Es ist der Moment, in dem die Mehrheitsgesellschaft aufhören muss, sich selbst zu beruhigen. Wer die Zahlen liest – 46 von 102 jüdischen Gemeinden melden Vorfälle, 68 Prozent fühlen sich seit dem 7. Oktober unsicherer –, der kann nicht länger so tun, als handele es sich um Randphänomene. Was Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, „neue Normalität“ nennt, ist in Wahrheit ein politisches und moralisches Versagen im Präsens.
Die erste Pflicht ist Klarheit. Antisemitismus ist kein importiertes Problem, kein temporärer Reflex internationaler Konflikte, sondern eine Konstante, die sich neue Sprachen und Milieus sucht. Wer ihn relativiert – als „verständliche Wut“, als „Kontext“ –, der macht ihn salonfähig. Die Mehrheitsgesellschaft muss widersprechen, im Alltag, im Betrieb, im Freundeskreis. Nicht irgendwann, sondern sofort.
Die zweite Pflicht ist Staatlichkeit. Schutz jüdischer Einrichtungen darf nicht als Ausnahme erscheinen, sondern muss als Selbstverständlichkeit organisiert sein – dauerhaft, sichtbar, verlässlich. Polizei und Justiz brauchen Ressourcen und Rückendeckung, damit aus Anzeigen auch Urteile werden. Schmierereien, die zum Mord aufrufen, sind keine „Jugendsünden“, sondern Straftaten. Wer das bagatellisiert, kapituliert.
Es braucht Bündnisse, die jüdisches Leben nicht nur an Gedenktagen umarmen, sondern im Alltag verteidigen.
Stephan-Andreas Casdorff
Drittens: Bildung, aber nicht als wohlfeile Vokabel. Politische Bildung muss die Gegenwart erreichen, nicht nur die Vergangenheit verwalten. Antisemitismus ist anschlussfähig in sozialen Medien, in Verschwörungsmythen, in identitätspolitischen Echokammern. Schulen, Universitäten, Plattformen – sie alle tragen Verantwortung, diese Muster zu benennen und zu unterbrechen. Prävention ist kein Projekt, sondern eine Daueraufgabe.
Viertens: Zivilgesellschaft, die nicht schweigt. Dass Aufrufe zur Gewalt keinen Sturm der Entrüstung auslösen, ist selbst Teil des Problems. Empörung ist kein Selbstzweck, aber ihr Ausbleiben normalisiert das Unnormale. Es braucht Bündnisse, die jüdisches Leben nicht nur an Gedenktagen umarmen, sondern im Alltag verteidigen.
Und schließlich: Ehrlichkeit im politischen Diskurs. Außenpolitische Konflikte dürfen nicht zur Projektionsfläche für Hass im Inland werden. Wer hier lebt, steht hier in der Pflicht.
Die Mehrheitsgesellschaft muss begreifen: Es geht nicht um „die anderen“. Es geht um den Zustand dieses Landes. Wenn Jüdinnen und Juden sich nicht sicher fühlen, ist die Republik es auch nicht.

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