Vier Alben in Kurzkritiken: Wie klingt französisches Licht?

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Wenn das Strapaziöse, Verformende und Krankmachende der Digitalisierung zum Thema elektronischer Popmusik wird, muss das nicht immer bedeuten, dass auch diese Musik selbst strapaziös und krankmachend wirkt. Das weiß man etwa durch die Band Radiohead. Aber es lässt sich ebenso gut an dem Electro-Projekt Odd Beholder beobachten, hinter dem die Schweizerin Daniela Weinmann steht. „All Reality is Virtual“ lautete schon der Titel des Debüts – und das nunmehr vierte Album „Honest Work“ (Sinnbus/Cargo) wirkt mit Titeln wie „Internet Famous“ nicht weniger programmatisch. Die Lyrics sind kritische Gegenwartsanalysen; die Musik wirkt dagegen schwelgerisch schön, selbst bei Stücken wie „Focus Disease“, in dem Weinmann von Selbstoptimierungsdruck singt, während sie zu einer „Brown Noise Sleep Playlist“ in die Tiefe fällt. Sie hat noch Meilen zu gehen vor dem Schlaf, auch im regenrauschenden „Nightshift“. (wiel)

„Telemann im französischen Licht“ heißt eine Einspielung der Traversflötistin Marion Treupel-Franck mit Ilhae Eizinger-Kim am Cembalo und Viktor Töpelmann an Barockcello und Viola da Gamba (Querstand/BR Klassik). Georg Philipp Telemann hat sich schon zwanzig Jahre vor seiner ruhmreichen Reise nach Paris 1737 als „großer Liebhaber der Frantzösischen Music“ zu erkennen gegeben. Was für ein spezielles Licht fällt durch die neue Einspielung auf den gebürtigen Magdeburger? Ergänzt um ein paar Phantasien für Cembalo allein und einige Menuette, machen vier Sonaten mit größtenteils französischen Satzbezeichnungen in Ersteinspielungen den Schwerpunkt des Albums aus. Das Trio spielt sie – vom Gewicht und Schwung über die typischen Akzentuierungen bis zum Flattement, einer Vorform des Vibrato auf der Traversflöte – wie Kompositionen französischer Zeitgenossen. Das Ergebnis klingt stimmig, es überrascht und unterhält. (kue.)

Mit gleich sieben Musikern tritt Jil Pappert aus Mannheim (aus der Stadt kamen immerhin schon Joy Fleming und Xavier Naidoo) auf ihrem Debütalbum „Public Secret“ (Eigenlabel/Musichub) an: Neben Gitarre, Bass und Schlagzeug gehören drei Bläser zur Band. Pappert, die nicht nur singt, sondern auch Klavier spielt, changiert mit ihrer Stimme zwischen Jazz, Pop und Soul und hält auf diese Weise das variantenreiche – wenn man das negativ ausdrücken will, könnte man es unfokussiert nennen – Album zusammen. Constantin Herzogs Bass schnarrt in dem lässig entspannten „Back Home“; in anderen Liedern, etwa im mit Taktwechseln gespickten „Realize“, spielen die Bläser eine maßgebliche Rolle. Bis auf „Detour Ahead“, das auch der Jazzpianist Bill Evans gern gespielt hat, stammen alle Songs auf „Public Secret“ aus der Feder der Bandleaderin. Pappert selbst schlägt den Ausdruck „New Urban Jazz“ für ihre Musik vor. Sie könnte aber auch einem Publikum gefallen, das mit Jazz eigentlich nichts anzufangen weiß. (roth)

In den Jahren 1717 / 1718 schrieb Georg Friedrich Händel elf Anthems für die Sonntagsgottesdienste in der St. Lawrence’s Church bei Cannon, dem Sitz von Lord Henry James Brydges, der 1719 zum Duke of Chandos wurde. Zwei dieser „Chandos Anthems“, die Nummern 10 und 6, hat das junge Ensemble Musica Gloria um die Oboistin Nele Vertommen und den Organisten Beniamino Paganini jetzt zusammen mit dem Oboenkonzert B-Dur HWV 302a aufgenommen (Etcetera). Es sind Psalmkantaten mit orchestraler Einleitung, Soloarien und Chören, die den Trost des christlichen Glaubens nicht billg verramschen. Der Chor „Lobsinget dem Herrn, ihr seine Heiligen!“ am Ende des Anthems Nr. 10 ist ein Trauergesang, in dem Todesangst nachklingt. Der Ton des Ensembles ist leicht und eindringlich, die Vokalisten zeigen in der Schilderung eines Erdbebens große Virtuosität. Die Schulung in historisch korrekter Aussprache freilich teilt sich kaum mit. Viel Hall legt sich darüber. (jbm.)

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