Farbenblinde lästern Gott. Denn es stinkt Gott, wenn jemand irgendwo an einem Feld vorbeigeht und nicht sieht, wie herrlich dort die Farbe Lila leuchtet. So lernt es Celie von Shug, einer lebensklugen Blues-Sängerin, die anfangs als Affäre ihres Ehemanns in Celies desolates Leben tritt, dann zu ihrer mütterlichen Freundin und Mentorin und bald auch zur Geliebten wird. Shug zeigt Celie, wo sie reiben muss, um körperliche Lust zu spüren, und stellt klar, dass niemand ohne Selbstbefriedigung zum Selbst findet. Das ist der Anfang einer wunderbaren Bildungsgeschichte.
Sie beginnt im schlimmstmöglichen Elend. Gleich auf der ersten Seite erzählt Celie, wie der Mann, den sie für ihren Vater hält, sie vergewaltigt. Kaum weiß die Vierzehnjährige, was ihr da geschieht, auch nicht, als sie schwanger wird. Die beiden Babys raubt ihr der Gewalttäter, ebenso wie jede Möglichkeit, davon zu sprechen, bevor er sie mit einem namenlosen Mann verheiratet. Aus Verzweiflung, da sie keinem sonst ihr Leid erzählen kann, beginnt Celie, Briefe an den lieben Gott zu schreiben, um das Unsagbare loszuwerden. Schreiben wird für sie zur Überlebensmaßnahme und uns zur Möglichkeit, an ihrem Leben über mehr als zwei Jahrzehnte teilzuhaben und so dem Weg zur selbstbestimmten, starken Frau und Unternehmerin zu folgen.
Alice Walker: „The Color Purple“ (1982)New York Public LibraryDer Weg ist lang, entbehrungsreich und voller Rückschläge und führt sie dennoch wiederholt an Orte, wo ihr Hoffnungszeichen wie eben die Farbe Lila winken. Unterwegs schenken Gefährtinnen ihr immer wieder Schutz und schwesterlichen Beistand und helfen über alle Schicksalsprüfungen hinweg.
Zum märchenhaften Ende, als Celie ihr wahrhaftes Familienerbe antritt, trifft sie sogar die tot geglaubte Schwester wieder, die lange Zeit in Afrika als Missionarin gelebt und in ausführlichen Briefen gezeigt hat, wie die Jim-Crow-Gesetze zur Ausgrenzung von Schwarzen in den Südstaaten eine Fortsetzung von Sklaverei und kolonialer Ausbeutung sind.
Mit ihrem historischen Roman, der im frühen 20. Jahrhundert in Georgia spielt, traf die Aktivistin und Autorin Alice Walker 1983 den politischen Nerv der Zeit. Ebenso bitter umkämpft wie sagenhaft erfolgreich, brachte er ihr als erster afroamerikanischer Frau den Pulitzerpreis für Belletristik ein. Für viele ihrer Leserinnen aber brachte er ein neues Selbstbewusstsein, denn nach dem Vorbild der großen Zora Neale Hurston, Pionierin der Harlem Renaissance, erzählt er gleichermaßen dringlich wie eindringlich davon, wie eine Schweigende zur Sprache und zu ihrer Sprache findet.
Heute zählt er zu den Büchern, die in etlichen US-Bundesstaaten aus öffentlichen Bibliotheken wegen Unzucht entfernt werden. Dabei ist dieser Briefroman fast schon nostalgisch in der Rückbesinnung auf die Tugendtradition seines Landes: durch die Herzensschrift klassischer Briefkultur und in persönlicher Aussprache mit Gott das puritanische Erbe Amerikas zu erneuern.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.

vor 2 Stunden
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