Clifford Geertz: Dicht dichtender Beobachter

vor 3 Tage 1

Kultur – das ist weniger eine Kategorie als eine Erwartung. Ein hochkomplexes Ganzes, das sich nur schwer einschränken lässt. Man kann Kultur als historische Realität ansehen, man kann sie in Folklore verwandeln, man kann aus ihr Institutionen machen, man kann sie in Unterhaltung und Ernst aufteilen – aber man kann sie immer auch ganz anders fassen. Kultur, das ist eine Pseudoeinheit, ein Kofferbegriff. In Wahrheit versteckt sich dahinter eine Welt in Stücken, ein großes Reservoir an unterschiedlichen Bedeutungsebenen, ein Tohuwabohu aus Vorstellungen und Formen. Wie das fassen?

Clifford Geertz, 1992.Clifford Geertz, 1992.Randall Hagadorn/Institute for Advanced Study (Princeton, N.J.), Randall Hagadorn. Institute for Advanced Study (Princeton, N.J.)

Der US-amerikanische Ethnologe Clifford Geertz, der in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre, hatte eine Lösung: Er plädierte dafür, Kultur als ein System bedeutsamer Symbole zu sehen. Eine Vielfalt aus auslegbaren Zeichen. Sein semiotischer Begriff von Kultur hat eine suggestive Wirkung. Er ermöglicht es, immer dort von Kultur zu sprechen, wo menschliches Handeln als symbolisches Handeln ausgewiesen wird, ein Handeln also, das eine Bedeutung über den praktisch-faktischen Gehalt hinaus entwickelt. Kultur, das ist in dieser Sichtweise der Handschlag, das Augenzwinkern, der Kirchgang. Und Kulturwissenschaft, das ist die Bedeutung von Bedeutungen.

Selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe

In einem berühmten Aufsatz aus dem Jahr 1973 definiert Geertz die Kultur als ein „selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe“, in das sich die Menschen immer wieder aufs Neue verfangen. Kultur ist keine Instanz, so der anregend schreibende Ethnologe, sondern viel mehr ein Rahmen, in dem gesellschaftliche Ereignisse, Verhaltensweisen und Prozesse verständlich werden, eine Bedeutung erlangen. Seinem Aufsatz gab Geertz damals die suggestive Überschrift „Dichte Beschreibungen“ (später wurde das zum Titel eines einflussreichen Suhrkamp-Bandes mit verschiedenen seiner Essays) und griff damit eine Begriffsschöpfung des britischen Philosophen Gilbert Ryle auf.

Dichte Beschreibung – darunter versteht Geertz im Gegensatz zur „dünnen“ Beschreibung, die sich auf das Sammeln von Daten beschränkt, einen interpretierenden Zugang zur Gedankenwelt des untersuchten Gegenstands. Es geht der dichten Beschreibung um eine Nähe zwischen Beobachter und Beobachtetem, die sich in der elementaren Darstellung eines Bedeutungszusammenhangs ausdrückt. Etwa ein Ereignis, ein Ritual oder einen Brauch so beschreibt, dass in diesem Partikular von Kultur die Form einer ganzen Gesellschaft aufscheint.

Interpretative Ethnologie

„Ethnographie ist dichte Beschreibung“, lautet das Credo von Clifford Geertz, den man gemeinhin als Vertreter einer interpretativen Ethnologie annonciert. Schon in solchen Zuschreibungen deutet sich eine poetische Dimension dieses Forschertyps an. Und wirklich umgibt Geertz als Ethnologe etwas von der Aura eines Literaturwissenschaftlers. Er, der Kultur als ein Dokument versteht, das man „lesen“ müsse, er, der lieber Essays schreibt als systematische Abhandlungen und jederzeit bereit ist, alle generalisierende Regelmäßigkeit gegen eine einzelne Konkretion einzutauschen. Für Geertz ist die Beschreibung von Wirklichkeit ein imaginativer Vorgang. Und zwar einer, der sich vom Kleinen aufs Große zubewegt, der sich den schicksalhaften Konstellationen des Lebens – Macht, Glaube, Gewalt, Liebe, Autorität – aus der Bekanntschaft mit äußerst kleinen Zusammenhängen nähert: einer Sitte, einem Ritual, einem Dorf. Wobei selbst das ihm schon fast zu großspurig klingt: „Ethnologen untersuchen nicht Dörfer, sie untersuchen in Dörfern.“

Geertz, der als Sohn eines Geschäftsmannes und einer Tennisspielerin in Kalifornien aufwuchs und als Freiwilliger der US Navy am Zweiten Weltkrieg teilnahm, bevor er in Harvard bei Talcott Parsons in die Schule ging und später in Berkeley und Chicago Professor wurde, betrieb stets ein gewisses Understatement. Die Ethnologie, so Geertz, liefere der Soziologie nur handfestes Material. Dass dieses Material aber mitunter selbst schon Gesellschaftstheorie in sich trägt, hat Geertz mehrfach bewiesen – geradezu ikonisch ist seine dichte Beschreibung des balinesischen Hahnenkampfes aus dem Jahr 1972. Hier erreicht das Verstehen kultureller Systeme im Modus des pars pro toto einen meisterhaften Höhepunkt. Gegen die Kritik heutiger Postkolonialisten war Geertz immer schon immun, nicht nur weil Edward Said ihn ausdrücklich von den „klassischen Orientalisten“ absetzte, sondern auch weil er gegen die konventionelle Methodik seiner Zunft polemisierte: „Wir wollen weder Eingeborene werden noch die Eingeborenen nachahmen. Nur Romantiker oder Spione können darin einen Sinn sehen.“

Während seiner Zeit als Direktor des legendären Institute of Advanced Study in Princeton wandte sich Geertz vermehrt auch der politischen Kultur zu und veröffentlichte Mitte der Neunzigerjahre einige einflussreiche Essays, in denen er auf die krisenhafte Gegenwart des ausgehenden 20. Jahrhunderts reagierte. Insbesondere ein Aufsatz unter dem Titel „Was ist ein Land, wenn es keine Nation ist?“ zieht auch den heutigen Leser noch in seinen Bann, weil hier ein robuster Begriff des Politischen gefordert wird, der „ethnische, religiöse, rassische, sprachliche oder regionale Selbstbehauptung nicht als archaische oder zu überwindende Unvernunft“ sieht, sondern mit ihnen umgeht wie mit anderen schwerwiegenden gesellschaftlichen Problemen. Das klingt moralpolitisch bedenklich, könnte uns aber zum Beispiel dabei helfen, auch über den Wahl-September hinaus „diskursfähig“ zu bleiben.

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