Amerikanische Revolution: In Lumpen besiegten sie eine Weltmacht

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Joseph J. Ellis’ Buch „1776. Der Sommer der Revolution“ scheint gleich doppelt ins Jetzt zu passen. Vor 250 Jahren emanzipierten sich die Vereinigten Staaten von Amerika vom britischen Weltreich. Es gibt also etwas zu feiern. Und just diese Demokratie steht auf der Kippe. Ihr 47. Präsident geht auf alle möglichen Minderheiten los und hebelt demokratische Prinzipien aus. Es gibt also etwas zu erinnern, das bedroht ist: die erste moderne Demokratie, die noch lange eine Sklavenhaltergesellschaft blieb. Wie geht das zusammen, kann das überhaupt zusammengehen?

Doch der Schein trügt. Joseph J. Ellis’ Buch passt nur bedingt ins Heute. Schon deswegen, weil der US-amerikanische Historiker, Spezialist für die Gründerväter der USA, sein Buch bereits 2013 veröffentlicht hat. Damals konnte er die heutige Krise der Demokratie noch nicht anvisieren, und der runde Geburtstag interessierte ihn ebenso wenig; die Jahreszahl 1776 taucht nicht im Originaltitel auf („Revolutionary Summer. The Birth of Independence“). Es ist der Verlag, der hier ein hochaktuelles Geschichtsbuch lancieren wollte; das dritte von Ellis, das er im Programm führt.

Keine Heldengeschichte der Gründung

Das Buch passt aber auch darum nicht ins Jetzt, weil sein Autor, der ein versierter, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneter Erzähler ist, seinen Stoff unbefriedigend einengt – politisch und wissenschaftlich. Ellis ist methodisch konservativ. Er betreibt Ereignisgeschichte, Militärgeschichte, Männergeschichte. Das Soziale, Kulturelle und Ökonomische blendet er aus. Seine wichtigsten Protagonisten sind auf britischer Seite George III. und William und Richard Howe, die beiden führenden Militärs vor Ort, und auf amerikanischer Seite George Washington, Thomas Jefferson, Benjamin Franklin, John Adams sowie Joseph Plumb Martin, ein unbekannter Soldat.

 „1776“Joseph Ellis: „1776“C. H. Beck

Immerhin betreibt der Autor keine Heldengeschichte. Dank seines Spottes, seiner Ironie und seines Sinns für die Paradoxien der Geschichte bietet das Buch eine über weite Strecken vergnügliche Lektüre, auch wenn der Leser immer wieder bemerkt, dass das Buch für ein US-Publikum geschrieben wurde, bei dem man viel mehr Kenntnisse der eigenen Gründungsgeschichte voraussetzen darf.

Der Ursprung der Revolution liegt im Jahr 1773, drei Jahre vor der Amerikanischen Revolution, im Hafen von Boston. Aus Protest gegen die Politik Londons werfen Bostoner Bürger über dreihundert Kisten Tee der Britischen Ostindien-Kompanie ins Wasser. Damit erreicht der schon länger schwelende Steuer- und Zollstreit zwischen dem Empire und den dreizehn nordamerikanischen Kolonien einen neuen Höhepunkt. Die britische Regierung verhängt das Kriegsrecht über Massachusetts. Was bis dahin eine Verfassungsdebatte war, schreibt Ellis, und sich um die Frage drehte, wie viel Eigenständigkeit die amerikanischen Untertanen von der Krone erhalten, wird zum militärischen Konflikt. Der König will ein Exempel statuieren.

Undiszipliniert, unerfahren, schlecht ausgerüstet

Die beiden Seiten sammeln sich. Die dreizehn Kolonien, die alle an der Ostküste liegen, bilden 1774 den Kontinentalkongress, der 1776 die von Thomas Jefferson verfasste Unabhängigkeitserklärung erlässt. Ihre ersten Sätze, die Ellis zitiert, leuchten noch immer: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit. Dass zur Versicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingeführt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten.“

1775 stellt der Kongress die Kontinentalarmee auf, die von George Washington geführt wird, dem künftigen ersten Präsidenten der USA. Sie ist schlecht ausgerüstet, undiszipliniert, unerfahren. Die regulären Soldaten werden ergänzt durch Milizionäre und Freiwillige. Die Kontinentalarmee ist das pure Gegenteil der Armee des Empire. Drohend formiert diese sich vor New York: Eine Flotte von über vierhundert Schiffen, die über tausend Kanonen, 32.000 Soldaten und 10.000 Seeleute über den Atlantik gebracht haben – „die größte amphibische Operation“, die eine europäische Macht bis dato umsetzte, „mit einer Angriffstruppe, die größer war als die Bevölkerung Philadelphias, der größten Stadt in Amerika“, wie Ellis schreibt. Der ehemalige Armeehauptmann muss es wissen. Das Heer des Weltreichs ist kampferprobt, bestens ausgerüstet, gedrillt, geleitet von geschulten Offizieren.

 George Washington auf einer DollarnoteSo begegnet er den Amerikanern heute: George Washington auf einer DollarnoteReuters

Das Kräfteverhältnis ist eindeutig. Mit nur einem Schlag könnte das Empire die Dilettantenarmee ausradieren und die Revolution im Keim ersticken. Nur tut es das nicht. Es ist diese Konstellation, die den Autor fasziniert. Die britische Armee zögert, schreibt Ellis, weil ihre Anführer sich in ihrer Überlegenheit sonnen und auf den Verhandlungsweg setzen. Sie wollen abziehen, nachdem die Untertanen sich unterworfen haben.

Doch das tun diese nicht. Die britische Armee schlägt auch dann nicht zu, als der überehrgeizige Washington taktische Fehler begeht. Er verliert das erste Gefecht, zieht sich wider Willen mit seinen Truppen zurück, flieht, begünstigt vom Nebel, ins Landesinnere. Das ist seine Rettung – und die der künftigen Vereinigten Staaten. Die Briten haben die Gunst der Stunde verpasst, die entscheidende Schlacht findet nicht statt. Auf Dauer ist das Land zu weitläufig und die Kontinentalarmee nicht mehr zu fassen. 1781 geben die Briten auf, sie haben noch andere Brandherde zu bekämpfen.

Patriotische Schwärmereien

Rückblickend wird George Washington schreiben: „Niemand wird glauben, dass eine Streitmacht, wie sie Großbritannien acht Jahre lang in diesem Land einsetzte, von einer viel kleineren besiegt wurde, die aus Männern bestand, die häufig hungerten, stets in Lumpen gingen, keinen Sold bekamen und zuweilen jede Art von Elend erlitten, welche der Mensch nur durchmachen kann.“ Die republikanischen Milizen, die hier gemeint sind, werden zum Mythos.

Ellis zitiert Washington, weil er dessen Worten fast nichts hinzuzufügen hat – nur die Korrektur, die er in den Memoiren Martins findet, des einfachen Soldaten. Die US-Republik, hält Ellis fest, entstand nicht nur dank der Miliz, sondern auch dank regulärer Soldaten wie Plumb. Hier gerät er ein wenig ins patriotische Schwärmen. Das ist der Kern seines Buchs, das die Aktionen von Armee und Kongress zusammenführt.

Doch die Revolution glückte auch, wie Ellis nur am Rande anmerkt, weil die dreizehn Kolonien die Sklavenfrage ausblendeten. Über diese wären sie sich nie und nimmer einig geworden. Die schönen „Wahrheiten“ der Unabhängigkeitserklärung galten nicht für die Frauen, aber auch nicht für die afroamerikanischen Sklaven. Diese Frage handelt Ellis zu schnell ab. Dabei hätte sie ihm weitere Paradoxien geboten – und ihn in die politische Aktualität geführt.

Viel mehr dazu findet sich etwa in Jill Lepores Buch „Diese Wahrheiten. Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika“, 2019 ebenfalls bei C.H. Beck erschienen. Ihr Blick ist in dieser Frage weiter: Die Aufständischen besitzen selbst Sklavinnen und Sklaven – und bezeichnen sich dennoch als Sklaven der Briten. Während des Kriegs laufen fast zwanzig Prozent der Sklaven ihren Herren weg und zu den Besatzern über, um die „britische Freiheit“ zu erlangen. Die Sklaven und Indigenen, die bei Ellis kaum vorkommen, viele von ihnen halten zu den Briten. Schon 1776 wird die Verachtung für Minderheiten in der Identität der Vereinigten Staaten verankert. Eine gar nicht mehr so schöne Wahrheit.

Joseph J. Ellis: „1776“. Der Sommer der Revolution. Aus dem Englischen von Martin Richter. C.H. Beck Verlag, München 2026. 249 S., Abb., geb., 28,– €.

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