Brief aus dem Irankrieg: Wo Gewalt herrscht, retten kleine Gesten das Leben

vor 14 Stunden 1

Azizam, mein Lieber, heute bin ich krank geworden und habe den ganzen Tag im Bett verbracht. Mein Körper verlangt nach Ruhe, und selbst die einfachsten Dinge des Alltags fallen mir schwer. Eine Erkältung scheint eine harmlose Krankheit zu sein, doch plötzlich verwandelt sie einen Menschen in ein schwaches Wesen, das Fürsorge braucht. Vor einigen Tagen wurden, zeitgleich mit dem Ruf zum Morgengebet, zwei Demonstranten der Januar-Proteste in Isfahan erhängt. In deiner Stadt, vor den Augen der Menschen.

Die Menschen versammelten sich auf den Straßen und riefen Parolen gegen die Hinrichtungen. Manche sagten, dass der Gebetsruf sie von nun an immer an Hinrichtungen erinnern werde. Mir geht es genauso. Iran beginnt, einem düsteren tragischen Film zu gleichen. Von welcher Seite ich das Land auch betrachte – ich sehe nur Leid und Zerstörung. Die Menschen versuchen zwischen Krieg, Hinrichtungen und Armut kleine Splitter von Glück zu finden. Durchhalten – darüber denke ich in diesen Tagen mehr nach als über alles andere. Über die Kunst, inmitten von Leid und Verlust zu überleben.

Jemand, der sie hält und ihr etwas Warmes zu essen macht

Vor einigen Tagen saß ich am Strand, als sich eine türkische Frau neben mich setzte. Sie war ungefähr so alt wie ich, wirkte erschöpft und zerzaust. Ich hatte das Gefühl, dass sie reden wollte. Ich fragte sie, ob sie schwimmen wolle. Sie sagte Nein. Ihre Periode habe begonnen, und es gehe ihr nicht gut. Dann begann sie zu erzählen. Vor drei Jahren hatte sie ihre Mutter verloren – nach einer langen Zeit im Krankenhaus und einer Krebserkrankung. Während der Krankheit und auch nach dem Tod ihrer Mutter war sie ganz allein gewesen. Nun hatte sich ihre Tante nach acht Jahren ohne Kontakt plötzlich bei ihr gemeldet. Sie leide an derselben Krankheit und brauche sie im Krankenhaus, weil sie niemanden sonst habe.

Ich schaute auf die Ayranflasche in ihrer Hand. Meine Mutter hatte mir immer gesagt, ich solle während meiner Periode lieber keine Joghurtgetränke zu mir nehmen. Ich fragte, ob etwas Süßes nicht besser wäre. Sie blickte schweigend aufs Meer. Ich fragte, ob sie jetzt also zu ihrer Tante müsse. Sie sagte Ja, aber sie habe Angst vor Krankenhäusern. Ich fragte, ob ich sie begleiten solle. Sie lächelte und sagte: „Ich schaffe es nicht, mich noch einmal freiwillig in diese Situation zu begeben. Aber …“

Ich fragte: „... aber du hast Schuldgefühle?“ Sie sah mir direkt in die Augen und sagte: „Sehr sogar.“ Sie legte ihre Hände auf die Knie, als würden sie ihr wehtun. Dann sagte sie: „Was ich brauche, ist, dass mich jemand in den Arm nimmt und mir etwas Warmes zu essen macht.“ Plötzlich brach sie in Tränen aus. Sie weinte laut, dem Meer zugewandt, wie ein kleines Mädchen, das sich verlaufen hat. Ich nahm sie in den Arm und strich ihr durchs Haar. Aber ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Nona und ihre Katze, Illustration der AutorinNona und ihre Katze, Illustration der AutorinMehrdad Zaeri

Wir blieben bis spät in die Nacht dort sitzen und unterhielten uns noch ein wenig. Mein türkischer Freund O. hatte für seine Mutter Köfte zubereitet und brachte uns zwei Köfte-Sandwiches. Als er sie mir in die Hand gab, erinnerte ich mich daran, dass er beim Zubereiten plötzlich beschlossen hatte, ein paar mehr zu machen. In der türkischen Kultur bereitet man Essen nie genau für die Anzahl der Anwesenden zu. Es könnte sein, dass Gott einen unerwarteten Gast schickt. Die Frau sagte: „Eigentlich bin ich Vegetarierin, aber ich möchte diese Köfte essen.“ Und sie aß. Erst ihre eigene Portion und dann auch noch meine.

Ich fragte sie, ob sie einen Traum oder einen Wunsch habe. „Keinen“, sagte sie und aß weiter. Nach einigen Minuten fügte sie hinzu: „Ein großes Haus mit einem Garten. Dass Menschen zu mir kommen, ich ihnen Yoga beibringe, für sie koche und Workshops für Kunst und Gartenarbeit veranstalte.“ Dann begann sie wieder zu weinen. Sie fragte mich: „Glaubst du, ich bin ein schwacher Mensch?“ Ich antwortete: „Ich glaube, du bist traurig.“ Sie sagte: „Ein Teil von mir ist offen, stark und großzügig. Der andere Teil ist müde und schwach.“ Ich sagte: „Aber beide Teile gehören zu dir. Warum hast du deswegen Schuldgefühle?“ Wieder zog sie ihre Knie an sich und streichelte sie, als wollte sie sie beruhigen.

Schließlich verabschiedeten wir uns, damit sie den letzten Bus erreichen konnte. Wie eine Passantin, der ich vielleicht nie wieder begegnen würde, verschwand sie in der Dunkelheit der Nacht.

Jetzt hat O. Suppe für mich gekocht und ruft mich in die Küche. Die Erkältung hat mich wieder zu einem kleinen Mädchen gemacht, das heute nicht zur Schule gehen muss. Ich spüre die kühle Hand meines Vaters auf meiner heißen Stirn, die warmen Suppen meiner Mutter und den Geschmack frisch gepresster süßer Limetten. Mehr denn je sehne ich mich danach.

Ich gehe in die Küche und esse O.s Suppe. Mit jedem Löffel nimmt mein geschwächter Körper die Wärme der Fürsorge eines Freundes auf. Und ich denke daran, dass Fürsorge genauso ansteckend ist wie eine Krankheit: Heute gelangt sie von O. zu mir, vielleicht in ein paar Tagen von mir zu ihm. In diesen Tagen bedeutet Liebe für mich nicht mehr ein Versprechen „für immer“. Ich sehe Liebe in diesen kleinen, vergänglichen Gesten der Fürsorge – zwischen Menschen, deren Wege sich vielleicht nur kurz kreuzen, die einander aber für einen Augenblick die Last des Leidens ein wenig leichter machen.

Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin wöchentlich Briefe, in denen sie aus ihrem Leben im und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen übersetzt von Mehrdad Zaeri.

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