Zum Tod von Jürgen Kesting: Ein Papst, der nie unfehlbar sein wollte

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Wenn Jürgen Kesting einem gegenübersaß, verschränkte er gern die Arme über der Brust. Menschen, die Abstand halten wollen, tun so etwas. Sie bauen eine Bannmeile um sich auf. Zugleich aber umspielten seine Augen und seinen Mund vergnügte Lachfalten, die selten für Ironie, viel öfter für Sympathie und Zustimmung standen. Vor allem hörte er wirklich zu und begriff Gespräche nicht als Monologe, sondern als gemeinschaftliches Entwickeln von Gedanken.

Henri Nannen, der lange Kestings Chefredakteur beim „Stern“ war und dessen Feuilleton Kesting leitete, habe ihm immer gesagt: Journalismus sei, über die Flure zu gehen und zu quatschen. Sein Imperativ habe gelautet: „Haltet eure Türen offen!“. Und er selbst habe von Nannen unendlich viel Ermutigung erfahren, wenn dieser oft um halb elf Uhr abends noch anrief, um zu loben. Für den „Stern“ entstanden Kestings einschlägige Porträts und Interviews von und mit Musikern wie Friedrich Gulda, Luciano Pavarotti oder Leonard Bernstein, dem er im Washingtoner Watergate-Hotel die Äußerung entlockte, er habe bei seinem Dirigat der Berliner Philharmoniker „dieses frigide Orchester wachgeküsst“, was zu einem Zerwürfnis zwischen Bernstein und Herbert von Karajan führte.

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Kesting behauptete zwar immer, dass im Lob mehr Zudringlichkeit stecke als im Tadel, aber er selbst war in der Arbeit für beides empfänglich und mit beidem nicht geizig. Als Frühaufsteher, der seine Morgenstunden damit verbrachte, die überregionalen Zeitungen Deutschlands – nicht nur die Feuilletons, auch die Politik-, Wirtschafts- und Sportteile – zu sichten, verschickte er erste Kommentare zu Texten manchmal schon um zehn vor sieben. Kesting liebte den Austausch, den Mailverkehr, die langen Telefonate. Resonanzlos als freier Autor am Schreibtisch zu sitzen, nicht zu wissen, ob das, was er schrieb, als gut oder als dumm, als verquer oder treffend empfunden wurde, war ihm eine Qual. Er suchte dabei nicht den Streit, sondern den Zuwachs an Erkenntnis, die Verbesserung von Texten.

So wie er auch in dieser Zeitung Phrasendrescherei und aufgeblasene Nullbotschaften im Reden und Schreiben über Musik geißelte, war er im Gegenzug immer bereit, an Texten zu arbeiten, zu ändern, neu zu gewichten, sich selbst zu korrigieren, wenn ihm Einwände einleuchteten. Die Arbeit mit ihm war ein Hochgenuss uneitler Sachbezogenheit. Bei all seinem enzyklopädischen Wissen und seinem immensen Renommee war er als Journalist alles andere als eine Diva – Reibungsverluste durch Statusgetue gab es mit ihm nicht.

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Aber er hatte seinen Stolz! Als er 1997 für ein großes Verlagshaus ein Musikmagazin entwickelt hatte, bekam er von seinem Vorgesetzten zu hören: „Ach, Kesting! Sie sind viel zu seriös. Das einzige, was die Leser interessiert, sind Geld und Titten!“. Kesting stand auf, kündigte und kam als freier Autor zur F.A.Z., „der glücklichsten Station meines Berufslebens“, wie er mehrfach sagte.

Wie in seiner Körpersprache gehörten auch in seiner Arbeit Distanz und Zugewandtheit, Kritik und unverkrampftes Bekenntnis zum eigenen Ergriffensein zusammen. Als Kesting für die F.A.Z. die von ihm bewunderte Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender zu deren 80. Geburtstag interviewte, stellte er ihr eine Frage, die offensiv die eigene Faszination entblößte: „Das Timbre Ihrer Stimme ist so unverkennbar wie das von Caruso oder Callas, und es ist ein erotisches Timbre. Waren Sie sich dieses Reizes bewusst, haben Sie das klangliche Changieren gezielt eingesetzt? Den Klang als Naturlaut des Leibes?“ Man muss Kesting allein schon für das gekonnte Ineinander aus Unverschämtheit und Taktgefühl in dieser Frage bewundern. Er zeigte sich darin als Weltmann, der jede Verspießbürgerlichung klassischer Musik zur „holden Kunst“ vom häkeldeckchentragenden Teetisch fegte. Dass eine Stimme chills auslöse, Gänsehaut und Schauer, war für ihn ein Qualitätsmerkmal.

Was im Gesang anklingt, ging für ihn über das „Reinästhetische“ hinaus. In seinem vierbändigen Werk „Die großen Sänger“ interessierten ihn auch die sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Bedingungen, die Charakter-Darsteller wie Fjodor Schaljapin an russischen Hoftheatern mit italienischer Schulung hervorgehen ließen. Er fragte nach dem Hintergrund des italienischen Fascismo für Stimmtypen der Zwanziger- und Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts oder danach, was der Wilhelminismus für den Wagner-Gesang bedeutete.

Jürgen KestingJürgen KestingJan Brachmann

Nicht nur im Kapitel zu Anna Netrebko interessierte ihn Gesang immer gleichermaßen als Ware, als Medienphänomen und als Gegenstand eminenter Eigenbedeutsamkeit. Lanciert wurde Netrebko am Markt als zielgruppenoptimiertes Produkt, von der Kritik gefeiert mit jenen „flotten Floskeln“, so Kesting, in denen sich der „Zeitgeist, der nichts mehr schätzt als Superlative unverbindlicher Allgemeinheit“, zeige. Aber dann attestierte Kesting der russischen Sopranistin „ein außergewöhnliches sängerisches Talent“, analysierte das Timbre ihrer Stimme in verschiedenen Registern, maß ihre Ausdruckskraft in einzelnen Phrasen Verdis, Donizettis und Bellinis am Text wie an historischen Vorbildern und gab ein differenziertes Urteil ab.

Kesting war zugleich ein Meister pfeilspitzer Sottisen: Als er Dietrich Fischer-Dieskau wegen dessen baritonaler Oberlehrerattitüde als „Prof. Dr. h.c. Rigoletto“ titulierte, lachte sich halb Deutschland die Beklemmung von der Seele. Idolatrie grauste ihn. Und auch wenn die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli ihn in der F.A.Z. aus Anlass seines 80. Geburtstags in überschwänglicher Zuneigung als „Papst“ bezeichnete, war ihm jeder Unfehlbarkeitsanspruch, jedes rhetorische Weihräuchern fremd.

Geboren wurde Jürgen Kesting am 26. Juli 1940 in Duisburg. Studiert hatte er Germanistik, Anglistik und Philosophie. Seine Dissertation zur Zahlensymbolik im Roman „Doktor Faustus“ von Thomas Mann ist von seinem Professor hintertrieben worden. Kesting fasste schnell Fuß in der Phonoindustrie, dann im Journalismus. Sein vierbändiges Buch über „Die großen Sänger“ und seine Biographie über Maria Callas führten ihn übers Tagesgeschäft hinaus zur Analyse von Stimmen nach den Kriterien der Stil-, Gattungs- und Interpretationsgeschichte. Für Jan Schmidt-Garres Filmanthologie über die Tenöre der Schellack-Zeit stand Kesting als Experte vor der Kamera. Manche Kollegen bespöttelten ihn wegen seiner genauen physiologischen Expertise zu den Singorganen als „Laryngologen“. Aber diese ermöglichte es ihm, einer Stimme Erkrankungen oder falsche Techniken abzuhören, bevor das große Publikum Schäden bemerkte. Diese Kompetenz und Strenge verschafften Kesting bei den Sängern allerhöchsten Respekt. Vokabeln wie fil di voce, passaggio und physique du rôle hielten durch ihn Einzug in die Sprache des Feuilletons.

Kestings Fleiß, sein Mut zur Attacke, seine Schnelligkeit ließen auch im Alter nicht nach. Den Nachruf auf die Sopranistin Renata Scotto schrieb er im August 2023 mit selbst schon 83 Jahren aktuell in Windeseile bei 39 Grad Fieber in Folge einer Corona-Infektion. Kesting liebte die Arbeit an Nachrufen. „Wir wissen doch“, bemerkte er einmal, Mozart zitierend, „dass der Tod der beste Freund des Menschen ist, und so sehe ich darin, ein Epitaph zu schreiben, eine ehrenvolle Aufgabe“. Dieser hier gilt nun unvermeidlicherweise ihm selbst. Am Abend des 5. Juni ist Jürgen Kesting mit 85 Jahren in Hamburg gestorben. Den Sängern und Intendanten, denen er ein geschätzter Ratgeber war, wird er ebenso fehlen wie den Lesern und Kollegen, denen er mit seinem Wissen, seiner analytischen Sprache und seiner Liebe zur Kunst Schneisen der Einsicht durch ein Gestrüpp aus Geschwätz geschlagen hat.

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