Moskau, 1991: Die Sowjetunion zerfällt, mittendrin ein Team von SPIEGEL TV. Diese Bilder wurden noch nie gezeigt. Der damals völlig unbekannte Chef der Rockergruppe »Nachtwölfe« knattert mit den Reportern durch die Stadt. Vor genau 35 Jahren ist das Reporterteam unterwegs in einem Land im Umbruch. Und hat die Chance, jahrzehntelang abgeschottetes wie das Innere der KGB-Zentrale zu filmen. Wer in Moskau das Sagen hat und wohin das Land driftet: Das weiß damals niemand genau.
Wenige Tage zuvor erschüttert ein versuchter Staatsstreich Russland: Am 18. August putscht eine Gruppe, die sich »Staatskomitee für den Ausnahmezustand« nennt. Sie setzt Staatschef Gorbatschow im Urlaub auf der Krim fest, lässt die Armee in Moskau aufmarschieren und erklärt den Ausnahmezustand.
In diesem Sommer 1991 hat der harte Kern der Kommunisten in Moskau genug. Genug vom langsamen Zerfall der Sowjetunion. Genug von den Unabhängigkeitsträumen der Ukraine und anderer Einzelrepubliken. Und genug von Gorbatschow als Reformer an der Spitze des Staates.
Der Putschversuch hat dramatische Folgen: Massenproteste gegen die kommunistische Junta. Ein noch schnelleres Ende der UdSSR. Und historische Szenen: Boris Jelzin, erster gewählter Präsident Russlands, spricht – notdürftig geschützt – von schusssicheren Matten auf den Barrikaden vor dem Parlamentsgebäude in Moskau.
Boris Jelzin, Präsident Russland:
»Liebe Moskauer Bürger! Es ist leider notwendig, diese Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen, weil die Junta, die an die Macht gekommen ist, vor keinem Mittel zurückschrecken wird, diese Macht zu erhalten. Sie wissen: Wenn sie jetzt verlieren, dann verlieren sie nicht nur ihre Posten, sie werden auch zur Verantwortung gezogen.«
Jelzin ruft die Armee dazu auf, ihre Waffen nicht gegen ihre Schwestern und Brüder zu richten. Mit Erfolg: Bald ist klar, dass die Streitkräfte die Putschisten nicht unterstützen – sondern die Tausenden Menschen, die sich gegen den Putsch wehren.
SPIEGEL TV will in Moskau sehen und filmen, ob die Sowjetunion nach dem Machtkampf an der Spitze überleben kann Russlands staatliche Verwaltung aber hat in diesem kurzen Moment der Geschichte keine Kontrolle. Die Anzeichen des Umbruchs sind unübersehbar: Symbole der UdSSR, abgeladen auf Schrottplätzen. Lenins Abbilder aus Stahl und Bronze werden nach und nach entsorgt. Es gibt sogar Pläne, Lenin persönlich zu verbannen – also seinen haltbar balsamierten Körper, aus seinem Mausoleum am Roten Platz.
Direkt neben diesem Mausoleum treffen die SPIEGEL-TV-Reporter mitten in Moskau zufällig auf deutsche Rocker.
Deutscher Rocker:
»Ich habe einen guten Freund, der eine Kneipe in Berlin hat, Sascha, und sein bester Kumpel ist auch Sascha und das ist der »Duke« von der Gang hier.«
»Ist er da?«
»Ja klar ist er da.«
»Welcher ist das, der mit dem Helm?«
»Jaja.«
1991 kennt diesen Duke kaum jemand. Es ist Alexander Saldostanow, Kopf der Motorrad-Gang »Nachtwölfe«, vom Boulevard später »Putins Rocker« getauft.
»Frag ihn mal, warum er heute Abend gerade hier hergekommen ist.«
»Ich habe gerade gehört, dass das Lenin-Denkmal hier abgerissen werden sollte. Aber ich würde ansonsten die Denkmäler vielleicht nicht abreißen. Wer jetzt an den Denkmälern diese Demos macht und so. Die Leute waren nicht an den Barrikaden vorgestern. Ein Toter kann heute sowieso nichts bewirken. Kämpfen muss man gegen die Lebenden. Wir haben das getan, was wir mussten. Mein Gewissen ist rein. Wir waren auf den Barrikaden, und wir waren diejenigen, die die Molotow-Cocktails auf die gepanzerten Wagen geschmissen haben. Und damit haben wir ja unseren Beitrag geleistet zum Schutz unseres Vaterlandes gegen den kommunistischen Joch.«
Putin nannte die Biker schon 2011 »meine Brüder« – kein Wunder: Saldostanow ist ein glühender Verehrer des Kreml-Herrschers. Und Putin zelebriert seine Freundschaft mit dem nationalistischen Rocker immer wieder öffentlich. Beide Männer teilen die geschichtsklitternde Verklärung Russlands, Homophobie und antiwestliche Ansichten.
Damals allerdings, waren Saldostanow und seine Gang einfach Rocker, die die neuen Freiheiten in Moskau auskosteten. Was vorher undenkbar war, ist plötzlich möglich: Freundlich und zuvorkommend werden die Reporter durch die Zentrale des berüchtigten Geheimdiensts KGB geführt. Hinter den Mauern: typisch sowjetischer Prunk - wie in einem James-Bond-Film der Achtzigerjahre, wenn die bösen Russen wieder einmal die Liquidierung des West-Agenten planen.
In diesen Räumlichkeiten arbeitete Juri Andropow – ehemaliger KGB-Chef und von Juni 1983 bis zu seinem Tod im Februar 1984 gar Staatsoberhaupt der UdSSR. Der Vorvorgänger Michail Gorbatschows.
Führer im KGB-Gebäude:
»Hier ist das Allerheiligste, hier hat er gelebt und gearbeitet, und er hat damals hier übernachtet, wenn es nötig war. Wenn es viel Arbeit gab.«
Reporterin:
»Wie oft ist das vorgekommen?«
Führer im KGB-Gebäude:
»Im Allgemeinen – ziemlich oft. Sehr oft, muss man sagen.«
Führer im KGB-Gebäude:
»Bei Herzschmerzen nahm er immer Nitroglycerin ein. Bei Magen- und Darmbeschwerden griff er zu Analgin, auch bei Kopfschmerzen. Außerdem gab es etwas gegen Bluthochdruck, gegen Erkältung – und damit er das alles nicht verwechselt, hat der Arzt ihm das so hingelegt.«
Auch dieses besonders gesicherte Parkhaus bekommen die Reporter zu Gesicht – darin: Staatskarossen der sowjetischen Parteiführung.
Mann im Parkhaus:
»37 Fahrzeuge insgesamt. Und all diese Autos wurden für den Transport zur und von der Arbeit sowie für die Betreuung der Sekretäre des ZK genutzt: Organisationsleiter beim ZK der KPdSU, Chefredakteure von Zeitschriften und Zeitungen, also der Parteipresse. Die geschlossene Zehnergruppe. Und die Chefredakteure. Nach Bereichen.«
Reporterin:
»Was wird nun mit den Fahrzeugen geschehen?«
Mann im Parkhaus:
»Die Fahrzeuge sind vorerst stillgelegt, da es derzeit keine politischen Strukturen gibt.«
Nach dem Putschversuch: Moskauer Bürgerinnen und Bürger bedanken sich bei den Soldaten, die nicht auf ihre Landsleute schießen wollten. Die Kommunisten haben aufgegeben, die Protestierenden machen weiter. Auf der Rückseite des Zentralkomitees der Partei stellen sie den Kommunistenchef von Moskau, Juri Prokofjiew. Er hatte eng mit den Putschisten zusammengearbeitet. Sprechchöre begleiten seinen Abgang: »Nieder mit der KPdSU!« – und Schlimmeres.
1991 im August ist in Moskau und Russland vieles möglich – sogar die Wende vom Kommunismus zum Kapitalismus.
Boris Jelzin prägt das Land in den kommenden Jahren weiter, verstrickt sich in den Untiefen der russischen Politik und legt schließlich an Silvester 1999 die Macht in die Hände des Mannes, der Russland nach seinen eigenen totalitären Vorstellungen umbauen wird: Wladimir Putin.

vor 2 Stunden
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