Der Schriftsteller schreibt nicht mehr, seine Ehe ist zerbrochen, die geliebte Tochter tödlich verunglückt, und er trägt womöglich Mitschuld daran. Man muss sich Sorgen machen um diesen Mann mittleren Alters, der sich Meander nennt. Nun ist auch seine Mutter gestorben und er in das Elternhaus an einem dunklen Waldrand zurückgekehrt, um es für den Verkauf leerzuräumen. Drohend stehen zwei Container im Garten, um die Überbleibsel einer Lebensform zu schlucken.
Sein Essen lässt Meander vom Lieferdienst vor der Haustür abstellen. Dann holt er es mit einer Elefantenmensch-Maske rasch ins Haus – ein gruseliges Inkognito, das aber der Devise folgt, dass gerade die Maske die Wahrheit ausdrückt. Angesichts seiner scheuen Zurückgezogenheit bleiben die Menschen, mit denen es Meander im Roman zu tun bekommt, überschaubar. Da sind die Nachbarn, die ein kleines Kind, einen großen Rottweiler und einen lärmenden Laubbläser haben und gern nackt im Hot Tub in ihrem Garten sitzen.
Sein wichtigstes Gegenüber aber ist ein Autor, der sich mit dem nieseligen November in der Seele wie kaum ein anderer auskannte: Herman Melville. Beim Räumen stößt Meander auf das Manuskript eines Melville-Romans, das er nach dem Tod seiner Tochter aufgab. Was er damals alles über Melvilles Seelenleben zu wissen glaubte! „Ich spiegelte mich in ihm und ihn in mir. Je mehr ich aber geschrieben habe, desto mehr hat er sich entzogen.“
Schriftsteller-Biographien liegen im Trend
Und dennoch, eine Faszination bleibt. Sie überträgt sich bei der Lektüre des neuen, achten Romans von Thomas Lang auch auf die Leser. Denn im Wechsel mit der Meander-Handlung sind die Kapitel des Melville-Projekts eingeschaltet und sorgen für historische Welthaltigkeit. Die beiden Ebenen spiegeln sich – etwa hinsichtlich der bitteren Gefühle des Scheiterns und der Unfähigkeit, die eigene Familie zu schützen. Auch viele einzelne Motive stellen Verbindungen her. Wenn Meander von den Nachbarn halb erfroren aus einem Laubhaufen im Garten geborgen wird, erscheint das wie ein Echo auf den Tod von Melvilles Vater, der nach seiner Pleite als Geschäftsmann in geistige Verwirrung fiel und starb, weil er zu leicht bekleidet über den vereisten Hudson lief.
Thomas Lang: „Melville verschwindet“.BerlinVerlagVor allem aber ist es die geradezu mythische Abwärtskurve von Melvilles Schriftstellerkarriere, die Meander wie ein Muster für das eigene Verstummen erscheint. Nach den ersten erfolgreichen Romanen, in denen Melville seine Erlebnisse in der Südsee verarbeitete, schwamm sein Hauptwerk „Moby-Dick“ weit vorbei an Publikum und Kritik; der nächste Großroman „Pierre“ wurde fast schon verhöhnt. „Herman Melville verrückt“ lautete die Überschrift einer Rezension. Deprimiert, zunehmend kränkelnd und von diversen Unglücken verfolgt, ertrug der Schriftsteller die Zurückweisung und das Vergessenwerden keineswegs stoisch. Er verdiente sein Geld als Zollinspektor im Hafen von New York, verbitterte in der Ehe und hatte keine Ahnung davon, was für ein kolossales Nachleben ihm noch beschert sein würde.
Schon einmal hat Thomas Lang, Jahrgang 1967, einen Roman über einen Schriftsteller geschrieben. „Immer nach Hause“ (2016) erkundete die Zerrissenheit des jungen Hermann Hesse. Zwar liegen fiktionale Bearbeitungen von Schriftsteller-Biographien im Trend; mit den routiniert gearbeiteten Büchern von Klaus Modick (über Rilke und Keyserling) oder Hans Pleschinski (über Thomas Mann und Gerhart Hauptmann) hat Langs Erzählverfahren jedoch ebenso wenig gemein wie mit der Einfühlungsemphase, die Florian Illies und Volker Weidermann auf diverse Schriftstellerexistenzen applizieren. Lang schert sich wenig um Gefälligkeit und holt die Leser nicht didaktisch ab. Wer Melvilles Biographie nicht halbwegs kennt, wird sich in seinem Roman nicht leicht zurechtfinden. Dafür haben die Szenen aus Melvilles Leben große Eindringlichkeit. Da ist etwa die Flucht des zwölfjährigen Herman aus New York an der Seite des ruinierten Vaters, der sich ständig „umschaute wie ein Verbrecher“. Da ist die Gemeinschaft des jungen Herman mit seinem älteren Bruder Gansevoort kurz vor der Einschiffung auf dem Walfänger. Da ist, später, Melville als „Gentleman-Farmer“ in den Berkshires, der vergebens hofft, die Landwirtschaft mit dem Schreiben zu vereinbaren und schließlich schwer mit der Kutsche verunglückt.
Ein queeres Kultbuch
Melville bevorzugte Masken und Rollen, um nicht zu viel von sich preiszugeben. Das betrifft auch seine sexuelle Identität, über die bis heute viel spekuliert wird. Werke wie der von Thomas Mann gefeierte „Billy Budd“ zählen zu den schwulen Kultbüchern, und jeder „Moby-Dick“-Leser lächelt über die innige Bettgemeinschaft von Ismael und Queequeg. Unweigerlich wird die Geschlechtsidentität auch in Langs Roman zu einem zentralen Thema, etwa bei der Darstellung des empfindsamen Bunds mit Nathaniel Hawthorne, dem wiederum Meanders Freundschaft mit seinem Autorenkollegen Karim korrespondiert. Auch hier kommt es zu einer geschlechtlichen Verunsicherung. Nach Jahren, in denen man sich nicht gesehen hat, ist aus Karim die Transperson Karin geworden.
Vieles bleibt schillernd. Ist der Hilfsarbeiter und Melville-Bewunderer August Heimbürger, der in einigen Kapiteln zur Erzählerfigur wird, ein „treuer Bursche“ oder die wandelnde Heimtücke? Hat er womöglich perfiden Anteil an einer der größten Erschütterungen in Melvilles Leben – dem Selbstmord seines Sohns Malcolm, der sich mit achtzehn Jahren im Bett erschoss? Welche Familiendramen müssen sich abgespielt haben, bis es so weit kam? Einige Seiten, aus der Perspektive Malcolms geschrieben, vibrieren vor Hass auf den Versager-Vater: „ein Freak (. . .), der größte Scharlatan, den die Welt gesehen hatte . . . neun Romane und kein Wort darin, das jemals Sinn ergeben hätte.“ Dass Melville in späteren Jahren als Vater und Ehemann eine problematische Figur abgab, ist ebenso wahrscheinlich wie wenig dokumentiert. Thomas Lang belässt es bei Andeutungen, er will bei aller Freiheit der Fiktion nicht selbst „übergriffig“ werden.
Am Ende werden die Grenzen zwischen erzählerischem Realismus und psychologischer Phantastik durchlässiger. Da gibt es eine skurrile Episode über den zum Säugling geschrumpften Melville, der von seiner Frau Elizabeth wie der kleine Moses in einem Körbchen am Fluss ausgesetzt wird und sich bald im Inneren eines Wals wiederfindet – so kommt der Roman zu seinem Jona-Erlebnis. Meander verlässt am Ende das entleerte Elternhaus, irrt durch winterliche Einöden, und die Zeit beginnt sich zurückzubiegen.
„Melville verschwindet“ könnte jenen Vorwurf auf sich ziehen, den Elizabeth im Roman gegen die Werke ihres Mannes richtet: dass er mit ihnen „keine Rücksicht auf den Markt nahm“. Dem Konto des Autors mag das schaden; die Literatur profitiert oft von solchem Eigensinn. Thomas Lang hat ein Buch geschrieben, in das man sich hineinfinden muss, das im Lauf der Lektüre aber immer fesselnder wird. Bei aller Düsterkeit hat es Momente einer leisen Komik und überzeugt durch präzise Prosa.
Thomas Lang: „Melville verschwindet“. Roman. Berlin Verlag, Berlin 2026. 450 S., geb., 25,– €.

vor 7 Stunden
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