Von einer vagen Intuition geleitet, tritt Ellen aus dem Büro, läuft nach Hause und steigt in ihr lange stehen gelassenes Auto. Überrascht davon, dass es noch fährt, lässt sie sich durch den Abendverkehr treiben, aus der Stadt hinaus, in die weite schwedische Landschaft, weiter, immer weiter, bis sie schließlich dort ankommt, wohin es sie getrieben hatte: auf dem elterlichen Hof.
Nur gehört der Hof schon lange nicht mehr ihren Eltern und wird auch nicht mehr bewirtschaftet. Niemand ist zu Hause, der Schlüssel schlecht versteckt, und so verschafft sie sich Zugang zum Ort ihrer Kindheit. Eine junge Familie lächelt von den Familienfotos an der Wand. Das Haus ist renoviert, aber das Kinderbett steht noch. Sie bleibt, weil der Kalender anzeigt, dass die Familie in den Sommerurlaub gefahren ist. Und weil sie irgendetwas da hält – erst eine Nacht, dann noch eine, bis sie sich ganz in ihrem früheren Zuhause einrichtet. Sie bedient sich an den Essensresten, geht im See schwimmen und wirft ihr Telefon ins Wasser, um unerreichbar zu werden für Diana, die sich von ihr getrennt hat.
In dieser Isolation denkt Ellen über ihre Kindheit nach, die Milch- und Getreidewirtschaft, die rastlose Plackerei der Eltern, zwischen der das Kind, wie es heißt, „an einer glücklichen Kindheit arbeitete“. An die Scham, die sie in der Schule gegenüber den Stadtkindern empfand, sie, deren Kleidung so unvermeidlich nach dem Stall roch.
In der Stadt entdeckt sie ihre Liebe zu Frauen
Nur der gleichaltrige Max stand ihr nahe, den sie nach der Schule und dem Wegzug der Eltern nie wiedergesehen hat. Ausgerechnet er wacht jetzt über das Haus der Nachbarn, mäht den Rasen und bemerkt, dass sie da nicht sein dürfte. Vorsichtig nehmen beide den Faden einer Bekanntschaft wieder auf, die als Schicksalsgemeinschaft in der Kindheit wurzelt und zwischen Phasen sich anbahnender Zärtlichkeit und schamvoller Abwendung hin und her schwankte.
Auf nur gut 150 Seiten, die von Stefan Pluschkat aus dem Schwedischen übertragen worden sind, erzählt Sanna Samuelsson in unprätentiösen klaren Sätzen von einem Leben, das eingeklemmt ist zwischen einer Gegenwart, in der es seinen Platz nicht findet, und einer Vergangenheit, der die trügerischen Bilder der Zugehörigkeit entströmen. Die Stadt ist Ellen zum Ort geworden, an dem sie alles Bäuerische abstreifen und ihre Liebe zu den Frauen entdecken durfte. Gerade in ihrer Partnerin aber zeigt sich auch das merkwürdig Oberflächliche und Unverbindliche der Menschen aus der Stadt. So wird mit der Zeit der Hof zum Sehnsuchtsort, und ein Leben, das immer schon auf der Hand gelegen hatte, die heterosexuelle Ehe, die Landwirtschaft, erscheint als das Leben, das vielleicht hätte gelebt werden sollen.
Erfahrung schreibt sich in die Körper ein
Der Roman macht keinen Hehl daraus, dass schon der elterliche Betrieb nur eine Schwundstufe darstellte, im langen Prozess des Niedergangs kleinbäuerlicher Landwirtschaft. Er romantisiert nicht, ist nicht sentimental, es trägt ihn eine plastische Erinnerung, die von kurzen Reflexionen über diesen Prozess unterbrochen wird. „Nichts gehörte uns“, erinnert sich Ellen, „nichts wurde uns vererbt. Egal, wie tief wir verwurzelt waren, steckten wir doch nur lose in der Erde. Was besaßen wir schon? Die Bewegungen unserer Arme, verkrampfte Kiefer. Kundige Finger, die sich um die Zitze legten, zudrückten und nach unten zogen, nach der Zitze greifen, zudrücken, nach unten ziehen, immer wieder, die Wange an die weiche, warme Lende der Kuh gelegt.“
Sanna Samuelsson: „Melken“VerlagWo das Buch die Erfahrung aufscheinen lässt, die sich in den Körper eingeschrieben hat, da schafft Melken einen Zugang zu der so körperlichen Welt der Landwirtschaft. Oft gerade in den beiläufigen Bildern einer Kindheit und den Erinnerungen an die Pflanzen, die Gerätschaften, die Tiere fühlt man, wie ein junges Leben vom Hof absorbiert worden ist: „Fette Milch, über den Tisch verschüttet, kleine Inseln auf dem Wachstuch. Ich half meiner Mutter, ging Milch holen mit der glänzenden Kanne. Sie war aus kaltem Metall, stieß beim Laufen gegen die Beine, Stiefel ohne Socken, immer drückten Steinchen im Schuh.“
So tief hat die Herkunft Ellen eingeprägt, dass sie sich noch in ihrem längst schon städtischen Leben beim Sex mit ihrer Freundin an die Wärme der Kühe erinnert fühlt. Sie entkommt sich nicht, ob dieses Leben nun verflucht war oder ein Segen. Von dieser Frage hin- und hergerissen, verbringt sie ihren Sommer in der Schwebe. Die Kraft der Bilder und die Absurdität eines Urlaubs im fremden Zuhause kämen dabei noch mehr zur Geltung, dürften sie sich einfach zeigen und würde das Buch seine Motive nicht immer wieder so explizit formulieren („Hier war ich also, ich war hier . . . Das verlorene Lamm. Immer wieder findet es seinen Weg hinein“).
Jedenfalls aber fühlt Ellen, wie sie in sich etwas verarbeitet, das alle etwas angeht. Denn auch im Verhältnis, das eine Gesellschaft zur Landwirtschaft findet, zu diesem von der Notwendigkeit gebeugten Leben, zeigt sich ihre Auffassung vom Leben überhaupt. Ihre fortschreitende Industrialisierung mag von denen, die nicht mehr mit ihr zu tun haben müssen, als Befreiung erlebt werden. Es spricht nicht viel für die Landwirtschaft. Und doch gehört zu dieser so lange schon währenden Flucht auch die Erfahrung eines Verlusts. Etwas ist in dieser Abwendung verloren gegangen und geht weiter verloren. Etwas treibt Ellen zurück aufs Land. Etwas, das auch Leben war.
Sanna Samuelsson: „Melken“. Roman. Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat. Hanser Verlag, München 2026. 160 S., geb., 23,– €.

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