Auf den ersten Blick war die diesjährige Google I/O „business as usual“: Die üblichen Zahlenschlachten mit Investitionssummen (6 Mal mehr als vor ein paar Jahren), der Zahl monatlich verarbeiteter Token (7 Mal mehr als im Vorjahr) – und die üblichen Fortschreibungen von KI-Modellen (Gemini 3.5), neue Smart Glasses, mehr Agenten, mehr Fähigkeiten.
Doch zwischen den Zeilen des KI-Großevents schimmerte eine andere und glasklare Botschaft durch: Business – aber nicht „as usual“. Denn das gewöhnliche Geschäft bedeutet bei KI derzeit, viel Geld auszugeben, aber viel zu wenig damit einzunehmen. Mitbewerber wie OpenAI und Anthropic sind immer noch im Start-up-Modus – anders als Google, das seine künstliche Intelligenz inzwischen konsequent auf Monetarisierung ausrichtet. Sie geben Geld aus, das ihnen Wagniskapitalgeber überweisen, die auf das Geschäft der Zukunft setzen. Die (großen) schwarzen Zahlen kommen dann später mal.
Malte Kirchner ist seit 2022 Redakteur bei heise online. Neben der Technik selbst beschäftigt ihn die Frage, wie diese die Gesellschaft verändert. Sein besonderes Augenmerk gilt Neuigkeiten aus dem Hause Apple. Daneben befasst er sich mit Entwicklung und Podcasten.
Die günstigen Zeiten sind vorbei
Die diesjährige I/O zeigte auf, dass Google sich nach zehn Jahren AI First und einer beispiellosen Aufholjagd, nachdem erst OpenAI mit ChatGPT den Hype einläutete, offenbar in einer Position der Stärke sieht, jetzt mal zum Geschäftlichen zu kommen. Als der neue Ultra-Tarif für 100 US-Dollar pro Monat angekündigt wurde – ein Abo-Modell, das laut Google neue KI-Modelle wie Gemini 3.5 Flash und exklusive Funktionen freischalten soll –, kam der Beifall auffällig deutlich nur aus einer Ecke des Shoreline Amphitheatre im kalifornischen Mountain View: Vermutlich war es der Google-Flügel mit den eigenen Mitarbeitern. „Die Buchhalter“, merkte später scherzhaft ein Teilnehmer an.
Entwickler, Medienvertreter und andere Gäste nahmen es eher schweigend zur Kenntnis, dass Google vordergründig für Vielnutzer eine neue, weitere hohe Preisstufe aufgerufen hat. Wer genau hinhörte, stellte jedoch fest, dass der Name Ultra häufig auch im Zusammenhang mit neuen Funktionen fiel. Die Zeiten, dass sich einem die ganze Welt der KI-Funktionen zum Preis eines Netflix-Tarifs erschließt – sie scheinen sich dem Ende zuzuneigen. Google hatte bereits im Frühjahr Maßnahmen ergriffen, um unkontrolliert steigende KI-Kosten in der Cloud durch automatisierte Budgetgrenzen einzudämmen.
Konsumenten zahlen indirekt
Google ist nicht der erste Spieler am Markt, der höhere Preise aufruft. Doch in Mountain View weiß man offenbar, dass sich der ganze milliardenschwere Apparat mit immens teuren Rechenzentren, KI-Forschern und Energiekosten nicht nur mit Vielnutzern gegenfinanzieren lässt.
Und das war der zweite Aha-Moment für Marktbeobachter: Mit dem Universal Commerce Protocol (UCP) bringt sich Google im Konsumentenbereich als Mittler ins Spiel. Das erinnert sofort an die profitablen Pay-Dienste fürs Smartphone, die Google und Apple anbieten. Und es ist eine elegante Möglichkeit, Geld mit Nutzern zu verdienen, weil sie nur indirekt dafür zahlen. Die Rechnung Googles geht an die Händler, die wohl bald gar keine Möglichkeit mehr haben, dem Google-Einkaufswagen auszuweichen, wenn der sich durchsetzt. Googles neue Suche soll dabei nicht nur Preise vergleichen, sondern Buchungen und Käufe direkt selbst abwickeln – inklusive automatischer Anrufe bei Unternehmen. Die zahlen dafür entweder mit ihrer Marge oder geben die Kosten an die Kunden weiter. In jedem Fall ist Google fein raus und verdient mit KI Geld.
Überfällige Ehrlichkeit
Verwerflich ist das nicht. Es ist überfällige Ehrlichkeit. Wer KI nachhaltig haben will, wird sich früher oder später der Kostenfrage stellen müssen. Kreative Ideen sind nicht nur bei der Weiterentwicklung der Modelle gefragt. Die Akzeptanz von KI im Alltag ist bei vielen Menschen gewachsen, legte Google mit Zahlen eindrücklich dar. Aber ist auch die Bereitschaft da, nicht nur dem geschenkten Gaul ins Maul zu schauen, sondern ihn auch zu füttern?
Diese Zukunftsfrage wird in den nächsten Jahren beantwortet werden müssen. Die Google I/O 2026 – sie ist auf den ersten Blick die inzwischen übliche gewordene Entwicklerkonferenz: wo KI alles dominiert, das Android-Betriebssystem allenfalls indirekt vorkommt und die Entwickler-Themen rund um neue Chrome- und Android-APIs auf dem weitläufigen Festgelände für das Fachpublikum stattfinden. Durch die Blume wurde aber eine neue Dekade im KI-Zeitalter angedeutet: die des Bezahlens. Man darf gespannt sein, wie konsequent Google diesen Weg geht.
(mki)









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