Wiener festwochen: Gegen Gewalt hilft nur Gewalt

vor 2 Tage 1

Gewalt und Kriege dürfte es eigentlich nicht mehr geben, zumindest dem Selbstverständnis einer Moderne nach, die sich einem vernunftgeleiteten Prozess der Zivilisation verschrieben glaubt. Wo sie dennoch ausbrechen, wird nach Erklärungen dafür gesucht und dabei nicht selten Gewalt als Gegengewalt gerechtfertigt. Nur wenige Denker sind der Illusion einer an sich gewaltfreien Moderne nicht erlegen, Jan Philipp Reemstma zum Beispiel, der Gewalt als essentiellen Bestandteil auch moderner Gesellschaften begreift, oder Zygmunt Bauman, der sich den Ambivalenzen der Moderne, zu denen eben auch Gewalt gehört, verschrieben hat. Beiden Erklärungsansätzen ist das Bemühen gemeinsam, Gewalt und Krieg im Grunde logisch aus bestimmten gegebenen gesellschaftlichen Prämissen abzuleiten.

Demgegenüber vertritt die im Alter von nur 34 Jahren verstorbene Philosophin Simone Weil einen völlig anderen Ansatz: In ihrem grandiosen Essay „Die Illias oder das Gedicht von der Gewalt“, mitten im Zweiten Weltkrieg verfasst, findet sich nirgendwo eine rationale Erklärung für den Einsatz von Gewalt. Im Gegenteil: Gewalt wird von Weil nicht nur als völlig sinnlos und vernunftwidrig entlarvt, sondern auch – wie uns gerade Homers Epos vom Trojanischen Krieg lehrt – als etwas, bei dem es letztendlich keine Sieger gibt. Denn ihres blutreichen Triumphs über die Stadt Troja, die sie erst nach jahrelangen zermürbenden Kämpfen einnehmen konnten, durften sich die griechischen Heerführer nicht lange freuen. Ihre Heimreise geriet zur Irrfahrt, oder sie wurden daheim erschlagen, wenn sie nicht sonst irgendein Unheil erlitten.

Das Mitleid der Gewalt entgegensetzen

Weils Essay, der den Trojanischen Krieg als Archetypus jeder kriegerischen Auseinandersetzung versteht, diente der deutsch-österreichischen Komponistin Brigitta Muntendorf, ihrer Librettistin Rosa Montero sowie Regisseurin Christiane Jatahy als Grundlage für das Musiktheater-Projekt „The Day Before“, das die Wiener Festwochen im Odeon Theater zur Uraufführung brachten und das am 23. Mai im Rahmen der KunstFestSpiele Herrenhausen zur deutschen Erstaufführung gelangen wird.

Wie schon bei Muntendorfs „Melencolia“ oder „ORBIT – A War Series“, beide mit der Berliner Staatsoper koproduziert, handelt es sich auch in diesem Fall um ein immersives Theater, bei dem sich das Publikum unter die Darsteller mischt und zusätzlich auf zwei Leinwänden den von Kameraleuten begleitenden Hauptdarstellerinnen folgen kann. Am Tag bevor man in den Krieg zieht, wird noch einmal ganz groß Party gemacht, als Tanz auf dem Vulkan gewissermaßen, wenngleich nicht ohne Hoffnung. Das wird am Ende deutlich, wenn zum großen Finale „Let the Sunshine in“, der populäre Hit aus dem Flower-Power-Musical „Hair“ das letzte Wort hat und die Mitwirkenden das anfangs noch etwas zögerliche Publikum zum Mitsingen und Mittanzen animieren.

 Bei „The Day Before“ mischen sich Darsteller unters Publikum.Immersives Theater, kaum überwältigend: Bei „The Day Before“ mischen sich Darsteller unters Publikum.Tim Dornaus

Das Anliegen des Projekts ist begrüßenswert, künstlerisch aufgegangen ist es jedoch nur teilweise. Die Probleme fangen schon damit an, dass ein Essay nur bedingt für eine musiktheatralische Umsetzung taugt. Euripides’ Stück „Die Troerinnen“, das Ähnliches behandelt, hätte sich dafür möglicherweise besser geeignet, kam als Vorlage aber vermutlich deshalb nicht infrage, weil die Autorinnen einen betont feministischen Ansatz verfolgten. Das aber führte dazu, dass der mit 75 Minuten eher kurze Abend mitunter mehr dokumentarische als theatralische Züge annahm, etwa dort, wo Weils Essay wörtlich zitiert oder Zahlen aufgelistet werden, wie viele Frauen seit dem Zweiten Weltkrieg in kriegerischen Auseinandersetzungen vergewaltigt wurden. Diese sind tatsächlich erschreckend hoch, und man nimmt sie auch nicht so ohne Weiteres zur Kenntnis.

Mitleid jedoch, das Simone Weil als Gegenpol zur Gewalt und somit als Mittel zu deren Überwindung verstanden wissen will, bewirkt dies noch lange nicht. Da hätte eine einzelne Figur, in deren tragisches Schicksal man sich als Zuseher mitfühlend hätte einleben können, vermutlich mehr erreicht. Das wurde mit Briseis, der Lieblingssklavin des Achill, zwar versucht, der die Autorinnen als zweiter großer Figur neben Kassandra, im Gegensatz zu Homer, auch eine Stimme gaben.

Letztlich kann auch die Musik die Distanz nicht restlos überwinden

Doch trotz der bewundernswert intensiven Darstellung durch die Tänzerin und Choreographin Margaux Marielle-Trehoüart ließ sich die Distanz zum Betrachter nicht überwinden, geschweige denn, dass sich ein mimetisches Mitfühlen eingestellt hätte, weil diese Briseis mehr ihre Wut und Empörung herausschreit, als ihr Schicksal zu vermitteln. Und auch Kassandra, der Christa Wolf in ihrer gleichnamigen Erzählung ein so eindringliches feministisches Denkmal gesetzt hatte, ragt in dieser Produktion bestenfalls als Monument heraus, so facettenreich in musikalischer Hinsicht sie auch von der aus Äthiopien stammenden schwedischen Sängerin Sofia Jernberg, als Komponistin eine Meisterin des Creative Jazz, dargestellt wurde.

Letztlich hat auch Brigitta Muntendorfs Musik, trotz des immersiven Ambientes, in dem sie eingebettet ist, die Distanz nicht restlos überwinden können. Dafür war sie in ihrem gekonnten Mix aus Live-Elektronik, Dance- und Minimal-Music stellenweise einfach viel zu schön. Von jugendlichen Stimmen umgeben tauchte man in eine Klangwolke ein, die eher zum Wohlfühlfaktor geriet, als aufzurütteln vermochte. Das gelang, wenn auch selten, nur dem famosen Schlagwerkensemble „Les Percussions de Strasbourg“, das den angenehmen Tönen mitunter einen starken Kontrapunkt entgegensetzte.

Der erste große Höhepunkt der Wiener Festwochen, die heuer unter dem Motto „Republic of Gods“ stehen, ist „The Day Before“ leider nicht geworden. Aber bis zum 21. Juni stehen noch einige Produktionen auf dem Programm, die vielleicht mehr überzeugen.

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