Baden-Württemberg: Die sieben Leben des Thomas Strobl

vor 1 Stunde 1

In den USA gibt es den positiv besetzten Begriff des Comeback-Kid für Politiker, die sich von Rückschlägen nicht unterkriegen lassen. Eine wichtige Fähigkeit in einem Betrieb, der viele Verlierer produziert. Trotzdem ist diese Spezies in Deutschland rar. Baden-Württembergs designierter grüner Ministerpräsident Cem Özdemir gehört dazu, er hat sich in seiner Laufbahn mehrfach als Comeback-Kid bewiesen, zuletzt mit seiner sensationellen Aufholjagd im Landtagswahlkampf.

Weniger gewürdigt, aber ebenfalls bemerkenswert ist die wechselvolle Karriere von Thomas Strobl, dem designierten Stuttgarter Landtagspräsidenten. Wobei die Kategorie Comeback-Kid die Vita des CDU-Politikers nur unzureichend fasst. Ein stetes Auf und Ab kennzeichnet zwar auch seine Laufbahn, aber anders als Özdemir war er nie richtig raus aus der Politik, es gab kein Sabbatical, keine Abklingphase. Thomas Strobl war immer da. Er ist ein politisches Chamäleon, das sich einer neuen Umgebung instinktsicher anzupassen weiß.

Als politisches Chamäleon ist man in Gefahr, beliebig zu wirken

Strobl war Generalsekretär der Südwest-CDU, erst für den liberalen Regierungschef Günther Oettinger, danach für dessen parteiinternen Konkurrenten, den Hardliner Stefan Mappus. Als Mappus’ Mann fürs Grobe nannte er den Grünen-Politiker Winfried Kretschmann einen „geistigen Brandstifter“. Später, als Kretschmanns Vize-Regierungschef, schwärmte Strobl sehr ausdauernd über das tolle Miteinander.

Die chamäleonhafte Anpassungsfähigkeit ist im politischen Überlebenskampf eine sehr effektive, allerdings auch gefahrgeneigte Methode. Man wirkt halt schnell beliebig.

Zu seiner großen Enttäuschung durfte Strobl seine Partei nie als Spitzenkandidat in eine Landtagswahl führen. Er war zwar lange Jahre Parteichef, aber nie Liebling der Basis, schon gar nicht der CDU-Landtagsfraktion, die sich an seiner Nähe zu Kretschmann störte. Umso bemerkenswerter ist es, dass die CDU-Fraktion Strobl in dieser Woche für den Posten des Landtagspräsidenten nominiert hat, sogar einstimmig! So viel Zuneigung von den eigenen Leuten ist der Jurist gar nicht gewohnt.

Gut, die Tatsache, dass es keinen Gegenkandidaten gab und die Nominierung per Akklamation erfolgte, mag zum klaren Ergebnis beigetragen haben. Und vielleicht auch sein Auftritt bei Markus Lanz kurz nach der Wahl. Da gab ausgerechnet der Grünen-Versteher Strobl den Kronzeugen für die Behauptung, Özdemirs Partei habe einen „schmutzigen“ Wahlkampf geführt und das politische Klima „ziemlich vergiftet“. Die Vermutung liegt nahe, dass Strobl damit nicht nur den Preis der CDU für die Koalitionsverhandlungen hochtreiben, sondern sich auch intern für eine weitere Verwendung empfehlen wollte.

Wie man in politische Ämter gelangt, ist das eine, wie man sie ausfüllt, das andere. Strobl war als CDU-Generalsekretär am falschen Platz, er war ein Innenminister mit Hochs und Tiefs, als Architekt und Stabilisator der grün-schwarzen Koalition unter Kretschmann aber unersetzlich. Nun darf er sich, die Wahl durch den Landtag am 12. Mai vorausgesetzt, als Parlamentspräsident beweisen.

Diese Kolumne erscheint auch im Newsletter „Im Südwesten“, der die Berichterstattung der SZ zu Baden-Württemberg bündelt. Gleich kostenlos anmelden.

Gesamten Artikel lesen