Es kann, nicht nur angesichts der Weltlage, vorkommen, dass man sich fragt: Was ist der Mensch? Geht es nach der Mutter aller „Pen & Paper“-Rollenspiele, „Dungeons & Dragons“ (1974), setzt sich sein Wesen aus sechs Attributen zusammen: Stärke, Geschicklichkeit, Konstitution, Weisheit, Intelligenz und Charisma. Was bedeutet das? In zwischenmenschlichen Beziehungen dieses: Die Stärke fragt: Wie weh tut’s dem anderen? Die Geschicklichkeit fragt: Bin ich flinker als er? Die Konstitution fragt: Wie steck’ ich’s weg? Die Weisheit fragt: Geht’s nicht auch ohne Gewalt? Die Intelligenz fragt: Was ist seine Schwäche? Und das Charisma fragt: Kann ich mich nicht irgendwie aus der Nummer rausreden?
Im Videospiel „Esoteric Ebb“ liegen die sechs Wesenheiten im ständigen Widerstreit. Der Spieler, der in dieser Erzählung vorankommen will, muss sich entscheiden, welchem Attribut er wann vertraut. Der Rest ist eine Frage von Wahrscheinlichkeiten, ihr zugrunde liegendes Prinzip zeitlos offline: Ein Würfel mit 20 Seiten (W20) entscheidet über Erfolg oder Misserfolg bei einem vorher festgelegten Schwierigkeitsgrad (SG). Je höher das Attribut ist, desto höher der Bonus, der dem Würfelwurf hinzugerechnet wird.
Man erwacht als „schlechtester Kleriker der Welt“
Entstanden ist das Spiel als Freizeitprojekt des schwedischen Entwicklers Christoffer Bodegård, der sich um 2020 an einem „spirituellen“ Nachfolger des gefeierten Klassikers „Planescape: Torment“ (1999) versuchte. Schon Letzteres nahm sein Genre geschickt aufs Korn. In „Esoteric Ebb“ agiert der Spieler „als schlechtester Kleriker der Welt“ in einer Umgebung, die nicht zuletzt durch die zweidimensionale Draufsicht den Charme eines Wimmelbuchs im Stil eines Knax-Comics versprüht.
Der Kleriker ist eine der Grundklassen des Rollenspiels „Dungeons & Dragons“, ein Kämpfer, ein Heiler, ein Fundamentalist. Zumindest potentiell. Er kann göttliche Kräfte anzapfen, um Magie zu wirken; er sorgt für Recht und Ordnung, kann aber durch dunklere Quellen der Macht auch in Versuchung geführt werden. Das Attribut „Stärke“ würde es vielleicht so formulieren: „Macht fragt nicht danach, woher sie kommt, Baby!“

Besagter Kleriker erwacht nach einem Nahtoderlebnis, verursacht durch den Sturz in einen Fluss, in der Stadt Norvik, in einer Leichenhalle voller Äpfel und einem harmlosen Zombie: „Mein Herr, sind Sie ein Mitglied der Untoten?“ Mitnichten: Knapp dem Tode entronnen, muss der stets behelmte Kleriker ein Verbrechen aufklären. Ein Teeladen ist explodiert. Eine Elfe ist tot. Der Eigentümer ist auf der Flucht. Der einzige Zeuge verschollen. Und das fünf Tage vor einer Wahl, die über das Schicksal dieser vor magischen Artefakten, Ruinen und Figuren strotzenden Stadt entscheiden soll.
Vordergründig ist „Esoteric Ebb“ also ein beinahe niedliches Point-and-Click-Abenteuer. Im Kern allerdings ist es ein komplexer, textlastiger Mechanismus zur Erstellung eines politischen Psychogramms des Spielers – eine Art Wahl-O-Mat im Mantel-und-Degen-Kostüm. Im Zuge der anstehenden Wahl führt das Spiel fünf politische Parteien und Mächte ein, die jeweils an fünf große politische Strömungen anknüpfen und durch je ein Attribut im inneren Parlament der Figur vertreten werden.
Revolutionär, solange es Markt und Kapital dient
Da wäre die Partei von Norvik (assoziiertes Attribut: Stärke), knallharte Nationalisten, Patrioten oder Faschisten (je nachdem, welchem Attribut man glaubt); die liberalen Revolutionäre der Freischreiter (assoziiertes Attribut: Geschicklichkeit), revolutionär, solange es Markt und Kapital dient; die Arbeiterpartei der Azgalisten (assoziiertes Attribut: Weisheit), beliebt bei Zwergen, deren Arbeitskraft die Stadt ihren Reichtum verdankt; die ländliche Partei der Agrarianer (assoziiertes Attribut: Konstitution), irgendwo zwischen Tradition, Esoterik und Natur, und zu schlechter Letzt die Arkanisten (assoziiertes Attribut: Intelligenz), gescheiterte Magokraten, die Demokratie als Schwäche betrachten und den jeweils mächtigsten Zauberer seiner Zeit an der Herrschaft sehen wollen – also die Peter-Thiel-Partei.
Das Spiel orientiert sich neben seinem Vorbild „Planescape: Torment“ natürlich am beängstigend genialen Videospiel „Disco Elysium“, das einen desillusionierten und schwer verkaterten Polizisten mit Ideologien konfrontiert, bis man nicht mehr weiß, ob man Männlein, Weiblein, etwas anderes oder gar nicht mehr vorhanden ist.
Allein, hier fehlt das charybdisch Abgründige, das den Spieler in „Disco Elysium“ immer wieder in einen gedanklichen Malstrom lockte, während im Hintergrund das grollende Lachen der Leere aller Universen zu hören war. „Disco Elysium“ fühlte sich auf fesselnde Art an, als sei man im Kopf eines Selbstgespräche führenden Oberteufels mit Beziehungsproblemen gefangen, der über das Für und Wider des Fortbestands der Menschheit entscheidet.
Auf dem Schild steht: „Kein Mimic“ (a. d. R.: menschenfressender Gestaltwandler). Kann das stimmen?Raw Fury„Esoteric Ebb“ hingegen ist eine Art politische Piñata: Man klopft hier und da – und es fallen einem immer wieder bunt gemischte Ideologie-Schnipsel zeitgemäßer und ewiger Diskurse vor die Füße: Faschismus, Feminismus, Egalitarismus. Es geht um die Sünden des Mannseins, um Tradition, um die Frage nach gerechter Herrschaft, um die Frage, ob der Tod, der in einer Fantasywelt möglicherweise temporär ist, einen von allen Sünden erlöst, um die Todesstrafe – und um Völkermord.
Wer „Esoteric Ebb“ nicht nur spielen, sondern auch in dessen sowie die eigene Gedankenwelt eintauchen will, darf eines nicht sein: gehetzt. Es kann passieren, dass man sich aus Hast oder vor lauter Lust am Knalleffekt und all den schönen Schnurren, die Bodegård und sein Illustrator Oscar Westberg in diesem interaktiven Wimmelmanifest untergebracht haben, durch lange Passagen hämmert, ohne dass sich der Geist an all den kleinen Feuerchen entzünden könnte, die in vielen Zeilen dieses Textbewusstseins aufflackern.
So steht die intellektuell angestrebte Schwere mancher Passagen in keinem Verhältnis zur Leichtigkeit, mit der der Spieler qua Klick den Wortwust beschleunigen kann. Es ist eines der großen Probleme dieses Konzepts des interaktiven Lesespiels. Allzu genaues Lesen wiederum kann enthüllen, dass manche Passage auf etwas tönernen Füßen steht, dass die Freiheit der Wahl, beziehungsweise der Einfluss der Spielerentscheidung auf das Spiel, nicht immer gleich gewichtet wird.
Als Spieler fragt man sich, ob der Entwickler Christoffer Bodegård aus seinen politischen Überzeugungen bewusst keinen Hehl machen will oder aber tapfer versucht, unparteiisch über allem zu stehen. So scheint das Thema Geschlecht immer wieder auf, ohne sich direkt aus den Notwendigkeiten des Spiels, respektive der Motivation des Spielers, zu ergeben. Wenn es an einer Stelle heißt, „Verstehe (das Prinzip) Geschlecht“, und die Erkenntnis lautet, „Männer und Frauen sind sich unendlich ähnlicher, als dass sie sich unterschieden“, während es an anderer Stelle mehr oder minder heißt, sie unterschieden sich nur in den Extremen: Männer seien eben Faschisten, Frauen Kommunisten, dann stehen vermutlich Spieler jedweden Geschlechts bestenfalls ratlos da.
Trotzdem, besser gesagt: gerade dadurch, wird „Esoteric Ebb“ zu einem fruchtbaren Selbstgespräch für alle, die dieser Tage die Kraft aufbringen, sich die Zeit zu nehmen und sich nicht durch die etwas aufdringliche Schlichtheit der Optik irritieren lassen.
Mindestens einen tröstlichen Gedanken birgt das Spiel bei all dem Weltgeschehen, das zu verarbeiten und mit den eigenen Zukunftsängsten in Einklang zu bringen immer mehr Menschen überfordern dürfte. Und zwar diesen: dass einer von vielen Göttern als reuiger Schuster mit dem Antlitz von Sean Connery im kosmischen Zwischenraum über seine Schützlinge wacht und ihnen das Schuhwerk richtet, solange sie die Füße noch auf dem Boden haben. Nur gehen, das müssen sie selbst.
Esoteric Ebb ist für den Windows-PC zu haben und kostet etwa 25 Euro.

vor 2 Tage
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