Stör nicht, sondern hilf! – Antonello Manacorda verbindet diese Maxime mit zwei prägenden Persönlichkeiten seiner Laufbahn. Mitgegeben hat sie ihm Jorma Panula, der berühmte Dirigenten-Erzieher, den der damals dreißigjährige Italiener nach der Jahrtausendwende aufsuchte, um mit seiner Hilfe vom Konzertmeisterpult des Mahler Chamber Orchestra (MCO) zum Ensembleleiter zu mutieren. Der erfahrene Finne muss gespürt haben, dass dieser Geiger, der sich in neuer Gestalt zeigen wollte, schon Wesentliches für die Metamorphose mitbrachte – was wiederum mit der zweiten Leitgestalt für Manacordas frühe Jahre zusammenhing: Claudio Abbado, der ihm und seinen Orchesterkollegen dieses „Stör nicht, sondern hilf!“ erst im Gustav Mahler Jugendorchester und dann in dessen „erwachsener“ Fortführung, ebendem MCO, vorgelebt hatte.
Nun nähert sich Manacorda allmählich selbst dem Alter, in dem ihn Abbado damals für sein Nachwuchsensemble verpflichtete – und genießt es, wählerisch sein zu dürfen: „Ich liebe es, mit Leuten zu arbeiten, die ich liebe. Das kann ich mir nun, mit 56, besser leisten als früher.“ Profitiert hat von diesem Bedürfnis nach enger künstlerischer Gemeinschaft und wechselseitiger Inspiration bisher vor allem die Kammerakademie Potsdam in fünfzehn gemeinsamen Jahren bis 2025 – eine ungewöhnlich lange Bindung mit Aufnahmezyklen Schuberts, Mendelssohn Bartholdys und schließlich – über die Corona-Zeit hinweg – Beethovens: angeblich schon „ausgeschöpfte“ Literatur in frischer Beleuchtung und ausgefeilter Detailarbeit, wie sie auch mit besten Orchestern nicht gelingen kann, wenn man als Gast mit nur wenigen Proben zum Ziel gelangen muss.

So aber ist aus intensiver Vertrautheit und der Gelassenheit, solche Projekte ohne Hast über lange Zeiträume hin entwickeln zu können, eine Bilanz des gemeinsam zurückgelegten Weges geworden: tatsächlich „kammerorchestral“ in ihrer blitzenden Durchsichtigkeit und Elastizität, dennoch dramatischer Spannungen fähig und artikulatorisch wie im Instrumentarium von historischer Informiertheit, ohne dabei zwingend einem fest zementierten Originalklang-Ideal entsprechen zu müssen. Denn am Ende geht es nicht zuerst um die Art der materiellen Arbeitsmittel, sondern um das Verstehen, „welche Klänge der Komponist mit Blick auf die ihm verfügbaren Instrumente innerlich gehört und gemeint hat, wenn er zum Beispiel an bestimmten Stellen ungewöhnliche Akzente setzt“.
Das Ringen um solches Erkennen aus der jeweiligen Entstehungszeit heraus und das Wissen darum, dass bei solchen Forschungsexpeditionen die Reise genauso wichtig wie das Ziel ist, nennt Manacorda essenziell. Es soll, wie die Potsdamer Vergangenheit, auch seine Zukunft prägen, die sich zumindest in wichtigen Teilen in Frankreich abspielen wird: als Chefdirigent des von François-Xavier Roth gegründeten Originalklang-Ensembles „Les Siècles“ ab 2027, das sich genau diesen Prinzipien verschrieben und damit einen exzellenten Ruf erarbeitet hat.

Es ist kennzeichnend für Ethos und Geradlinigkeit des designierten Chefs, dass er im Gespräch nachdrücklich seiner Hochschätzung für Roths Idee Ausdruck gibt, die schöpferisch intendierten Klangbilder quer durch die gesamte moderne Musikgeschichte bis hin zur Gegenwart zu suchen: eine geteilte Leidenschaft und ein Weg, den er gemeinsam mit dem Orchester fortsetzen möchte.
Überhaupt fällt auf, wie oft die Namen anderer Kollegen erscheinen – fast immer positiv akzentuiert wie selbst bei Martin G. Berger, dem wenig glücklichen Regie-Partner zu Manacordas straff-eleganter, quasi „mozartischen“ Interpretation von Albert Lortzings „Zar und Zimmermann“ kürzlich in Berlins Deutscher Oper. Der Dirigent respektiert die kritischen Meinungen zur (vom Haus vorerst auf Eis gelegten) Inszenierung – und betont dennoch nicht nur die hohe Kollegialität der Zusammenarbeit, sondern auch, richtigerweise, Bergers kundige, schauspielerfahrene Personenführung.
Der Ruf zu den „Siècles“ und die Berliner Premiere liefen nahezu zeitparallel – ein aussagekräftiger Zufall, weil sowohl die geglückte Annäherung des Italieners an Lortzing („Ich habe wirklich erst nach der Anfrage angefangen, mich überhaupt mit ihm zu beschäftigen“) als auch die bevorstehende Vertiefung der Beziehungen zum renommierten französischen Projekt-Ensemble als gemeinsamen Nenner eine stets frische und nie endgültig zu stillende Neugier haben. Für Antonello Manacorda realisiert sie sich nicht nur in der Kommunikation mit Musikern und Publikum, sondern auch vor- wie nachher in der privaten Recherchearbeit an den Quellen und in deren Umfeld. Er nennt sich selbst, mit einem lustigen Begriff aus seiner Muttersprache, eine „Topo di biblioteca“ – „Bibliotheksmaus“; mit dem wichtigsten Ziel, nicht nur gänzliche Novitäten, sondern auch schon Bekanntes immer wieder frisch zu entdecken.
Mit „Les Siècles“ wird er, schon vor der Amtsübernahme, zunächst deren heimisches Terrain durchstreifen: Debussy, Saint-Saëns, nächstes Jahr die Oper „Thaïs“ von Jules Massenet in noch nie gehörter Fassung. Als eines der Fernziele aber erscheint schon ein Name, der es an Konzertsaal-Renommee fast mit Beethoven aufnehmen kann und genauso unausschöpfbar erscheint wie dieser: Gustav Mahler – nachgerade logisch für einen, der unter Abbado in zwei Ensembles mit Mahlers Namen durchgestartet ist, und jedenfalls spannend schon in der gedanklichen Vorwegnahme.

vor 1 Stunde
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