Aigner als Bundespräsidentin?: Vielleicht will Söder sie wegloben – oder sichergehen, dass sie es nicht wird

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Ist dieses Video Zufall oder Chiffre? Am Donnerstag, nur Stunden bevor CSU-Chef Markus Söder sie für das Amt der Bundespräsidentin ins Spiel bringt, veröffentlicht Ilse Aigner einen Clip, in dem sie sich selbst vorstellt: „Hausherrin im Landtag“, „Hüterin der Demokratie“, „gelernte Elektro-Technikerin“ flimmert darin über den Bildschirm, dazu Bilder von Aigner mit Soldaten, Ministerpräsidenten und im Dirndl bei einer Kranzniederlegung.

Das kurze Video der 61-jährigen CSU-Politikerin wirkt schon fast wie eine Bewerbung für den Posten im Schloss Bellevue. Als Landtagspräsidentin in Bayern hat sie bereits ein repräsentatives hohes Staatsamt inne, nun könnte sie das erste weibliche Staatsoberhaupt der Bundesrepublik werden. Am 30. Januar 2027 könnte sie als Nachfolgerin von Frank-Walter Steinmeier gewählt werden.

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So scheint zumindest der Plan von Bayerns Ministerpräsident. „Wenn Ilse Aigner möchte, hat sie meine volle Sympathie und Unterstützung“, sagte Söder dem „Münchner Merkur“ und überraschte damit die christdemokratische Schwesterpartei.

Dort ist man am Freitag nicht sonderlich begeistert über die neue Präsidentinnen-Debatte. „Schön, wenn sich Markus Söder schon mit der Bundesversammlung in neun Monaten beschäftigt. In der Koalition warten gerade echt drängendere Fragen auf eine Antwort“, sagte ein CDU-Bundestagsabgeordneter dem Tagesspiegel. Eine andere CDU-Parlamentarierin bezeichnet Söders Parteinahme für Aigner gar als „schönes Wegloben“.

Söder und Aigner sind seit Jahrzehnten Rivalen

Tatsächlich stellt sich die Frage, was den CSU-Chef treibt. Seit sie vor mehr als 30 Jahren zeitgleich in den Landtag einzogen, gelten Aigner und Söder als Gegenspieler. Beide machten Karriere und wollten Horst Seehofer als Ministerpräsident beerben. Am Ende setzte sich der Franke gegen die Oberbayerin durch, machte sie in der CSU-Alleinregierung jedoch zu seiner Stellvertreterin.

Seitdem findet der Machtkampf im Hintergrund statt. Hier eine spitze Bemerkung, dort eine Gemeinheit. 2021 brachte sich Aigner im CSU-Parteivorstand als Nachfolgerin von Söder ins Spiel, als der mit einer Kanzlerkandidatur liebäugelte. Ganz ausschalten konnte Söder die beliebte Aigner nie, doch als Landtagspräsidentin war sie zuletzt etwas in die zweite Reihe gerutscht.

Und so gibt es in der Union am Freitag zwei Erzählungen. Die eine lautet, Söder wolle seine alte Konkurrentin „verbrennen“. Schließlich gilt bei der Wahl des Bundespräsidenten die alte Regel, dass zu früh in Position gebrachte Kandidaten sich am Ende nicht im Schloss wiederfinden.

Söder gilt als angeschlagen

Tatsächlich scheint es noch keine festen Absprachen mit CDU und SPD zu geben. Aus Regierungskreisen wurde dem Tagesspiegel berichtet, dass die Absprachen in einem frühen Stadium seien. Über konkrete Namen sei noch nicht im Detail gesprochen worden. Schließlich ist vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin im Herbst auch die genaue Zusammensetzung der Bundesversammlung unklar.

Die zweite Erzählung, die von mehr Akteuren in der Union geteilt wird, lautet, Söder wolle Aigner aus Bayern loswerden, um sich seine eigene Macht zu sichern. Seit dem CSU-Parteitag im Dezember, auf dem Söder mit nur 83,6 Prozent wiedergewählt wurde, gilt der 59-Jährige als angeschlagen. Von seinen Essens-Videos sind die Parteifreunde zunehmend genervt, vom Zickzack-Kurs in der Reformdebatte ohnehin. Und dann folgte im März auch noch das schlechteste Kommunalwahlergebnis seit 75 Jahren.

Frauenpower im Schloss Bellevue – das gefällt mir.

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen in Bayern, Katharina Schulze, befürwortet eine Bundespräsidentin Ilse Aigner.

Sollte Aigner Schlossherrin werden, könnte sich Söder damit schmücken, der ersten Bundespräsidentin den Weg geebnet zu haben. Gleichzeitig würde er ein alternatives Machtzentrum in Bayern abräumen. Der Preis für Söder wäre jedoch hoch. Denn neben einer CSU-Präsidentin scheint ein CSU-Kanzler undenkbar.

Für Bundeskanzler Friedrich Merz, der am Freitag beim EU-Gipfel auf Zypern weilte und sich nicht zu Aigner äußerte, wäre das eine gute Nachricht. Der 70-Jährige hatte zuletzt durchblicken lassen, für eine zweite Amtszeit kandidieren zu wollen. Sich einen erneuten Machtkampf mit Söder zu sparen, könnte eine verlockende Option sein.

Aus der SPD, deren Stimmen Aigner für die Mehrheit bräuchte, kamen bereits positive Signale. „Sie ist eine kluge und verantwortungsbewusste Demokratin und wäre mit Sicherheit eine geeignete Kandidatin“, sagte der frühere Arbeitsminister Hubertus Heil dem Tagesspiegel. SPD-Chef Lars Klingbeil schwärmte via „Bild“: „Ich schätze Ilse Aigner sehr.“

Und auch bei den Grünen, die schon lange eine Frau als Staatsoberhaupt fordern, wurde Unterstützung signalisiert: „Sie wäre eine gute Bundespräsidentin“, sagt die bayerische Fraktionsvorsitzende Katharina Schulze dem Tagesspiegel: „Frauenpower im Schloss Bellevue – das gefällt mir.“

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