Autorin Anne Weber: Trau nur dem, was das Hirn erfunden hat

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Anne Weber ist eine wandelbare Autorin. Zwischen den Sprachen Französisch und Deutsch wechselt sie ebenso wie zwischen den Genres Dokumentation und Fiktion. Der Band „Jumping Mouse“ mit Reden und Essays aus mehr als zwanzig Jahren ist schwer zu rezensieren. Man möchte am liebsten nur zitieren: „Früher kam ich wie auf eisernen Schienen voran, heute bewege ich mich eher auf Glatteis“, so in einer Rede an Abiturienten, in der auch vom nützlichen Zeitvertrödeln die Rede ist: Dieses Vertrödeln habe rückblickend dazu beigetragen, „dass wir eigenständig denkende, besondere, auf innere Kräfte bauende Menschen geworden sind“.

 „Jumping Mouse“Anne Weber: „Jumping Mouse“Matthes &Seitz

„Für das, was ich in dieser Sekunde verspüre, hat noch niemand Worte gefunden. Ich werde sie finden“, heißt es bereits in einer Poetikvorlesung von 2003. Damit benennt die Autorin den Ursprung sprachlicher Originalität (auch wenn sie die Gewissheit des Findens der Worte im nächsten Satz wieder zurücknimmt). Als herausragende Stilistin beherrscht Anne Weber alle Gangarten und Stimmungslagen der Sprache, vom hohen Ton bis zur Leutseligkeit.

„Du kannst doch zu diesem Anlass nichts Gefriergetrocknet-Gescheites runterleiern“, ermahnt sie sich zu Anfang ihrer Schillerrede (2021), in der es später schulterzuckend heißt: „In jenen Jahren wollte Schiller die Menschen verbessern, meine Güte, wer hätte das nicht alles schon gewollt, auch heute wäre es nötiger denn je.“ In Schillers Werk hätten manche Wörter ihre Bedeutung gewechselt, stellt die Autorin zunächst nüchtern fest, um diese Tatsache dann in ihre selbst erschaffenen Worte zu gießen: „Auf ihrer Reise durch die Zeit haben sie ein anderes Licht eingefangen.“

Ihr französisches Hirn baut keine bequemen Wege

Dass die Sätze in diesem Buch glänzen, liegt daran, dass die Autorin sprachlichen Wendungen misstraut, die ihr Hirn nicht selbst erfunden hat; sie will „eingerostete Sprachschrauben lockern“ oder „eingefahrene Wortmuster bloßlegen“. Redewendungen benutzt sie nur im (oft abgründigen) Spiel: „Die Zeit totzuschlagen war seine Revanche dafür, dass die Zeit letztlich ihn totschlagen würde.“ Oder, versöhnlicher: „Was mir aber zu sehen übrig bleibt, ist immer noch ein weites, weithin unbebautes Feld.“

Seit sie achtzehn ist, lebt Anne Weber in Frankreich, die Fremdsprache habe einen Anteil an ihrem geschärften Sprachbewusstsein: „Mein französisches Hirn baut mir keine bequemen Wege, auf denen es sich gedankenlos und vertrauensvoll umherspazieren lässt.“ Aus dem Französischen erkläre sich auch ihr „Von-außen-Betrachten der Wörter“. Die Etymologie birgt erstaunliche Entdeckungen, so kommt etwa das Wort „Drastik“ vom griechischen „drastikon“ – ein Abführmittel.

Das Schreiben selbst schildert Anne Weber als hochdramatischen inneren Prozess. „Beim Aufeinanderprallen von seligem Staunen und barem Entsetzen kommt der Stein des Schreibens ins Rollen.“ Obwohl sie Prosa schreibt, fühle sie sich der Lyrik nahe – so liege sie denn „im Graben, der die Poesie von der Erzählkunst trennt“. Anne Weber kann schreiben, worüber sie will (Sprache, Schreiben, die Demenz ihrer Mutter, das Weltall), immer entsteht dabei ein außergewöhnlicher Text. Sie ist keine vordergründig politische Autorin, und doch sind ihre Texte von einem politischen Bewusstsein getragen. Literatur müsse „dem Krieg, der Unterdrückung, der Not standhalten können“, heißt es in einer Poetikvorlesung von 2024. „Sie muss nicht davon handeln. Aber sie muss ihnen gewachsen sein.“

Warnung vor dem Rückzug in die behagliche Privatwelt

In ihrer Rede an die Abiturienten warnt Anne Weber etwa davor, wie leicht wir beim Nachdenken über die Diktaturen der Vergangenheit in die Versuchung geraten, „uns den damals Lebenden gegenüber überlegen zu fühlen“. Dieses Überlegenheitsgefühl ende spätestens dann, wenn man selbst in eine Situation kommt, in der man sich schuldig macht, „indem man Dinge geschehen lässt, indem man wegsieht, sich in seine behagliche kleine Privatwelt zurückzieht“. Die Rede ist von 2017, doch schon damals drängte sich ihr die Frage auf: „Sind wir denn heute schon in einer solchen Situation? Woran werden wir es merken, wenn es so weit ist?“ Oder, um es poetisch zu sagen, woran erkennt man „die Keime der Zukunft“? Eines ist klar: „Die Zukünftigen werden uns nicht nach unseren heutigen Maßstäben messen.“

Gute Literatur kann „etwas ins Schwanken bringen, was seit Jahrhunderten auf sicheren Fundamenten stand“. Bei aller stilistischen Eleganz, dem versteckten Witz, der virtuosen Komposition und dem dialektischen Denken verlieren Anne Webers Texte nie die Bodenhaftung dessen, wovon sie handeln. Sosehr sie sich wiederholt über den in der deutschen Literaturkritik beliebten Begriff der „Welthaltigkeit“ mokiert – für sie gibt es keinen Zweifel daran, dass die Literatur ein Bewusstsein haben muss „für die Bedingtheiten, in denen wir gefangen sind“.

Anne Weber: „Jumping Mouse“. Essays und Reden. Matthes & Seitz, Berlin  2026. 302 S., geb., 26,– €.

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