Wie ein Antikörper verhindert, dass man beim Abnehmen Muskeln verliert

vor 2 Tage 2

Ein neues Präparat reduziert den Muskelschwund beim schnellen Abnehmen. Das ist besonders für Abnehmspritzen relevant. Eine Studie untersuchte die Wirkung beider Therapien im Zusammenspiel – mit vielversprechendem Ergebnis.

Ein neues Medikament namens Apitegromab könnte künftig helfen, Muskelschwund bei der Einnahme von Abnehmspritzen zu vermeiden. Ergebnisse einer klinischen Studie wurden im Fachmagazin „Nature Medicine“ veröffentlicht.

Abnehmspritzen ermöglichen erstaunliche Gewichtsreduktionen innerhalb kürzester Zeit. Doch der rasche Erfolg auf der Waage geht oftmals mit erheblichem Verlust von Muskelmasse einher – mit potenziellen Langzeitfolgen für Fitness und Gesundheit.

Untersuchungen zeigen, dass etwa ein Drittel des Gewichtsverlusts durch GLP-1-Medikamente wie Wegovy oder Mounjaro auf den Rückgang von Muskelgewebe anstelle von Körperfett zurückgeht.

Die neue Studie wurde an 102 erwachsenen, überwiegend weiblichen Teilnehmern durchgeführt, die den Wirkstoff Tirzepatid (Handelsname: Mounjaro) zum Abnehmen nutzten. Körperscans zeigten, dass diejenigen, die gleichzeitig Apitegromab einnahmen, einen deutlich größeren Anteil ihrer Muskelmasse behielten, während sie weiterhin Fettgewebe verloren.

Experten sagen, vor einer Empfehlung für den neuen Antikörper-Wirkstoff seien weitere Prüfungen notwendig.

Tirzepatid ist ein sogenannter GLP-1-Rezeptoragonist (GLP-1-RA). Er gehört zu den als Abnehmspritzen bekannten Medikamenten und ist seit 2023 als Therapie zur Gewichtsreduktion in der Europäischen Union zugelassen.

Muskelschwund durch Abnehmspritzen

Etwa 25 bis 40 Prozent des gesamten Gewichts, welches Menschen mithilfe von Wirkstoffen wie Tirzepatid abnehmen, sind fettfreie Körpermasse (FFM), sogenannte Magermasse. Dazu zählt auch das Muskelgewebe.

Nach derzeitigem Forschungsstand wird davon ausgegangen, dass dieser Verlust keine spezifische Nebenwirkung der Abnehmspritzen selbst ist – sondern ein Nachteil rapider Gewichtsabnahme. Auch bei traditionellen Diäten mit starker Kalorienrestriktion kann es zu vergleichbarem Abbau von Magermasse kommen.

Problematisch ist das Phänomen, weil Muskeln wesentlich schwerer wieder aufzubauen sind als Fettgewebe. Wiederholte extreme Diäten mit folgendem Jojo-Effekt können das Muskeln-zu-Fett-Verhältnis nachhaltig verschlechtern und den Körper übergewichtiger Menschen zusehends schwächen, ohne eine langfristige Gewichtsabnahme zu erzielen.

Daher werden für den Erhalt der Muskelmasse sowohl bei Diäten mit Kalorienrestriktion als auch bei Einnahme von GLP-1-Medikamenten eine proteinreiche Ernährung und angemessenes Krafttraining empfohlen. Zudem raten Experten dringend davon ab, Abnehmspritzen für kurzfristige oder kosmetische Zwecke zu nutzen.

Derzeit ist Apitegromab nur für klinische Versuche verfügbar und muss intravenös injiziert werden. Der Hersteller, der auch die aktuelle Studie finanzierte, prüft derzeit, ob eine Anwendung mittels Injektionsstift für zu Hause möglich wäre, ähnlich wie bei den Abnehmspritzen.

Apitegromab wirkt, indem es die Arbeit eines Proteins blockiert, das daran beteiligt ist, Muskeln abzubauen. Künftig soll daher untersucht werden, inwieweit diese Antikörpertherapie auch bei altersbedingtem Muskelschwund, der Sarkopenie und anderen Erkrankungen mit Muskelschwund Potenzial hat.

Muskelerhalt durch Antikörper

In der Studie wurden 102 Patienten mit Übergewicht 24 Wochen lang untersucht. Sie wurden zufällig in zwei Gruppen eingeteilt: Eine Hälfte bekam Tirzepatid zusammen mit dem Antikörper, die andere erhielt Tirzepatid und ein Placebo ohne Wirkstoff.

Nach den sechs Monaten hatte die Apitegromab-Gruppe im Mittel 1,6 Kilogramm Magermasse verloren. Die Placebo-Gruppe verlor hingegen 3,5 Kilogramm Magermasse. Der Gesamtgewichtsverlust war in beiden Gruppen ähnlich mit 11,2 Kilogramm versus 12,5 Kilogramm.

Die Teilnehmer, die Apitegromab einnahmen, behielten demnach rund 1,9 Kilogramm oder 55 Prozent mehr fettfreie Körpermasse (Magermasse), insbesondere Muskelmasse, als die Kontrollgruppe.

Reiner Jumpertz-von Schwartzenberg, Professor für Klinische Metabolismus- und Adipositasforschung am Universitätsklinikum Tübingen, nannte die Ergebnisse einen „wichtigen Schritt“ zum Erhalt der Muskelmasse bei der Nutzung von Abnehm-Medikamenten. Die Nebenwirkungen in beiden Gruppen seien vergleichbar. Er war selbst nicht an der Studie beteiligt.

Unklar bleibe im Studienbericht, ob die Teilnehmer in der Apitegromab-Gruppe körperlich aktiver waren als in der Placebo-Gruppe. Das könnte die Ergebnisse beeinflusst haben.

„Zudem sind durch die kurze Interventionsdauer keine Rückschlüsse über die Langzeitwirkungen zu ziehen“, sagt Jumpertz-von Schwartzenberg. Größere und vor allem längere Studien müssten den Effekt, die Nebenwirkungen und die Langzeitwirkungen genauer untersuchen.

Perspektivisch könnten von dem Therapiezusatz hauptsächlich Menschen profitieren, die an einer klinisch diagnostizierbaren Adipositas leiden, gleichzeitig jedoch auch eine auffällig niedrige Muskelmasse und Muskelfunktion haben – eine sogenannte sarkopene Adipositas.

Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugen.

Gesamten Artikel lesen