Als der Bundestag Ende 2025 einem Milliardenzuschuss zu den Stromnetzentgelten zustimmte, machte die schwarz-rote Koalition den Verbrauchern Hoffnung: Für einen Haushalt mit einem typischen Stromverbrauch könne die jährliche Entlastung »etwa 100 Euro betragen«, teilte die Bundesregierung mit und sprach vom nächsten Schritt für niedrigere Energiekosten in Deutschland.
Doch nun kritisiert der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV), der Bund habe den Mund zu voll genommen: Die angekündigte Entlastung werde »in fast allen untersuchten Regionen deutlich verfehlt«, monieren die Verbraucherschützer. Im Schnitt würden Haushalte nur um 56 Euro pro Jahr entlastet beziehungsweise um 1,61 Cent je Kilowattstunde (kWh).
»Die Bundesregierung kommt ihren eigenen Zusagen nicht nach«, sagt VZBV-Vorständin Ramona Pop. »Die Senkung der Stromkosten war ein zentrales Versprechen im Koalitionsvertrag und wurde bislang nicht eingelöst.« Für die meisten Haushalte bleibe die Entlastung ein leeres Versprechen, so Pop, »und infolge des Irankrieges drohen die Strompreise erneut zu steigen.«
Industrie profitiert mehr als Haushalte
Ein Marktcheck der Verbraucherzentrale bei 25 regionalen Netzbetreibern, der dem SPIEGEL vorab vorliegt, beziffert die Entlastung durch den Zuschuss zu den Netzentgelten zum Beispiel in Rostock auf nur 18 Euro jährlich. Einzig in Mainz betrage sie 109 Euro pro Jahr und erfülle damit das Versprechen der Regierung.
Die großen Unterschiede liegen daran, wie der Bund die Subvention umgesetzt hat: nämlich als Zuschuss zu den Übertragungsnetzentgelten, also den großen, überregionalen Höchstspannungsleitungen. Haushalte allerdings zahlen Netzentgelte für alle Spannungsebenen, also auch für die Hoch- und Niederspannungsleitungen in ihrer Gegend.
Wenn eine Region viel Strom selbst erzeugt, mit Windrädern, Solarenergie und anderen Kraftwerken, dann braucht sie weniger Strom aus dem überregionalen Netz zu entnehmen. Daher profitieren solche Gegenden weniger von der Subvention der Übertragungsnetzentgelte. Braucht eine Region hingegen viel Strom aus den Höchstspannungsleitungen, schlägt der Zuschuss schon eher durch.
Dies führt auch dazu, dass große Industriebetriebe, die direkt an das Übertragungsnetz angeschlossen sind, am stärksten von der Subvention profitieren.
Senkung der Stromsteuer bringt mehr
Alternativ zum Zuschuss zu den Netzentgelten wirbt der VZBV für einen anderen Weg, auf den sich Union und SPD im Koalitionsvertrag geeinigt hatten: den Stromsteuersatz auf das EU-Minimum herabzusetzen. Bislang hat die Regierung dieses Versprechen nur für die Industrie und Landwirtschaft eingelöst. Dabei wäre es die »sinnvollere Entlastungsmaßnahme«, so die Verbraucherzentrale.
»Die Bundesregierung muss die Stromsteuer für private Haushalte und die Umlagen auf den Strompreis senken«, fordert Vorständin Pop. Das entlaste Verbraucher spürbar – und ohne regionale Unterschiede. Der VZBV beziffert den Effekt auf rund 68 Euro bei einem typischen Verbrauch von 3500 kWh pro Jahr. »Verbraucherinnen und Verbraucher brauchen diese Entlastung mehr denn je«, so Pop. Obendrein machen hohe Strompreise auch den Umstieg auf Elektroautos oder Wärmepumpen weniger attraktiv.
Nach Angaben der Bundesnetzagentur zahlten Haushalte in Deutschland voriges Jahr im Schnitt 40 Cent je Kilowattstunde Strom. Netzentgelte machten davon 11,5 Cent aus, Steuern 8,4 Cent, weitere Umlagen 4,3 Cent. Der größte Preisbestandteil ist die Beschaffung und der Vertrieb des Stroms.
Viele Verbraucher können Geld sparen, wenn sie aus teuren Altverträgen oder aus der Grundversorgung heraus in einen neuen Tarif oder zu einem anderen Anbieter wechseln. Entsprechende Angebote begannen zuletzt bei 28 Cent pro kWh, berichtet das Vergleichsportal Verivox.
Warum der Irankrieg die Strompreise für Neukunden nach oben gezogen hat, lesen Sie hier .

vor 10 Stunden
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