Westend Verlag: Neben Rechtsradikalen publizieren?

vor 2 Tage 1

Mit der Kritik ist es so eine Sache. Ihre Grundhaltung ist die Skepsis, vielleicht sogar das Misstrauen. Was ihr in die Finger kommt, wird befragt, bemängelt, oft genug auch missverstanden. Das gilt besonders für die politische Kritik, die, wie Reinhart Koselleck gezeigt hat, aufgrund ihrer Machtferne dazu neigt, in Hypokrisie umzuschlagen. Wenn der Kritiker sich nicht bremsen kann, ist ihm plötzlich alles verdächtig – außer er selbst und seine persönliche Misstrauensgemeinschaft.

Dreißig Autoren, darunter Gregor Gysi, die Journalistin Ulrike Herrmann und der Armutsforscher Christoph Butterwegge, haben sich nun entschieden, ihrer Misstrauensgemeinschaft die Mitgliedschaft aufzukündigen. Nun, da der Westend-Verlag das von Julian Reichelt und Pauline Voss verantwortete Buch „Links – Deutsch / Deutsch – Links“ verlegt hat, wolle man „in dieser Nachbarschaft“ nicht mehr publizieren. Man vertrete zwar einen weiten Begriff von Meinungsfreiheit, doch mit der Veröffentlichung aus dem „NIUS“-Umfeld sei das Spektrum des Verlags „bis hin zur extremen Rechten erweitert“ worden.

Verschwörungstheorien gehören schon lange zum Programm

Die Vorwürfe sind nicht unbegründet. Allein, man wundert sich, dass die Westend-Autoren sich so spät zu diesem Schritt entschlossen haben. Der Verlag ist ein Paradebeispiel für die kuriosen weltanschaulichen Kurven, die eine der Machtkritik verpflichtete Linke absolvieren kann. Die Nähe zur radikalen Rechten sucht der Verlag zwar erst seit einigen Jahren, doch die Grenze zum Unsinn hat er schon seit langer Zeit unterschritten.

Schon früh erschienen bei Westend verschwörungstheoretische 9/11-Bücher, nach 2014 sammelte sich dort die aus den Mahnwachen und „alternativen Medien“ hervorgegangene Welt der Russlandapologeten und Antiamerikanisten, mit der Corona-Pandemie stieß auch noch das Querdenkermilieu hinzu. Schließlich kaufte man ein, was andere, seriösere Verlage nicht veröffentlichen wollten, wie etwa Ulf Poschardts Manifest „Shitbürgertum“, für das – derlei Bücher schreiben sich offenbar schnell – schon der Nachfolgeband „Bückbürgertum“ angekündigt ist.

Gestartet ist Westend 2004 mit linker Orientierung – nicht zufällig trägt der Verlag jenen Stadtteil im Namen, der eine Verbindung zur Frankfurter Schule andeutet. Übrig geblieben davon ist bei vielen Titeln lediglich eine Form der kritischen Kritik, die alles und jeden, der in die Nähe der Macht gerückt werden kann, ins Misstrauen zieht, bis schließlich die leere machtkritische Vermutung selbst den Anschein der Evidenz bekommt. Wenn man diesen Punkt erreicht hat, ist alles erlaubt, was die anderen für verboten halten.

Der offene Brief der dreißig von dannen ziehenden Autoren wird diese Selbstwahrnehmung nur bekräftigen. Man wolle „abweichende Positionen“, die sich „innerhalb des demokratischen Rechtsrahmens bewegen“, nicht diskreditieren, sondern als „Beiträge zu einer offenen Debatte“ ernst nehmen, heißt es vonseiten des Verlags in Reaktion auf die Ankündigung. Gut, dass wir dieses Urteil nicht teilen müssen.

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