Harry Kane bei seinem Treffer zum 2:0
Foto:Alexandra Beier / AFP
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Die Immer-Vollgas-Bayern: Wie geht man in ein Rückspiel, wenn das Hinspiel 6:1 ausgegangen ist? Viele Mannschaften würden auf Querpässe und Ballbesitz setzen, Verwaltungsfußball, der Kräfte schont. Aber nicht dieser FC Bayern. Vorne jagte Luis Díaz gegen Atalanta aus Bergamo auch dann noch Steilpässen nach, als das Spiel fast vorbei war. Hinten half Stürmer Harry Kane der Defensive, als hinge das Weiterkommen davon ab. Es ist ein Wesensmerkmal dieser Elf, dass sie immer spielt, als würde sie 0:1 hinten liegen. Eine Statistik zeigt das besser als viele Worte. Zur Pause waren die Münchner 63 Kilometer gerannt. Vier Kilometer mehr als der Gegner.
Ergebnis: 4:1 (1:0) gewannen die Münchner auch das Achtelfinal-Rückspiel gegen Atalanta. Das Gesamtergebnis lautet damit 10:2. Das ist der geteilte dritthöchste Gesamtsieg in der Champions-League-Geschichte. Auf Platz eins liegt: Bayern München. In der Saison 2008/2009 gewann der Club gegen Sporting insgesamt 12:1.
Die T-Frage: Nein, Leonard Prescott stand nicht im Münchner Tor. Der 16-Jährige, der in der Torwarthierarchie beim FC Bayern an fünfter Stelle steht, galt kurzzeitig als Option für die Partie, weil Manuel Neuer und all die anderen Keeper fehlten. Bayerns Nummer zwei, Jonas Urbig, wurde allerdings rechtzeitig fit. Er parierte ein paar Bälle, aber auch mit Teenager Prescott im Tor wäre diese Partie nicht spannend geworden. Dafür waren die Münchner zu überlegen.
Das Elfmeterrepertoire des Harry Kane: Etwas mehr als 20 Minuten waren gespielt, da begann Kane seine Routine. Vor Strafstößen ist sie stets identisch, Blick, Körperhaltung, zweimal tief durchatmen, für Bayerns Starstürmer sind Elfer Handwerk. Er lief an und stoppte ab. So konnte er Atalantas Marco Sportiello Bewegung beobachten. Und dann schoss Kane doch dorthin, wo der Torwart hinsprang. Weil Sportiello aber seine Linie verlassen hatte, durfte Kane die Routine wiederholen. Diesmal sparte er sich das Abstoppen, er reagierte nicht, sondern schoss wuchtig ins rechte untere Eck zum 1:0 (25. Minute). Wenn er irgendwann einmal seine Fußballkarriere beendet hat, kann Kane ein Fachbuch über die Kunst des Elfmeterschießens verfassen.
Führte die Bayern als Kapitän an: Harry Kane
Foto: Michaela Stache / REUTERSAber Kane kann so viel mehr: Auch beim Torjubel hat Kane seine Routine, er läuft los, springt ab, dann schnellt seine rechte geöffnete Hand scharf durch die Luft. Beim 1:0 jubelte er so, nach seinem Treffer zum 2:0 sah man die Routine aber nicht. Stattdessen schaute Kane etwas erstaunt, fast so, als hätte er sich selbst überrascht. Zuvor hatte der 32-Jährige zwei Verteidiger mit einem Hackentrick stehen gelassen und dann ansatzlos wie wuchtig unter die Latte geschossen (54.). Es war eines seiner schönsten Saisontore. Was etwas heißen will.
Ein Trickser für Deutschland: Am Nachmittag war durchgesickert, dass Lennart Karl am Donnerstag erstmals von Julian Nagelsmann in den DFB-Kader berufen wird. Nach seinem Durchbruch beim FC Bayern ist das keine Überraschung. Allerdings war Karl zuletzt etwas Leichtigkeit abhandengekommen. Bälle, die in der Hinrunde im Winkel landeten, flogen plötzlich vorbei, sein letztes Tor hatte Karl Mitte Januar erzielt. Gegen Atalanta endete diese kleine Durststrecke, Karl traf nach Vorlage von Luis Díaz mit einer flachen Direktabnahme zum 3:0. Und lieferte dann die Vorlage für das 4:0 von Díaz. Der Bundestrainer darf sich auf ein besonderes Talent freuen.
Lennart Karl beim Torjubel: Erster Treffer seit drei Monaten
Foto: Michaela Stache / REUTERSDer versunkene Club: Atalanta gilt als das Team, das die extreme Manndeckung auf Topniveau salonfähig gemacht hat. Mit diesem Stil gewannen die Italiener vor zwei Jahren die Europa League, viele andere Vereine schauten sich die Verteidigungsstrategie ab. Aber gegen die Bayern stießen sie im Hinspiel nicht nur an Grenzen, ihre Manndeckungen wurden pulverisiert. In München verteidigte Atalanta dann etwas vorsichtiger, man wollte nicht nochmals hergespielt werden wie in der vergangenen Woche. Was nur teilweise gelang.
Gelbe Welle: Es ist ja nicht so, als würde Trainer Vincent Kompany nicht auch verwalten. Er stellte Raphaël Guerreiro von Beginn an auf, das hatte er letztmals im Dezember 2025 getan. Dayot Upamecano und Konrad Laimer wurden geschont, Joshua Kimmich und Michael Olise hatten sich selbst eine Auszeit verschrieben, indem sie sich in Bergamo dubiose Gelbe Karten eingehandelt hatten. Aber dass die Bayern trotzdem spielen wie immer, ganz gleich in welcher Besetzung und was auf dem Spiel steht, zeigt, wie sehr sie Kompanys Vollgas-Mantra verinnerlicht haben.
Und dann glänzen auch noch die Debütanten: Sie müssen sich nicht schämen, wenn Ihnen der Name Deniz Ofli kein Begriff ist. Ofli, 18, in München geborener Linksverteidiger, war bis zu diesem Abend noch ohne Profieinsatz. Gegen Atalanta wurde er in der 56. Minute eingewechselt, Sekunden später stürmte er vorwärts, eroberte im gegnerischen Drittel den Ball und passte ihn zu Kane. Und dann stand es 3:0. Bei den Bayern läuft es aktuell in jeder Hinsicht.
Ausblick: Während Atalanta in der Serie A als Siebter um die Teilnahme an der Champions League bangen muss, sind die Bayern so gut wie sicher Meister. Interessanter wird das Viertelfinale der Königsklasse im April. Real Madrid ist nicht nur ein besserer Gradmesser für die absolute Stärke dieser Münchner. Real Madrid ist auch der erklärte Lieblingsverein von Lennart Karl.

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