„Der echte Saša ist fertig“, ruft der Aufnahmeleiter, und diese Unterscheidung ist wichtig. Denn es gibt an diesem Heidelberger Drehtag heute insgesamt drei Sašas: den einen, gespielt vom jungen Maro Lovrić, auf der Alten Brücke. Dann den anderen, Slavko Popadić, der auf einem Hinterhof nicht weit vom Bahnhof in die Rolle des erwachsenen Saša geschlüpft ist. Und den echten Saša, der die Geschichte geschrieben hat, die hier gerade verfilmt wird, der Schriftsteller Saša Stanišić, dessen autofiktionaler Roman „Herkunft“ 2019 den Deutschen Buchpreis gewonnen hat und jetzt zum Kinofilm wird.
Stanišić spielt selbst dabei mit. In einer winzigen Rolle. Schaut dafür aus einem Fenster im dritten Stock, in einem türkisfarbenen Trainingsanzug, dessen Farben „Neunziger!“ schreien, raucht und schreit auch ein bisschen. Auf Bosnisch.
Heidelberg wird nämlich heute für eine Außenszene zu Višegrad. Zum Bosnien der Neunzigerjahre. In einem Hinterhof in der Südstadt hat das Team die Fassade eines Hauses hergerichtet, Wäscheständer auf den Balkon gestellt, Netze mit Kohlköpfen und Kartoffeln an Fenster gehängt. Aus einem der Fenster schaut jetzt also Stanišić heraus, alias Dragoljub, Ballonseide, Kassengestell, Zigarette, und giftet sich mit der Nachbarin im Stockwerk unter ihm an, Zorica, gespielt von Ruzica Hajdari. Auch wenn man kein Bosnisch versteht, ist klar, worum es geht: Da kommt ein Junge, der in den Westen geflohen war, zurück nach Hause. „Was schreist du hier so herum?!“ – „Bist du blind, Saša ist wieder da!“ – „Saša? Joj, nek si došo, sine.“ Schön, dass du gekommen bist, mein Sohn.
Aus Heidelberg wird Višegrad: Saša Stanišic in seiner Rolle als Nachbar Dragoljub.© LEONINE Studios/ ARD Degeto Film/ UFA Fiction/ Wolfgang EnnenbachAm Ende wird das nur eine kleine Szene im Film sein, ein spezieller Augenblick ist es trotzdem: Denn hier wird die Grenze zwischen Kunst und Leben kurz durchlässig. Da oben am Fenster steht der Mann, der das Ganze hier ausgelöst hat, da unten im Hinterhof sein filmischer Wiedergänger, und dann reden beide miteinander. Mit jedem Mal, das Stanišić seinen eigenen Vornamen in den Hinterhof ruft, scheint er es weicher zu tun, aber das geht fast unter, weil es wirklich lustig ist, wie Dragoljub und Zorica sich dann wieder angiften.
Was ist „Erinnerung“, was ist „Herkunft“?
Hier, im malerischen Heidelberg, ist der echte Saša Stanišić als Vierzehnjähriger mit seinen Eltern 1992 angekommen: Die Familie – die Mutter eine muslimische Bosnierin, der Vater Serbe – hatte aus dem bosnischen Višegrad fliehen müssen, als dort der Krieg ausbrach und es für Menschen wie sie lebensgefährlich wurde. „Herkunft“, Stanišics drittes Buch, hatte davon erzählt, in einer freien Form, spielerisch, ironisch, magisch-realistisch. Was Erinnerung ist und was erfunden, verschwamm kunstvoll – und was Erinnerung und Herkunft überhaupt sein sollen, wenn die Verhältnisse auf beides permanent einwirken und sie sich wandeln, wurde dabei infrage gestellt.
Dass Stanišić jetzt in der Verfilmung seines komplexen Textes mitspielt – in dem man lesend wie in einem Rollenspiel herumspringen kann und Drachen auftauchen – und er sich selbst sozusagen an diesem sonnigen Maitag in Heidelberg begegnet, am Set wie im Dreh, passt dazu. Der Autor wird zur Nebenfigur in der Verfilmung einer Geschichte, die seiner eigenen ähnelt, die aber angelegt ist als Geschichte all der vielen, die auch nach Deutschland eingewandert sind, aus dem kriegerisch zerfallenen Jugoslawien, aus Syrien, der Ukraine. Und die sich wiedererkennen, die sich hineinlesen können in die Geschichte eines geflüchteten Jungen, der seinen Weg macht in die Gesellschaft der Bundesrepublik, mit allen Hürden: sprachlich, schulisch, bürokratisch, menschlich.
Am Set: Maro Lovrić (spielt den jungen Saša), Marija Skaricic (spielt die Mutter), Gordana Boban-Herović (Christina) und der Autor Saša Stanišic (von links).© LEONINE Studios/ ARD Degeto Film/ UFA Fiction/ Wolfgang EnnenbachEs ist 11 Uhr auf der Alten Brücke über den Neckar, an den abgesperrten Zugängen stauen sich Touris, hier steht der Autor von „Herkunft“ im Strickjacke mit dem jungen Maro im Kostüm, die Szene wird eingerichtet. Am Abend zuvor hatte Stanišić in Freiburg gelesen, nach den Dreharbeiten wird er das auch abends hier tun, dann werden auch Freunde von damals kommen, als er im Stadtteil Emmertsgrund gewohnt hat. Die Aral-Tankstelle dort, ein wichtiger Schauplatz im Buch wie Leben, ist renoviert worden, die Produktion nutzt sie nicht.
Als die Anfrage kam, hat Stanišić erst gezögert
„Ich habe erst mal relativ abwartend geantwortet, als die Anfrage kam“, erzählt Saša Stanišić, während jetzt ein paar Meter weiter der zehnjährige Saša, also Maro, gefilmt wird, wie er mit seiner Mutter (Marija Škaričić) Eis essend im künstlichen Regen über die Brücke läuft. „Ich habe nicht gesehen, wie man die mosaikartige Struktur des Buchs dramaturgisch so biegen könnte, um daraus einen Film zu machen. Und ich war mir unsicher wegen der Nähe zu meiner Biographie – und ob ich die wirklich als Film sehen möchte.“ Im Austausch mit dem Drehbuchautor Senad Halilbašić und den Produzentinnen Leslie-Alina Schäfer und Sinah Swyter habe sich ihm dann aber gezeigt, dass, wie Schäfer es sagt, die Geschichte des Films „immer auch größer als Sašas Geschichte und seine Vorlage“ sein solle, eine Art stellvertretende Geschichte der Einwanderung.
„Das ist wirklich lustig und auch emotional“
Den jungen Maro Lovrić hatte eine Casting-Agentin aus Kroatien dort entdeckt. Wie ist das für Stanišić, seiner eigenen Filmfigur zu begegnen? „Da kommt ein Junge“, antwortet er, „Maro, den ich bis gerade eben noch nie gesehen habe, der einen Jungen spielt, der eine Version von mir als Junge ist, und wir reden, und das Erste, was er mich fragt, ist: ‚Hast du den Pulli damals getragen?‘ Und ich sage: ‚Nein, habe ich nicht. Aber du trägst ihn jetzt. Du bist das jetzt.‘ Das ist wirklich lustig und auch emotional, diese Doppelung und weitere Fiktionalisierung meiner Person, die ich ja schon selbst betreibe.“
Etwas später kommt auch Slavko Popadić auf die Brücke dazu, der den älteren Saša spielt – und die beiden Männer umarmen sich fest. Es sei schon surreal, sagt wiederum Popadić, in der Hinterhofszene dem Autor der Geschichte als Filmfigur gegenüberzutreten. „Ich habe ‚Herkunft‘ im Schauspielstudium gelesen“, sagt er aber auch, und: „Das ist der wichtigste Film für mich. Er hat so viel mit meiner eigenen Geschichte und der Geschichte so vieler anderer Menschen zu tun – Saša war so offen zu sagen, das ist nicht nur meine Geschichte, sondern – wenn ich das jetzt richtig zitiere – unsere.“
Vor und hinter der Kamera wird oft kein Deutsch gesprochen
Vor und hinter der Kamera wird oft kein Deutsch gesprochen. Beim Ensemble wie beim Team sei darauf geachtet worden, dass Menschen zusammenkommen, die eine ähnliche Geschichte erlebt haben, wie sie der Film erzählen will. Regie führt Clara Zoë My-Linh von Arnim, die mit der jüdischen Familienserie „Die Zweiflers“ bekannt wurde und deren Vater aus Vietnam in die Schweiz geflohen war. Das Drehbuch stammt von Senad Halilbašić („Der Pass“), in Tuzla geboren, in Graz aufgewachsen. Stanišić ist ständig im Gespräch mit ihm, korrigiert vor der Szene im Hinterhof auch seinen Text noch einmal, damit er in die Zeit passt.
Der Kinofilm „Herkunft“ (Start 2027) werde stärker als das Buch aber auch eine Emanzipation der Figur Saša von ihrer eigenen Migrationsgeschichte erzählen, davon, mehr zu sein als ein Geflüchteter, nicht darauf reduziert werden zu wollen. Das wird auch zu den verbindenden Erfahrungen der Menschen gehören, die hier zusammenarbeiten, vor und hinter der Kamera. Stanišić spricht davon, wie er von der eigenen Erinnerung eingeholt wird, wenn er am Set dem jungen Maro zuschaut, und dass Erinnerung die Metaebenen der Autofiktion sofort aushebelt.
Aber wie er sich als Nebenfigur in seine eigene Geschichte schleicht, schenkt dem Projekt eine spielerische Leichtigkeit, eine produktive Kraft, auch das Risiko, das Fiktion braucht, um vom Leben zu erzählen. Das eben so spielen kann, dass aus einem kleinen Jungen, der aus Višegrad in Heidelberg ankommt, eine Figur wird, die zwischen Buch und Film und Leben wandert, weil das dank der Kunst möglich ist.

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