Ohne Speicher lungert auch der teuerste Prozessor arbeitslos im Serverrack. Eine simple Erkenntnis, die den Entscheidern entgangen sein muss. Leicht zu verstehen, ist technische Ahnungslosigkeit doch so etwas wie die Eintrittskarte in ihre Kreise. Bei der Vorstellung der deutschen Rechenzentrumsstrategie am 18. März durch zwei Bundesminister war von der Energie bis zur Gewerbesteuer alles ein Thema, nur die Hardware nicht. DRAM, SRAM, Flashspeicher und Festplatten sind teuer wie nie und schwer zu bekommen. Alternativen aus heimischer Produktion sucht man inzwischen vergeblich.
Bernd Schöne ist freier Journalist der Informationstechnik.
Das Credo der Politik: Die Industrie soll sich selbst helfen. Fragt sich nur, wie. Heimischen Unternehmen mit Hunderten Millionen Umsatz stehen US-Giganten mit Milliardenvermögen gegenüber. Sie reagieren durch Leerkauf des Angebots durch nahezu unerschöpfliche Geldpfründe. Mit genug Cash treiben sie das größte Bauprogramm der IT-Geschichte, ja vermutlich der Industriegeschichte, voran. Allein Meta will 70 Milliarden Dollar in sein Hyperion-Rechenzentrum stecken, das so groß werden soll wie der Kern von Manhattan. Die anderen Hyperscaler planen in ähnlichen Dimensionen den Turmbau zum KI-Babylon. Da wird Hardware zum Spekulationsobjekt.
Europa wird zum reinen Absatzmarkt
Die Speicherhersteller gedenken, die Nachfrageorgie maximal auszukosten. Die Produktion bleibt gedrosselt und eiskalt wechselt man in den Fabs zu den teuersten Speicherchips. Die sind maßgeschneidert für KI. Soll der Rest der Industrie doch sehen, wie er überlebt.
Zentraleuropa hat sich binnen einer Generation vom industriellen Komplettanbieter über das Ingenieurbüro der Welt zum reinen Absatzmarkt für fernöstliche Elektronikprodukte gewandelt. Nixdorf und AEG-Telefunken sind längst Industriegeschichte. Wer Zweifel ob der Sinnhaftigkeit der Selbstverzwergung anmeldete, galt als Abtrünniger der Globalisierung. Der Kunde sei König und die Preise kennen nur den Weg nach unten. Bis nur noch quersubventionierte Staatsunternehmen als Anbieter übrig sind. Als eine der letzten Fabrikationsstätten schloss Fujitsu-Siemens 2008 sein blitzsauberes und technisch hochstehendes Werk für PCs und Server in Augsburg. Ein Marktsegment zu verlassen, geht ganz schnell. Später wieder einzusteigen, ist trotz Subventionsmilliarden vom Staat nahezu unmöglich. Das zeigt der Investorenhickhack in Magdeburg und Dresden.
Kleinliche Kirchturmpolitik statt gemeinsame Anstrengung
Die neu entstandenen Abhängigkeiten erstrecken sich längst von wichtigen Rohstoffen wie hochreinem Silizium und seltenen Erden bis hin zur simplen Fähigkeit, moderne Fabrikationsstätten zu unterhalten. „Wie viele gut ausgebildete Fab-Ingenieure sind am Standort verfügbar?“, fragen höflich lächelnde Asiaten und US-Aktienprofis, wenn es um mögliche Investitionen in Deutschland geht – wohl wissend, dass wir hier blank sind. Längst geht es nicht mehr ohne Zusammenarbeit mit TSMC, Samsung und GlobalFoundries. Denn die wissen, wie man eine solche Fab betreibt. Und wir nicht. Doch ohne Fürsorge und Kapital vom Staat wäre auch TSMC in Taiwan nie zu dem geworden, was es heute darstellt. Verdient wurde das Startkapital durch Billigprodukte, hergestellt unter teilweise abenteuerlichen Umständen.
In China sitzen Ingenieure auf den Regierungsbänken, in Deutschland Juristen. Asiatische Konzerne sehen sich als Patrioten. Bei uns regiert Shareholder-Value. Japaner, Chinesen und Koreaner mögen sich nicht, halten gegen den Westen aber zusammen. In der EU grassiert dagegen der blanke Futterneid. Zwar arbeiten die Fabrikationsstätten von Intel, TSMC und Samsung mit Wafer-Steppern von ASML aus den Niederlanden mit Optiken von Zeiss aus Deutschland. Doch kleinliche Kirchturmpolitik verhindert bis heute, die vorhandenen Fähigkeiten zu einer konkurrenzfähigen Fabrikationsstätte für Prozessoren und Speicher in Europa zusammenzuführen. Dazu müsste man sich etwa auf einen Standort einigen. Stattdessen bastelt jedes Land, ja jedes Bundesland, an eigenen Zukunftsplänen, weit davon entfernt, die finanziellen oder intellektuellen Möglichkeiten zur erfolgreichen Umsetzung zu besitzen.
Chinas neuer Fünfjahresplan zu IT und KI
Anders in China. Dort formulierten die mehr als 5000 Delegierten des Nationalen Volkskongresses gerade den neuen Fünfjahresplan. Ganz oben steht die nationale Souveränität bei den Themen IT und KI. Xi Jinping setzt auf die Entwicklung „neuer Produktivkräfte“ durch KI, um der Konkurrenz Saures zu geben. Die Speicherkonzerne wollen aktuell nur das Geld der früheren Kolonialherren. China will mehr, sehr viel mehr.
Die Krise ist hausgemacht und nicht Teil einer sinistren Verschwörung. Doch für den bereits arg gebeutelten Mittelstand könnte eine lang anhaltende Speichermarktkrise eine Belastung zu viel sein, wenn der Hardwarenachschub ausbleibt oder unbezahlbar wird. Vielleicht platzt aber zwischenzeitlich der KI-Boom und große Mengen nicht mehr benötigter Hardware drücken die Preise auf ein erträgliches Niveau. Hoffen wir also auf ein Wunder.
(axk)











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