Lena Jensen, Betroffene:
»Ich wurde selbst in der Kindheit viele Jahre sexuell missbraucht, von Menschen, die mir sehr nahestanden.«
Lena Jensen will sich nicht verstecken – Ende März demonstriert sie in Hamburg mit Tausenden anderen gegen sexualisierte Gewalt. Im Alter von zwei bis sechs Jahren habe sie selbst sexualisierte Gewalt erlebt. Deshalb kämpft die 33-Jährige heute für Gerechtigkeit – Gerechtigkeit, die sie selbst nie erfahren habe. Darüber spricht sie auch auf Instagram.
Jensens Erinnerungen an die Übergriffe sind teilweise bruchstückhaft. Offenbar sei sie – wie weitere Kinder – damals sediert worden. Dass etwas mit ihr nicht stimme, habe vor allem ihre Mutter bemerkt.
Lena Jensen, Betroffene:
»Weil ich so sehr verhaltensauffällig war. Ich habe halt wieder ins Bett gemacht. Ich war ihr gegenüber unglaublich aggressiv. Das lag aber auch daran, dass die Täter mir immer gesagt haben, dass meine Mama halt die Böse ist und ich sie nicht lieb haben darf. Und meine Mama dachte dann, dass sie das Problem wäre, weil ich das ja nur bei ihr hätte. Und hat dann noch versucht, an sich zu arbeiten und sich Hilfe zu holen und so und für mich auch. Während des gesamten sexuellen Missbrauchs war ich in ärztlicher und psychologischer Betreuung, und keiner von denen hat irgendetwas gemerkt. Die Kindergärtnerin kam dann nachher auf meine Mama zu und meinte wirklich konkret, es kann sein, dass ihr Kind sexualisierte Gewalt erlebt und meine Mama dachte auch so: Aber von wem denn?«
Sexueller Missbrauch gegen Kinder und Jugendliche findet größtenteils im nahen sozialen Umfeld statt. Auch Jensens Eltern kannten die mutmaßlichen Täter sehr gut – und hegten wohl gerade deshalb keinen Verdacht. Der mutmaßliche Missbrauch kam nur durch einen Zufall heraus.
Lena Jensen, Betroffene:
»Irgendwann hat sie mich dann einmal früher als geplant abgeholt und dann war aber das ganze Haus quasi so abgedunkelt und die Täter kamen mit mir in Unterwäsche und die Täter waren auch in Unterwäsche die Treppe runter. Ich weiß nämlich selber noch, wie ich in diesem Haus war. Auf einmal ging das Licht an und ja, dass meine Mama da ist, wurde dann gesagt. Es hatte ja auch geklingelt und ich wurde da so richtig rausgerissen aus diesem Übergriff. Und dann bin ich mit nach Hause gefahren und dann hat meine Mama mich nie wieder dahin gebracht.«
Die mutmaßlichen Taten kamen zur Anzeige, Jensen und andere betroffene Kinder wurden befragt und medizinisch untersucht. Sexueller Missbrauch konnte demnach nicht ausgeschlossen werden. Doch zu einem Prozess kam es nicht. Das Verfahren gegen die mutmaßlichen Täter wurde eingestellt.
Lena Jensen, Betroffene:
»Es macht mich halt so sauer. Dass die nie einfach eine Konsequenz erfahren müssen. Wahrscheinlich ihr Leben lang nicht und so sterben können. Von Anfang an haben sie sich so sicher gefühlt und haben nie daran gezweifelt irgendwie, dass ihnen was passieren könnte. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie auch nur ansatzweise Angst haben. Wir müssen schaffen, dass Täter auch verurteilt werden. Aktuell wird nur 10 bis 15 Prozent angezeigt und davon nur 10 Prozent verurteilt. Also, das ist einer von 100 Tätern. Also, dann würde ich mich auch sicher fühlen. «
Schon Wochen bevor in ganz Deutschland wütende Menschen wegen des Falls Fernandes/Ulmen [BB2] gegen sexualisierte Gewalt auf die Straße gehen, demonstrierte Lena Jensen Mitte Februar mit einigen Hundert Menschen vor dem Kanzleramt. Die Veröffentlichung der Epstein-Akten hatte sie dazu gebracht, sich mit anderen Betroffenen zusammenzutun. Die zentrale Forderung: eine Reform des Strafrechts im Bereich sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen.
Lena Jensen, Betroffene:
»Bis zu dem Zeitpunkt, als ich das öffentlich gemacht hab, dachte ich immer, ich bin ein Einzelfall. So was Schreckliches passiert nur mir. Ich bin damit allein. Und als ich damit an die Öffentlichkeit gegangen bin, habe ich so gemerkt: Nee, ich bin nicht allein. Es betrifft so viele Menschen.«
Das belegt die Statistik: Allein im Jahr 2024 wurden in Deutschland 16.354 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern angezeigt, die Dunkelziffer dürfte bedeutend höher sein.
Der Protest vor dem Kanzleramt zeigt offenbar Wirkung: In einer aktuellen Stunde am 27. Februar sprechen Abgeordnete von den Grünen, der SPD und der Linken über sexualisierte Gewalt. Dabei wird auch der Protest vor dem Kanzleramt erwähnt.
Mitte März wird Lena Jensen von Politikerinnen zu Gesprächen nach Berlin eingeladen. Wir begleiten sie zu einem Termin mit der SPD.
Lena Jensen, Betroffene:
»Das fühlt sich an wie eine Chance. Also ich bin schon ein bisschen hoffnungsvoll, dass ich als Betroffene jetzt die Chance habe, mit Politikerinnen zu sprechen und auch meine Geschichte und meine Sicht der Dinge zu erzählen.«
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Jasmina Hostert hat Jensen und andere Betroffene eingeladen, in der Arbeitsgruppe »Familie« über ihre Forderungen zu sprechen.
Lena Jensen, Betroffene:
»Täter manipulieren einen über Jahre ein, dass man nicht darüber sprechen soll. Meine eigene Mutter brauchte eine Spieltherapie über Wochen, bis ich ihr gegenüber überhaupt nur ein bisschen was gesagt habe. Und wenn man dann zu Fremden gehen muss und auf einmal so was erzählen muss, ist es einfach ultraschwer, sich in so kurzer Zeit zu öffnen.«
Kindern würde in Verhören oft weniger geglaubt als Erwachsenen. Sie würden nicht richtig mitgedacht, sagt Jensen. Betroffene bräuchten deshalb einen sicheren Rahmen, um das Erlebte aufarbeiten und aussagen zu können, fordert sie. Dafür müssten Polizei, Kinder- und Jugendhilfe und andere Beteiligte viel enger zusammenarbeiten.
Auch der Datenschutz spiele mutmaßlichen Tätern manchmal in die Karten, sagt Jasmina Hostert.
Jasmina Hostert, SPD-Bundestagsabgeordnete:
»Das hatten wir im Sportbereich ganz oft, dass Trainer dann von einem Land ins andere Land gezogen sind. Und da trotzdem dann weiter mit Kindern zusammenarbeiten. Und ich weiß, der Datenschutz ist immer ein Riesenthema, aber das kann nicht sein, dass hier Informationen nicht weitergegeben werden dürfen. Wenn zum Beispiel jemand von Berlin nach Baden-Württemberg zieht und dort weiter sozusagen als Trainer arbeitet und dort auch sich an Kindern vergreift.«
Es muss etwas passieren, da sind sich hier alle einig. Vor allem auf eine Sache müsse dabei ein Fokus gelegt werden, sagt Hostert.
Jasmina Hostert, SPD-Bundestagsabgeordnete:
»Also, ich glaube, ganz wichtig ist, dass wir jetzt den Fonds gegen sexuellen Missbrauch, dass wir den wieder aufs Gleis setzen. Es kann nicht sein, dass wir in dem Falle ja junge Frauen allein mit ihren Traumata lassen und irgendwelche Hilfsmaßnahmen stoppen und die nicht weiterführen.«
Die SPD sitzt zwar in der Bundesregierung, trotzdem ist unwahrscheinlich, dass Hosterts Forderung zeitnah umgesetzt wird – ein Rückblick:
Der »Fonds Sexueller Missbrauch« wird 2013 von der Bundesregierung eingerichtet, um Betroffene relativ niedrigschwellig mit Sachleistungen wie Therapien zu unterstützen. Mit bis zu 10.000 Euro je Antragsteller sollten dadurch Folgewirkungen des Missbrauchs abgemildert werden.
Im April 2024 rügt der Bundesrechnungshof die Verwaltung des Fonds als nicht rechtskonform. Ein Grund: Tausende Bescheide seien ohne Abrechnungsfrist erteilt worden. Es fehle auch eine Kontrolle der Ausgaben.
Das Ministerium sollte eigentlich ein neues Konzept entwickeln. Stattdessen gilt seit dem 19. März 2025 ein Antragsstopp für Neuanträge. Die Möglichkeiten einer – Zitat – »rechtssicheren Ausgestaltung einer Fortsetzung des Fonds« werde derzeit noch geprüft, heißt es auf Anfrage.
Das CDU-geführte Familienministerium unter Karin Prien verweist auf Anfrage des SPIEGEL außerdem darauf, dass viele Leistungen auch über die gesetzlichen Versorgungssysteme erlangt werden könnten.
Diese gesetzlichen Möglichkeiten deckten aber weniger Hilfeleistungen ab als der Fonds – und seien nicht niedrigschwellig genug, kritisieren Betroffene wie Jensen. Die bestehenden Systeme können also keinen tatsächlichen Ersatz für den eingestellten Fonds liefern.
Auch die Linken-Bundestagsabgeordnete Kathrin Gebel hat sich in Berlin mit Lena Jensen verabredet. Gebel hatte in der Aktuellen Stunde im Bundestag von ihren eigenen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt berichtet – und fordert einen anderen Umgang mit betroffenen Kindern.
Kathrin Gebel, Bundestagsabgeordnete der Linken:
»Ein Kind, das von sexualisierter Gewalt betroffen ist, das vertraut sich im Durchschnitt sieben Erwachsenen an, bis ein erwachsener Mensch diesem Kind einmal glaubt. Das sind doch viel zu viele. Das hat auch was mit Prävention zu tun, dass wir unsere Kinder stärken, dass wir ihnen beibringen: Wir glauben dir. Das, was du erlebst, ist wichtig, und wir nehmen dich auch ernst.«
Prävention, Aufklärung, Hilfe für Betroffene müssen besser werden, da sind sich alle einig.
Jasmina Hostert, SPD-Bundestagsabgeordnete:
»Überparteilich besteht der Bedarf, das wir konkret jetzt Dinge umsetzen können. Wir haben heute zum Beispiel im Austausch ja auch darüber gesprochen, dass Schutzkonzepte von Bund bis runter in die Kommune greifen müssen und nicht nur als Blätter irgendwo ausgestellt werden sollen, sondern dass man über diese Schutzkonzepte sich unterhalten muss in Schulen und vor allem auch im außerschulischen Raum.«
Aber was heißt das konkret? Und: Wird die schwarz-rote Bundesregierung das zeitnah angehen? Die Linkenabgeordnete Gebel ist skeptisch.
Kathrin Gebel, Bundestagsabgeordnete der Linken:
»Am Ende kommt meistens das Totschlagargument – vor allem in anderen Debatten, aber ich kann mir das schon ganz gut vorstellen, dass das auch hier so sein wird – wie das finanziert werden soll?«
Als Reaktion auf den Fall Ulmen/Fernandes gehen Ende März Zehntausende auf die Straße. Auch Jensen beteiligt sich in Hamburg an den Protesten unter dem Motto "Es reicht: Die Scham muss die Seite wechseln, die Verantwortung auch". Auf dem Weg zur Demo wird sie auf der Straße erkannt. Menschen solidarisieren sich, bedanken sich für ihren Mut.
Lena Jensen hofft, dass durch die Aufmerksamkeit für das Thema nun auch beim Kampf gegen sexuellen Missbrauch von Kindern etwas ins Rollen kommt.
Lena Jensen, Betroffene:
»Das braucht jetzt Geduld, das braucht einen langen Atem. Wir müssen nervig bleiben. Wir müssen laut bleiben. Aber ich hoffe, dann verändert sich auch was. Also, ich habe schon echt Hoffnung. Aber ja, mir ist auch bewusst, dass das schwer wird.«

vor 2 Stunden
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