Wer einmal auf Island zu Gast war, kennt die existenzielle Verzweiflung, die ausländische Besucher auf der Suche nach bezahlbarem Essen befällt. Es wird nicht besser, wenn man seine Nase hungrig an den Fenstern eines Luxusladens platt drückt. Zu dieser Kategorie ist das „Fusion“ zu zählen, ein unlängst von Jónas (Ólafur Darri Ólafsson) eröffneter Schuppen, der auch Lieferdienste anbietet. Er kreuzt das Exotische mit dem Bekannten, betört mit minimalistischen Happen in sämtlichen Farben. Und selbst die Buchhaltung ist kreativ. Sie liegt in den Händen von Marý (Hera Hilmar), die mit den scharfen Küchenmessern bei Bedarf auch einen Männerbauch traktiert.
Der Achtteiler „Reykjavík Fusion“ beleuchtet sowohl die appetitlichen wie unappetitlichen Seiten des Restaurants. Die kulinarischen Bilder entstanden durch die Unterstützung des echten Sternekochs Þráinn Freyr Vigfússon aus dem „Ox“ am Laugavegur. Doch die Story ist durchweg fiktiv: Sie folgt einem Mann, der seinen Traum von einem eigenen Restaurant nur durch den Pakt mit Kriminellen zu verwirklichen vermag.
Das glauben nicht mal die risikofreudigen Banken von Island
Er hat diesen Pakt nach der Rückkehr aus dem Gefängnis zu vermeiden versucht. Aber wer glaubt schon, dass Jónas am Flammeninferno seines alten Restaurants, das ihm eine Strafe wegen Versicherungsbetrugs einbrachte, nicht schuld war? Dergleichen glauben nicht mal die legendär risikofreudigen Banken von Island. Auch die Eltern einer Kita-Kantine, die Jónas zur Überwindung der Hackbraten-Ära anstellen wollte, glaubten es nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis ebenfalls nicht.
Jónas ist auf diese Weise an Marý geraten, vermittelt durch den Bauunternehmer Kristján (Þröstur Leó Gunnarsson), der ein Mithäftling war und in krumme Geschäfte verwickelt ist. Marý bedient Kristjáns Geldwaschmaschine. Jónas führt das Restaurant, das zu dieser Maschine gehört. Für die Aufbauphase bekommt er einen Privatkredit, den er an Kristján zurückzahlen muss.
Es liegt auf der Hand, dass diese Partnerschaft Probleme aufwirft, und die Konsequenzen könnten auch für Júlía (Unnur Birna Backman), die frühere Küchenpartnerin von Jónas, und seine motorradbrausende Tochter Ellen (Molly Mitchell) verheerend sein. Beide werden im „Fusion“ beschäftigt, ohne die Brisanz des Ladens zu kennen.

Nun geht dieses Krimirezept nicht recht auf – trotz der optischen Anleihen bei der US-Serie „The Bear“, feuriger Flashbacks und einer Leiche, die schon beim Testessen vor der Eröffnung im Kühlraum des „Fusion“ liegt und raffiniert entsorgt werden muss. Reykjavík wirkt mit wenigen Ausnahmen leblos und leer. Die kaugummikauende Marý ist viel zu exzentrisch.
Und was hätte man nicht alles von einem sensiblen, in einem großen Körper mit Bart versteckten Knacki erzählen können, der in die Gesellschaft zurückkommt und nichts weiter als kochen und bei seinen Liebsten sein will. Skandi-Serien haben für die gesellschaftlichen und psychologischen Facetten ihrer Geschichten eigentlich ein ausgeprägtes Gespür.
„Reykjavík Fusion“ aber hat keine Geduld. Die Serie fällt ungeduldig mit dem Türblatt ins Haus, zeigt Jónas einige Wochen vor der Eröffnung des „Fusion“, wie er noch die Gourmet-Küche des isländischen Strafvollzugs bedient. Und dann muss sich die Entlassung auf Bewährung und Suche nach Arbeit, die bei Jónas mit Sorgerechtsfragen verbunden ist, in nur wenigen Szenen vollziehen.
Das kann auch ein Ólafur Darri Ólafsson, dem man immer gerne zusieht, zuletzt in „Severance“ als kühler Mr. Drummond, nicht richten. Er müht sich redlich, schon weil er an der jungen Produktionsfirma ACT4 beteiligt ist. Aber obwohl sich die Probleme bald türmen und ein Ermittler (Atli Óskar Fjalarsson) auftaucht, rückt uns sein Jónas nicht wirklich nah.
Nach „Reykjavík 112“ und „Lava“ wird „Reykjavík Fusion“ so zum dritten eher mittelprächtigen Islandlandkrimi innerhalb kürzester Zeit. Zum Glück gab es auch „The Danish Woman“, eine bissige und kulturell wache Komödie um eine pensionierte Agentin, die ebenfalls in Reykjavík spielt.
Reykjavík Fusion startet am Donnerstag um 21.45 Uhr bei Arte und läuft in der Mediathek.

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