Krise in der Autoindustrie Bosch-Betriebsratschef will Gespräche mit Politikern und Bossen
Mercedes fordert unbezahlte Mehrarbeit, Volkswagen droht mit dem Aus für vier Werke. »Wir können nicht so weitermachen«, sagt ein einflussreicher Gewerkschafter dem SPIEGEL und fordert einen runden Tisch für Deutschland.
05.07.2026, 13.56 Uhr
Proteste bei Mercedes-Benz: Fünf Stunden mehr Arbeit für das gleiche Gehalt
Foto: Bernd Weißbrod / dpa / picture allianceAngesichts der prekären Lage der deutschen Autoindustrie fordert der Betriebsrat des weltweit größten Autozulieferers Bosch für Deutschland einen runden Tisch. »Wir können nicht so weitermachen wie bisher«, sagte Frank Sell, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von Bosch Mobility, dem SPIEGEL. Gebraucht werde »eine Taskforce mit Vertretern der Arbeitgeber aus Automobil- und Zulieferindustrie, der Arbeitnehmer, Gewerkschaft und der Politik, die erst auseinandergeht, wenn sie Lösungen erarbeitet hat, die die Zukunft der Branche in Deutschland sichern.« Jeder müsse dazu etwas beitragen, es sei notwendig, eingefahrene Verhandlungsmuster zu verlassen.
Am vergangenen Freitag hatte der Konflikt zwischen der IG Metall und den Arbeitgebern in der deutschen Automobilindustrie einen neuen, vorläufigen Höhepunkt erreicht: Tausende Beschäftigte von Mercedes-Benz zogen vor die Zentrale des Autobauers in Stuttgart-Untertürkheim, um »gegen eine unbezahlte Erhöhung der Arbeitszeit auf 40 Stunden, Einschnitte bei tariflichen Leistungen, überzogene Dividenden und einen Kürzungskurs des Konzerns auf dem Rücken der Belegschaft« zu protestieren, wie die Industriegewerkschaft IG Metall mitteilte.
Zuvor hatten Mercedes-Chef Ola Källenius und seine Personalvorständin Britta Seeger in einer Botschaft an ihre Belegschaft gefordert, sie müsse »in allen Bereichen für das gleiche Geld mehr arbeiten«. Die IG Metall kündigte einen »heißen Sommer und Herbst« an, in dem sie sich gegen deren Forderungen wehren werde.
Radikaler Sparplan bei Volkswagen
An den Kundgebungen an mehreren Standorten in Deutschland nahmen nach Angaben der IG Metall mehr als 33.000 Beschäftigte teil, nach Angaben von Mercedes waren es circa 16.000. Die Gewerkschaft kündigte ähnliche Proteste auch bei anderen Autoherstellern und Zulieferern in den kommenden Wochen an – etwa bei Volkswagen, wo Vorstandschef Oliver Blume seinem Aufsichtsrat am Donnerstag einen radikalen Spar- und Umbauplan für Europas größten Autokonzern präsentieren will.
Die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner, die auch im VW-Aufsichtsrat sitzt, sagte bei der Kundgebung in Düsseldorf, der Schlüssel für eine starke Autoindustrie liege in Investitionen in zukunftsfeste Produkte, Standorte und Beschäftigte. »Auch von der Politik fordern wir ein klares Signal: Der industrielle Kern dieses Landes darf nicht ausgehöhlt werden. Wir brauchen eine aktive Industriepolitik, die die Transformation absichert.«
Die Krise der deutschen Hersteller und ihrer Zulieferer hatte sich in den vergangenen Wochen noch einmal zugespitzt. Bosch-Chef Hartung hatte zum 1. Juli überraschend und kurzfristig die Führung an seinen bisherigen Stellvertreter Christian Fischer übergeben. Der Industriekonzern aus der Nähe von Stuttgart hatte im vergangenen Jahr seinen ersten Verlust seit der Weltfinanzkrise 2008/09 verzeichnet. Mit 55,8 Milliarden Euro Umsatz macht die Mobility-Sparte fast zwei Drittel des Umsatzes des Bosch-Konzerns aus und ist für sich genommen der größte Autozulieferer weltweit.
Angriff auf die 35-Stunden-Woche
Kurz zuvor hatte der bislang von der Krise weniger beeinträchtigte BMW-Konzern eine Gewinnwarnung abgegeben und Sparmaßnahmen angekündigt. Dabei sollen auch Stellen abgebaut werden, die Rede ist im Konzernumfeld von 4000 bis 5000 Mitarbeitern in diesem und den nächsten beiden Jahren. Die Verhandlungen darüber zwischen der BMW-Führung um den neuen Vorstandschef Milan Nedeljkovic und dem Betriebsrat haben jedoch gerade erst begonnen.
Bosch-Betriebsratschef Sell: Erst auseinandergehen, wenn Lösungen gefunden wurden.
Foto: Bernd Weißbrod / dpa / picture allianceBei BMW gilt wie bei anderen Autoherstellern eine Beschäftigungssicherung, der Stellenabbau soll zunächst über freiwillige Lösungen wie Abfindungen und Vorruhestandsregelungen erfolgen. Auch über sogenanntes Insourcing soll gesprochen werden. Das würde bedeuten, dass Vorprodukte und -leistungen, die bislang von außen bezogen werden, künftig von BMW-Mitarbeitern übernommen werden sollen. Das würde Jobs im Unternehmen sichern.
Angesichts der radikalen Sparpläne verhärten sich die Fronten zwischen der IG Metall und den Arbeitgebern. »Wer die 35-Stunden-Woche angreift, legt sich mit der gesamten IG Metall an«, sagte Bayerns IG-Metall-Bezirksvorstand Horst Ott am Freitag. Auch sachlich sei »schwer nachzuvollziehen, warum die Arbeitszeit erhöht werden soll, wenn gerade nicht genug Arbeit da ist«. Die bayerische IG Metall solidarisiere sich mit den Protesten der Mercedes-Benz-Beschäftigten und warne »alle Unternehmen vor Angriffen auf Tarifstandards«.
BMW-Betriebsratschef Martin Kimmich sagte dem SPIEGEL, wem nichts anderes einfalle, »als nach der 40-Stunden-Woche zu schreien, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt«. Auch Jörg Schlagbauer, Vorsitzender des Audi-Gesamtbetriebsrats, griff die Mercedes-Führung scharf an. »Die unverblümten Angriffe gegen die Tarifverträge bei Mercedes sollen uns alle treffen.«
Nicht nur das Mercedes-Management versuche »die Gunst der Stunde zu nutzen, um hier tarifpolitische Grenzlinien zu verschieben und die Belegschaften zu erpressen«. Schlagbauer und die Vorsitzende des IG Metall-Vertrauenskörpers Audi Ingolstadt, Karola Frank, sprachen von einem »abgekarteten Foulspiel der Arbeitgeber«.

vor 6 Stunden
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