Wer im Job nie Nein sagt, wirkt zuverlässig und teamfähig. Doch hinter der ständigen Hilfsbereitschaft steckt oft Angst und die kann auf Dauer gefährlich werden. Wie man es schafft, dieser Falle zu entkommen.
Die To-do-Liste ist übervoll, die absolute Erschöpfung steht kurz bevor, doch trotzdem wird die nächste Aufgabe ohne zu zögern angenommen. Hinter so einem Verhaltensmuster könnte sich ein People Pleaser verstecken: Ein Mensch, der es allen recht machen will.
„People Pleaser sind Menschen, für die es eine große Herausforderung darstellt, im Job Nein zu sagen. Sie sind häufig sehr kollegial, hilfsbereit und verbreiten gute Stimmung“, sagt Eva Elisa Schneider, Psychologin und Beraterin für mentale Gesundheit am Arbeitsplatz.
Zwar werden hilfsbereite und engagierte Mitarbeitende im Job grundsätzlich geschätzt. Es gibt aber eine Grenze zwischen Hilfsbereitschaft und People Pleasing. „Das Schlagwort lautet hier gefühlte Wahlfreiheit: Hilfsbereite Menschen treffen eine freie Entscheidung, ob sie jemanden unterstützen möchten. Sie sind gefestigt und gehen davon aus, dass es die Beziehung zur Kollegin oder zum Kollegen aushält, wenn man mal Nein sagt“, erklärt Schneider.
People Pleaser hingegen verspüren einen inneren Druck, ständig Ja zu sagen oder haben sogar Angst, ein Nein zu äußern. Sie denken, sie hätten keine Wahl und fühlen sich schuldig, wenn sie doch eine Bitte ablehnen.
Genau das kann im Arbeitsalltag zum Problem werden. Häufig wollen People Pleaser permanent verfügbar sein, mit Folgen für das eigene Wohlbefinden. „Auf der ständigen Suche nach Anerkennung und Lob arbeiten sie bis zur Erschöpfung und darüber hinaus“, so Schneider.
Das endet oft mit Selbstüberforderung. „Kurzfristig entlastet das schnelle Ja“, sagt die Psychologin und Psychotherapeutin Nora Dietrich. „Wir wirken zuverlässig, hilfsbereit und engagiert. Langfristig laufen die Reserven leer, der Frust wächst, und im Zweifel leidet die Qualität der eigenen Arbeit.“
Die Angst, die eigene Karriere zu gefährden
Ein Problem sind dabei häufig gefühlte Erwartungen: „Oft unterstellen wir anderen Erwartungen, die sie so nie geäußert haben. Gerade als People Pleaser versuchen wir, das Bild zu kontrollieren, das andere von uns haben, statt nachzufragen, was wirklich gebraucht wird“, so Dietrich.
Wer solche Muster bei sich erkennt, kann lernen, anders damit umzugehen. Entscheidend ist, Grenzen früher wahrzunehmen und Aufgaben nicht reflexhaft anzunehmen. Gerade, wenn diese eigentlich nicht im Zuständigkeitsbereich oder sogar über der eigenen Gehaltsklasse liegen.
Das kann herausfordernd sein. „Die Angst ist hier nicht nur, jemanden zu enttäuschen, sondern die eigene Karriere zu gefährden. Der wichtigste Schritt ist deshalb, ‚Nein zur Aufgabe' von ‚Nein zur Karriere zu trennen'“, sagt Dietrich.
Hilfreich ist dabei, nicht nur in den Kategorien Zusage oder Ablehnung zu denken. Zwischen Ja und Nein liegt der Psychologin zufolge meist ein Verhandlungsraum, der oft nicht sofort sichtbar ist. „Zeit, Umfang und Verantwortung lassen sich verhandeln, ohne sofort eine harte Grenze ziehen zu müssen“, sagt sie. „Wenn eine harte Grenze nötig ist und das Gegenüber sie trotzdem nicht respektiert, hilft die ‚gebrochene Schallplatte‘: das Nein ruhig wiederholen, ohne in Rechtfertigungen oder Entschuldigungen zu rutschen.“
Wie das konkret klingen kann, zeigt Dietrich mit mehreren Strategien und Formulierungsbeispielen:
Bedenkzeit verschaffen: „Ich muss schauen, ob ich das schaffe. Ich melde mich morgen dazu.“
Erwartungen und Aufwand klären: „Bis wann brauchst du es? Könntest du den Aufwand definieren, den du für dieses Projekt siehst?“
Folgen für Prioritäten sichtbar machen: „Wo soll ich das auf meiner Prioritätenliste einordnen? Wenn ich das mache, verschiebt sich Projekt X um zwei Tage. Passt das für dich?“
Rolle und Verantwortung ansprechen: „Das liegt aktuell außerhalb meines Verantwortungsbereichs. Wie können wir das einordnen?“ Oder: „Das mache ich gerne, lass uns dafür auch über Rolle und Verantwortung sprechen.“
Freundlich, aber klar abgrenzen: „Ich würde dir sehr gerne helfen, aber mein Fokus liegt heute auf dem Abschlussbericht.“ Oder: „Danke für das Angebot, ich weiß es zu schätzen. Leider ist es derzeit nicht machbar.“
Wichtig ist dabei nicht nur, was gesagt wird, sondern auch wie. „Ein Gespräch unter vier Augen funktioniert fast immer besser als eine Ansage vor Publikum“, sagt Dietrich. Ihr zufolge lohnt es sich außerdem, bei der Beobachtung zu bleiben, anstatt die eigene Interpretation anzubringen. So kommt etwa der Satz „Das ist normalerweise eine Aufgabe auf X-Level“ neutraler an als die Aussage „Du erwartest zu viel von mir.“
Wenn Beschäftigte merken, dass sie dauerhaft Aufgaben übernehmen, die außerhalb ihres Verantwortungsbereichs liegen, regelmäßig über ihre Kapazitätsgrenzen gehen und gleichzeitig Schwierigkeiten oder Angst haben, das anzusprechen, lohnt sich Eva Elisa Schneider zufolge ein Gespräch mit Vorgesetzten.
„Warten Sie in diesen Fällen nicht, bis Sie völlig erschöpft sind“, sagt Schneider. Sie rät stattdessen, im Gespräch konkrete Situationen zu schildern, wie etwa: „In den vergangenen vier Wochen habe ich dreimal Aufgaben übernommen, die ursprünglich nicht meine waren.“ Genau diese präzisen Angaben geben dem Gespräch eine sachliche Grundlage und nehmen dem Betroffenen den Druck, sich rechtfertigen zu müssen.
dpa/vem

vor 8 Stunden
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