir unsere Funde untersuchen. Es geht also weiter. 

WAMS: Wie sehen Sie die Zukunft der Archäologie?

Feuser: Die Archäologie verfügt über die historische Tiefe und einen großen Wissensschatz, um zur Lösung der großen Menschheitsprobleme beizutragen: Wie etwa gehen wir mit Klima und Umwelt um? Ein Blick in die Vergangenheit kann unser heutiges Bild ein wenig geraderücken, weil wir doch sehr im Jetzt verankert sind.

WAMS: Eine Frage noch: Was hat es mit diesem Hut der Archäologen auf sich?

Feuser: Das ist wohl geprägt durch die ‚Indiana-Jones‘-Filme. Inzwischen ist das ein bisschen Kult. Ansonsten tragen wir Archäologen einfach eine Kopfbedeckung, um uns vor zu viel Sonne zu schützen. Es gibt aber auch viele Kollegen, die im Winter arbeiten – dann muss es eine warme Mütze sein.

Stefan Feuser, 48, ist seit 2022 Professor für Klassische Archäologie an der Uni Bonn. 2025 übernahm er den Vorsitz des Deutschen Archäologen-Verbands.

Woman's hands using a brush to clean up a piece of ancient pottery on an archaeological site

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