Es ist eine Attacke, die nachwirkt. Anfang Januar beschädigten Unbekannte im Berliner Südwesten per Brandanschlag eine Kabelbrücke. Es folgte der längste Stromausfall in Berlin seit dem Zweiten Weltkrieg. Mit drastischen Folgen: Rund 50.000 Haushalte waren teils tagelang ohne Strom und Heizung – bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. 2200 Unternehmen konnten ihrem Betrieb nicht nachgehen. Die Täter: eine mutmaßlich linksextreme „Vulkangruppe“.
Der Vorfall hat offenbar zu einem Umdenken bei den Behörden geführt. Das zeigt sich jedenfalls am vergangenen Dienstag, als Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) zusammen mit Verfassungsschutz-Chef Sinan Selen den Jahresbericht des Inlandsdienstes vorstellt.
460 Seiten umfasst der Bericht, gut 60 davon zum Linksextremismus. Und in diesen findet sich genau viermal ein neues Wort: „Linksterrorismus“. Eine Formulierung, die zeigt, wie ernst der Verfassungsschutz die Bedrohung vom linken Rand inzwischen nimmt. Noch nie zuvor hat die Behörde schließlich auf Landes- oder Bundesebene diesen Begriff wählt.
Im Kontext der jüngsten Attacken auf kritische Infrastruktur etwa in Berlin habe sich gezeigt, argumentiert der Nachrichtendienst, dass es „Linksextremisten und Linksterroristen“ vor allem um „die Bekämpfung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ gehe. Diese solle „gewaltsam“ überwunden werden. Leidtragende sei dabei die Bevölkerung, heißt es weiter.
Empfohlener redaktioneller Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.
Externen Inhalt anzeigen
Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können.
Entsprechend deutlich sprach Dobrindt am Dienstag von einer „erheblichen Gefahr“, die von der extremen Linken ausgehe. Zu Recht?
Kein neues Phänomen
Die Zahlen lesen sich zumindest dramatisch. Laut den Erhebungen des Verfassungsschutzes stieg die Summe der Linksextremisten in Deutschland im vergangenen Jahr um 4200 Personen auf insgesamt 42.200 – ein Zuwachs von rund zehn Prozent. Dabei wuchs auch das gewaltorientierte Spektrum, das nun rund 11.600 Personen umfassen soll.
Parallel dazu registrierten die Behörden einen deutlichen Anstieg der Straftaten mit linksextremistischem Hintergrund. Mit 8133 Fällen waren es 2025 fast 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Gewalttaten stiegen sogar um rund 61 Prozent auf insgesamt 856.
856
linksextremistisch motivierte Gewalttaten wurden 2025 registriert – rechtsextremistische gab es 1.598.
Für Experten ist diese Entwicklung nicht neu, sie warnen schon lange vor einer wachsenden Bedrohung durch linken Extremismus: „Die Gefahrenlage hat sich in den vergangenen Jahren klar verschärft“, sagte etwa Felix Neumann, der sich für die unionsnahe Konrad-Adenauer-Stiftung mit Linksextremismus beschäftigt, unlängst dem Tagesspiegel. „Sowohl die Zahl der Personen im Linksextremismus als auch ihr Gefahrenpotenzial sind gestiegen.“
Aber wie lässt sich dieser Anstieg erklären? Und was treibt die Täter an?
Hendrik Hansen rät zunächst dazu, die Zahlen in einem breiteren zeitlichen Rahmen zu betrachten: „Wir haben keine völlig neue Entwicklung, sondern eine Verstärkung von etwas, das wir in der Vergangenheit schon kannten“, sagt der Professor für politischen Extremismus der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung.
Das Niveau der linksextremistischen Gewalttaten, so Hansen, habe in den 2010er-Jahren regelmäßig höher gelegen als das der rechtsextremistischen. Das habe sich zwischenzeitlich gedreht, die Zahlen seien seit 2020 deutlich zurückgegangen.
Das Gewaltpotenzial war auch in den vergangenen Jahren hoch, es hat sich nur nicht in entsprechendem Maße artikuliert.
Für Extremismusexperte Hendrik Hansen sind die gestiegenen Zahlen keine Überraschung
„Das Gewaltpotenzial war aber auch in den vergangenen Jahren hoch“, schränkt Hansen jedoch ein. „Es hat sich nur nicht in entsprechendem Maße artikuliert.“ Den Grund sieht der Forscher unter anderem in den Fahndungserfolgen gegen Gruppen wie die sogenannte „Antifa Ost“ um die Linksextremistin Lina E., die derzeit in Dresden mit drei weiteren Mitgliedern vor Gericht steht.
Die Szene sei daraufhin vorsichtiger geworden, und habe die klandestinen Maßnahmen verstärkt, sagt Hansen. „Jetzt sehen wir im letzten Jahr wieder eine stärkere Mobilisierung und eine größere Bereitschaft, zur Gewalt zu schreiten.“
Gegenseitige Radikalisierung
Einen Treiber der Entwicklung sieht der Extremismusexperte in einer sogenannten „Ko-Radikalisierung“. Auch im rechtsextremistischen Milieu lasse sich nämlich ein teils rasanter Anstieg der Fallzahlen beobachten, im vergangenen Jahr um rund 17 Prozent. Bei den rechtsextremistisch motivierten Gewalttaten habe der größte Block zwar wie in den Vorjahren einen fremdenfeindlichen Hintergrund gehabt, so Hansen, aber auch die Gewalt gegen Linksextremisten sei gestiegen: „Von 106 im Jahr 2024 auf 165 im letzten Jahr.“
Gleichzeitig sieht die linksextremistische Szene Gewalt als eine Art letztes Mittel im Kampf für die vermeintlich gute Sache, nämlich gegen den erstarkenden Rechtsextremismus. Die Szene sei überzeugt, dass sich der Aufstieg rechter Kräfte wie der AfD nicht mehr mit demokratischen Mitteln aufhalten lasse – sondern nur mit Härte.
Es ist sehr wichtig, Linksextremismus und Rechtsextremismus nicht gegeneinander auszuspielen.
Extremismusexperte Hendrik Hansen warnt vor falschen Schlüssen
Entsprechend deutlich stiegen im vergangenen Jahr die registrierten Delikte gegen vermeintliche oder tatsächliche Rechtsextremisten. Insgesamt wurden in diesem Kontext 6027 Delikte erfasst, darunter 528 Gewalttaten. Das entspricht nahezu einer Verdopplung im Vergleich zum Vorjahr.
Gewalt wird also zunehmend mit Gewalt beantwortet – für Hansen eine besorgniserregende Entwicklung: „Wenn dieser Trend anhält, wäre das sehr bedenklich.“
Verzerrung durch Demos?
Innenminister Dobrindt erklärt den Anstieg bei den linksextremistisch motivierten Taten derweil unter anderem mit „vielen politischen Demonstrationen“ und bei diesen stattgefundenen „Körperverletzungen gegen die Polizei und Widerstand gegen die Staatsgewalt“, wie er am vergangenen Dienstag sagte.
Damit meint er etwa die Großdemos im Rahmen des AfD-Parteitages im sächsischen Riesa oder die Gründung der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ in Gießen. In beiden Fällen kam es neben friedlichem Protest auch zu gewaltsamen Ausschreitungen, die teilweise dem linksextremistischen Milieu zugerechnet werden. Hunderte Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet – und könnten nun die Statistik nach oben treiben.
Auch zum AfD-Parteitag in Erfurt wurden am vergangenen Wochenende laut Polizei mindestens 2500 Personen aus der linksextremistischen Szene erwartet. Die befürchteten Ausschreitungen blieben bis auf einige Ausnahmen jedoch aus.
Hansen appelliert auch deshalb, die jüngsten Zahlen mit Besonnenheit zu betrachten: „Es ist sehr wichtig, Linksextremismus und Rechtsextremismus nicht gegeneinander auszuspielen, sondern beides mit dem gleichen Ernst zu betrachten“, sagt er. „Der 360-Grad-Blick ist zwingend notwendig.“
In der Sicherheitspolitik, so Hansen weiter, gebe es eine Tendenz dazu, einen Phänomenbereich hervorzuheben, wenn es zu besonders starken Ausschlägen nach oben komme. Für ihn liegt darin eine Gefahr: „Das hat dann unmittelbare Konsequenzen, wenn Personal umgeschichtet wird und andere Bereiche vernachlässigt werden.“

vor 2 Tage
3








English (US) ·