Caroline Arni: „Wir, nicht wir“: Die unbekannte Geschichte der frühen Feministinnen

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Die wenigsten können wohl mit den Stichworten Saint-Simonismus oder saint-simonistischer Frühsozialismus etwas anfangen. 1830er-Jahre? Eigentumskritische, kollektivistische Bewegung? Von Marx und Engels verspottet? Richtig, da war was. Irgendwas mit „Utopie“. Dass es speziell auch Frühsozialistinnen gab, eine von Näherinnen, Blumenbinderinnen, Hutmacherinnen, also nicht aus Bildungsmilieus heraus getragene Bewegung, programmatische Autorinnen, die sich in der über zwei Jahre erscheinenden Frauenzeitschrift „La Femme libre“ freimütig äußerten – dies ruft jetzt die Historikerin Caroline Arni in Erinnerung.

In ihrem hinreißenden Büchlein macht sie greifbar, warum wir von einem „frühsozialistischen Feminismus“ sprechen sollten und vielleicht sogar von einer ersten, auch radikalen Frauenbewegung – und Marie Reine Guindorf, Désirée Véret, Suzanne Voilquin, Égérie Casaubon sowie (als kühlste und radikalste) Claire Démar sind ihre Stimmen.

Freilich müssen erst einmal Vorurteile zur Seite geschoben werden. Gleich zum Einstieg zeigt Arni auf, dass nicht nur die spätere marxistische Linke, sondern auch die moderne feministische Theorie mit den Saint-Simonistinnen schnell fertig war: Da berufen die sich auf Mutterschaft, reden von Körpernatur, bringen gar Gott ins Spiel. Ist das nicht ein „Paradefall der feministischen Todsünde namens Essentialisierung“?

Alle Kinder sollten den Namen ihrer Mütter tragen

Nein, ist es nicht. Das erfahren wir, wenn wir weiterlesen – was garantiert passiert, denn Arni erzählt pointiert, auch listig, dabei aber vor allem ungemein liebevoll und präzise. Sie leitet uns mitten hinein: zitiert, kommentiert und paraphrasiert. Das politisch wie weltanschaulich spannende Durcheinander, in welchem die Autorinnen der „Femme libre“ mitmischten, wird so ganz neu skizziert. Das Wort ergreifen, Ich-Sagen, Wir-Sagen: Das feiern sie alle. Ich, Désirée: „für mich hängen alle sozialen Fragen von der Freiheit der Frauen ab“! Oder Marie Reine: „Ich sage euch, was wir wollen . . .“. Oder Claire: „Ich, eine Frau, werde sprechen, da ich mein Denken nicht gefangen und still im Grund meines Herzens zu halten weiß . . .“. Arni leitet aus dieser weiblichen Par­rhesie, aus dieser authentischen Form des Wortergreifens, ganz nebenbei eine Feminismusdefinition ab: Feminismus sei „ein Geschehen, eine Folge von Ereignissen, von Momenten, in denen ein politisches Subjekt in Erscheinung tritt: Ich, Frau, spreche“.

 „Wir, nicht wir“. Frühsozialistischer FeminismusCaroline Arni: „Wir, nicht wir“. Frühsozialistischer FeminismusWagenbach

Weiter geht es aber, denn diese Frauen lehnen die Verwendung ihres Nachnamens ab. Sie wollen den Namen ihres Vaters nicht tragen. Was stattdessen? Varianten einer weiblichen Genealogie werden diskutiert: Alle Kinder sollten den Namen ihrer Mütter tragen. Auch das patriarchale Erbrecht gilt es zu ändern. Oder man schafft es ganz ab. Allen Kindern dieselben Startchancen, alle Kinder auch gleich, also keine Erstgeborenen-Vorrechte: Das soll die Neuorientierung am Wert der Mutterschaft versinnbildlichen und garantieren.

Muttersein also als Zeichen der Natur? In dieser Hinsicht leistet Arnis Einführung in das im Detail durchaus kon­troverse „Gedankenarchipel“ der Saint-Simonistinnen am meisten: Keineswegs geht es diesen kämpferischen Autorinnen um eine Huldigung der weiblichen Gebärfähigkeit oder gar um eine Romantisierung des Körpers. Anliegen von Égérie (die nichts weniger als einen „neuen Gesellschaftsvertrag“ schreibt) wie auch von Suzanne (die eine völlig gleichberechtigte Ehe entwirft) und erst recht von Claire (die freie, ehelose Liebe sowie nach der Geburt eine Entpflichtung der Frauen von der Mutterschaft fordert) ist die Anerkennung der Mutterschaft als Arbeit – als Arbeit im vollen Wortsinn: als etwas, das entlohnt werden muss, das Anrechte auf Geld und Land begründet.

Ein gescheitertes Experiment?

Es soll eben nicht nur Vatergewalt abgeschafft werden. Sondern die Mutter ist eine Produktivkraft, ein Wirtschaftssubjekt, der Anker einer nicht länger halbierten oder eigentlich sogar der falschen Seite der Wertschöpfung Vorrechte zuschiebenden Ökonomie. Es bedarf so nicht bloß einer Gleichstellung. Sondern einer alternativen politischen Ökonomie. Als komplette Rezentrierung der Macht. Bringt beispielsweise Égérie hier die „Natur“ ins Spiel, so geht es vor allem um die Wucht dieses Machtanspruchs. Darum, etwas vom Kopf auf die Füße zu stellen. Folgt man Arni, dann sind Natur oder Gott Metaphern für jene dritte Größe, in Bezug auf die wir Menschen wie Geschwister und also „einander Gleiche sind“.

1833 wagte es die Frühsozialistin Pauline Roland, den Vater ihrer Kinder zu verschweigen und auch deren (in solchen Fällen wirtschaftlich eigentlich zwingende) Adoption zu verhindern, um den Kindern den eigenen Nachnamen zu geben. Pauline wird ihr Leben lang mit Armut kämpfen, schlägt sich in Algerien durch, wird zeitweilig inhaftiert. Victor Hugo widmet ihr ein Langgedicht. „War ihr Leben, mit dem sie ein Stück Welt erschaffen wollte, ein Bild der Tragik? Man könnte es so in Verse bringen“, kommentiert Arni. „Ein gescheitertes Experiment? Nein.“

Überhaupt gelingt Arni viel mehr, als gleichsam nur den historischen Rückspiegel freizuwischen. Wir erkennen nicht nur, dass es da einen Feminismus vor den späteren, uns vertrauten feministischen Wellen gegeben hat – und wie furios kommen alle diese vergessenen Stimmen daher! Wir sehen vielmehr plötzlich eine womöglich auch heute relevante Form von materialistischer, umstürzlerischer Radikalität. Diese ist im Wortsinne proletarisch, gehen die Frauen doch von nichts aus als allein dem Körper, den sie besitzen, und von dem, was dieser kann.

Am Ende ihres Büchleins spricht Arni den Kontrast zum heutigen Feminismus, der keinerlei klassentheoretische Perspektive mehr kennt, behutsam an. Die Frühsozialistinnen seien „unbequeme Subjekte“ und insofern doppelt interessant: In die Annalen des Sozialismus müsse Eingang finden, dass die Gedankenfigur vom Geschlecht als dem Kapital untergeordneter bloßer Nebenwiderspruch von kämpferischen Frauen zunächst umgekehrt vorformuliert worden ist. Und der aktuelle Feminismus? Muss mindestens begreifen lernen, wie unbedingt emanzipativ es gemeint war und auch gewesen ist – jenes frühe, eine ganze Politökonomie des Frauenkörpers ausmalende Differenzdenken von Marie Reine, Désirée, Suzanne, Égérie, Claire, Pauline. Mit allen ihren verschwundenen Schwestern.

Caroline Arni: „Wir, nicht wir“. Frühsozialistischer Feminismus. Wagenbach Verlag, Berlin 2026. 160 S., Abb., br., 20,– €.

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