»Sie lieben Bücher? Wir auch.« lautet ja das Motto unseres Newsletters (hier können Sie ihn abonnieren.) Kleiner Werkstattbericht: Wir hatten erst überlegt, »Sie lesen? Wir auch.« zu machen. Wir hatten aber Angst, dass es ein bisschen überheblich rüberkommen könnte. Es könnte sein, dass das eine richtige Entscheidung war.
Denn offenbar gehören wir zu einer aussterbenden Spezies. Nicht nur in Deutschland lesen immer weniger Menschen Bücher, können überhaupt immer weniger Menschen den Sinn von längeren Texten erfassen. Das gab letztens der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bekannt. Auch in den USA ist es nicht anders. Im Magazin »The Atlantic« ist gerade ein exorbitant gut geschriebener Artikel erschienen, mit dem sprechenden Titel: »The End of Reading is Here «. Mühsam, jetzt die Argumente und Belege nachzuerzählen. Lesen Sie den Text. Wenn Sie noch können!
Mir geht es an dieser Stelle um etwas anderes. Und zwar um die Beobachtung, dass Bücher immer öfter wie Handtaschen herumgetragen werden. Manchmal liegen sie auch – scheinbar zufällig, aber doch irgendwie klug drapiert – auf Schreibtischen herum.
Wer erinnert sich noch an diese herrlichen Fotos von Lars Klingbeil und Friedrich Merz aus dem Jahr 2020, als die beiden demonstrativ das Buch mit dem sprechenden Titel »Das Ende der Illusionen« von Andreas Reckwitz vor sich liegen hatten, als der Fotograf vorbeikam? Die Luxusmodemarke Miu Miu hatte bei der diesjährigen Mailänder Fashion-Week einen Bookclub veranstaltet , Dua Lipa hat ein ganzes Buch-Imperium aufgebaut.
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Den Vogel schoss Schauspieler Stellan Skarsgård ab. Bei den Filmfestspielen von Cannes ließ er sich am Flughafen ablichten , Lederjacke, verschmitzter Blick, lässig eine »New York Review of Books« in der Hand. Kein Buch also, sondern eine Zeitschrift für Literaturkritik, sozusagen zweite Ableitung.
Vergangenes Jahr wurde viel über performative Reading gesprochen, dabei ging es um Männer, die so tun, als wären sie links/intellektuell/feministisch, irgendwas also, was gut bei Frauen ankommen soll. Es wurde sich über sie lustig gemacht. Die eigentliche Frage aber ist doch, ob nicht in Zeiten, in denen unsere Fähigkeit zu lesen zerbröselt wie ein trockener Keks, jedes Lesen performativ ist. Jedes Mal, wenn man ein Buch aufschlägt, heißt das: Ich bin nicht am Handy. Jedes Mal, wenn man eine Seite umblättert, heißt das: Ich scrolle nicht. Jedes Mal, wenn man ein Buch nach der letzten Seite wieder zuschlägt, heißt es: Ich kann das noch.
Diese Botschaft wird natürlich auch nach außen getragen, und egal, ob man sich nun über Bücher unterhält, sich mit ihnen in die U-Bahn oder an den Strand legt oder mit einem frisch gekauften Exemplar einen Laden verlässt, jedes Mal ist das ein Sprechakt, der, gewollt oder nicht, sagt: Ihr lest nicht? Ich schon.
Literaturperformer
Sie wollen auch mal performen, diesen Sommer? Dann sollte man sich vorher überlegen, welche Botschaft man eigentlich sendet. Nicht, dass es einem geht wie Merz und Klingbeil. Ich sage nur: das Ende der Illusionen.
Caro Claire Burke, Yesteryear : Sie sind auf der Höhe der Zeit, lassen sich aber nicht von ihr treiben. Es macht Ihnen nichts aus, ein Buch, das überall besprochen wurde und von allen schon gefeiert wurde, erst jetzt zu lesen. Sie hatten Wichtigeres zu tun. Jetzt aber sind Sie dabei. Nicht, weil Sie mitreden wollen. Sondern, weil es ein wirklich gutes Buch ist. Und von denen, ach, da gibt es ja nicht so viele!
Griechische Sagen, nacherzählt von Gustav Schwab: Sie haben »Die Odyssee« von Christopher Nolan natürlich gesehen, aber mit einem kritischen Bewusstsein. Die Frauenfiguren! Schlimm. Aber die Geschichte! Mit diesem Buch in der Hand erzielen Sie auch einen gewissen Nostalgie-Effekt, da viele es noch aus Schulzeiten kennen. Kaufen Sie es am besten antiquarisch für noch bessere Retro-Vibes.
Heinz Strunk, Memories of Heidelberg : Vorsicht, hier wird es gefährlich. Sie weisen sich damit entweder als Strunk-Ultra aus, der natürlich jedes Buch liest von dem Mann, der »Fleisch ist mein Gemüse« geschrieben hat. Muss man wollen. Oder Sie haben es quasi unabsichtlich gekauft, weil das Cover schön ist und Heidelberg nach Glückseligkeit klingt und die Buchhändlerin Sie hinters Licht führen wollte. Welche von beiden Personae Sie darbieten, kommt bei diesem Buch ganz besonders auf den Rest Ihrer Performance an.
Die große Literaturgeschichte
Booktokerin Jess Hengel auf der Leipziger Buchmesse
Foto: Stella Weiß / DER SPIEGELDas Wort »BookTok« ist ja seit ein paar Jahren überall, wenn es um Bücher geht. Es ist so ubiquitär, dass man schon meint, es gar nicht mehr erklären zu müssen. Trotzdem liest man eher selten darüber, wie genau das passiert: BookTokerin sein, und was das eigentlich bedeutet: Influencerin für Bücher. Meine Kollegin Laura Backes hat eine der Größten nun getroffen und ein sehr aufschlussreiches Porträt über Jess Hengel geschrieben, in dem man nicht nur lernt, warum es gut ist, wenn ein Buch einen »zerstört«, sondern auch, wie wertvoll echte Literaturkritik sein kann.
Autor Tulathimutte: Die über alle Maßen dumme Gegenwart
Foto:Clayton Cubitt
Welches ist das Buch Ihres Lebens?
Ich bin mir nicht sicher, wie ich darauf antworten soll, aber wenn Sie das Buch meinen, mit dem ich mich am meisten identifiziere, würde ich sagen: »1982, Janine« von Alasdair Gray oder »Das Buch der Unruhe« von Fernando Pessoa.
Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?
Ein Vorabexemplar von Natalie Rose Richardsons Debut »This is an Actual Tragedy«.
Über welches Buch wird in Ihrem Land gerade viel diskutiert?
Wenn ich meinen Social-Media-Feeds glauben darf, dann Lena Dunhams »Famesick«.
Welches Buch sollte ein Europäer gerade lesen, um etwas über das Leben in den USA zu erfahren?
Ich glaube nicht, dass irgendein Buch die Erfahrungen von 350 Millionen Menschen umfassend wiedergeben kann, aber Rick Perlsteins »Nixonland« ist eine ziemlich gute origin story für unsere über alle Maßen dumme Gegenwart.
An wen haben Sie die letzte WhatsApp-Nachricht geschickt, und wie lautet sie?
Ich habe meinem Mitbewohner ein Instagram-Reel geschickt, in dem ein stotternder, gestresster Junge zu sehen ist, der sich vor seinen Freunden sehr bemüht, Freestyle zu rappen, und dabei völlig versagt.
Von Tony Tulathimutte erscheint am 13. August das Buch »Fiasko« bei dtv. Direkt im SPIEGEL Shop bestellen.
Das ABC des Literaturbetriebs
Neben dem Nobelpreis ist der Booker Prize die wichtigste literarische Auszeichnung im Jahr. Zumindest die mit dem größten Rumms. Das Buch, das gewinnt, wird auf allen Ladentischen liegen und der Autor oder die Autorin hat erstmal ausgesorgt. Gerade wurde die Longlist veröffentlicht, die immer eine gute Vorschau bietet für das, was demnächst all over the place sein wird. Dieses Mal ist die Longlist besonders spannend. »Switzy« von Emma Cline habe ich schon gelesen und kann nur sagen: Tun Sie es auch. Um Elizabeth Strout habe ich bislang peinlicherweise einen Bogen gemacht und werde die Gelegenheit nutzen, um das zu korrigieren. »Helen of Nowhere« von Makenna Goodman klingt wie die perfekte Lektüre für »Odyssee«-Freunde und -Hasser, und ist außerdem bei Fitzcarraldo erschienen, dem Geheimtipp-Verlag, der längst kein Geheimtipp mehr ist.
Die aktuelle SPIEGEL-Bestsellerliste
Rowohlt
Platz 1, Belletristik Hardcover: Nochmal Strunk. Ich gehöre, wie man vielleicht zwischen den Zeilen schon herauslesen konnte, nicht zu denjenigen, die seit dem »Goldenen Handschuh« jedes Strunk-Buch automatisch auf die Bestsellerliste kaufen. Irgendetwas stört mich, vielleicht die fließbandähnliche Produktion, vielleicht die immer gleiche Masche, ich weiß es nicht genau. Ich habe aber in Heidelberg studiert, allein deshalb reizt es mich schon, da mal reinzulesen. Bisher hatte Heidelberg einen festen Platz in der deutschen Gegenwartsliteratur, weil der Protagonist in Krachts »Faserland« auf seinem Weg nach Süden dort Halt macht und an den berühmten Neckarauen an Nazis denken muss. Gute Szene. Ob man bei Heidelberg künftig an Strunk denken wird statt an Kracht? Zweifelhaft.
Lust auf mehr? Alle SPIEGEL-Bestseller dieser Woche finden Sie hier. Und auch im SPIEGEL Shop.
Belletristik Hardcover:
1. Memories of Heidelberg · 3. Woche
Heinz Strunk · Rowohlt · € 23,00
2. Filmriss auf Immenhof · NEU
Karsten Dusse · Heyne · € 24,00
3. Die zweitgrößte Liebe · NEU
Ruth-Maria Thomas · dtv · € 24,00
4. Tödliches Verderben · NEU
Karin Slaughter · HarperCollins · € 24,00
5. Die Riesinnen · 23. Woche
Hannah Häffner · Penguin · € 24,00
6. Fünf, sechs, sieben, acht · 7. Woche
Ewald Arenz · DuMont · € 25,00
7. Yesteryear · 14. Woche
Caro Claire Burke · Heyne · € 24,00
8. Slaying the Vampire Conqueror · NEU
Carissa Broadbent · Carlsen · € 22,00
9. Wirf einen Schatten · NEU
Elena Fischer · Diogenes · € 25,00
10. Guten Morgen, schönes Wetter heute · 7. Woche
Tanja Kokoska · dtv · € 23,00
11. Ein Haus aus Salz und Tränen · NEU
Erin A. Craig · Ullstein Jugendbuch · € 22,99
12. Die Straße · 14. Woche
Robert Seethaler · Claassen · € 25,00
13. Das Ende ist nur ein Anfang · 2. Woche
T.C. Boyle · Hanser · € 25,00
14. Ist doch schön hier · NEU
Miriam Burdelski · Blessing · € 24,00
15. The Exquisite Torment of Loving Your Enemy · NEU
Brigitte Knightley · Penhaligon · € 23,00
16. Die Wahrheit über Ruby Cooper · NEU
Liz Nugent · Gutkind · € 24,00
17. Querfeldein · 2. Woche
Alex Capus · Hanser · € 25,00
18. Die Mitternachtsreise · 11. Woche
Matt Haig · Droemer · € 24,00
19. Pina fällt aus · 18. Woche
Vera Zischke · List · € 21,99
20. Pause · 12. Woche
Lena Kupke · dtv · € 23,00
Sachbuch Hardcover:
1. Dear Britain · 12. Woche
Annette Dittert · DuMont · € 24,00
2. Nein sagen · 21. Woche
Matthias Brandt · KiWi · € 16,00
3. Träume aus Feuer · 9. Woche
Florian Illies · Pfaueninsel · € 20,00
4. Dreihundert Männer · 15. Woche
Konstantin Richter · Suhrkamp · € 30,00
5. Alt genug · 23. Woche
Ildikó von Kürthy · Ullstein · € 22,99
6. Die Geschichte in mir · 14. Woche
Rüdiger von Fritsch · Siedler · € 26,00
7. Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pasta und Limoncello · 22. Woche
Melanie Pignitter · Graefe und Unzer · € 20,00
8. Glaube, Liebe, Klopp · NEU
Michael Horeni · C. Bertelsmann · € 26,00
9. Ein Sommer mit Goethe · 12. Woche
Gustav Seibt · C.H. Beck · € 25,00
10. Wir verlieren dieses Land · 7. Woche
Liv von Boetticher · Deutscher Wirtschaftsbuchverlag · € 25,00
11. Faschismus ist keine Meinung · 4. Woche
Ilko-Sascha Kowalczuk · C.H. Beck · € 23,00
12. Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pizza und Aperol · 40. Woche
Melanie Pignitter · Gräfe und Unzer · € 19,99
13. Bakterien. Die heimlichen Helden · 13. Woche
Peter Wohlleben · Malik · € 23,00
14. Du bist nicht allein · 11. Woche
Jan Fleischhauer · DVA · € 25,00
15. 1. FC Kaiserslautern · NEU
Christian Baron · Ullstein · € 16,99
16. Wenn die Sonne untergeht · 41. Woche
Florian Illies · S.Fischer · € 26,00
17. Abschied leben · 13. Woche
Gabriele von Arnim · Rowohlt · € 24,00
18. Bückbürgertum · 7. Woche
Ulf Poschardt · Westend · € 27,00
19. Punkt Punkt Komma Strich, fertig ist die Kunstgeschicht' · 11. Woche
Jakob Schwerdtfeger · dtv · € 25,00
20. Organisch · 49. Woche
Giulia Enders · Ullstein · € 24,99

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