Als er sein Büro in der Universität räumen musste, stand der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner vor einer vollgestopften Bücherwand, die nun zum Problem wurde. Weil zu Hause kein Platz war, begann er mit der redlichen Prüfung, welche Bände er überhaupt noch haben wollte. Dabei folgte auf eine jahrzehntelange Phase des Büchersammelns die des Bücherverstreuens, die er „klug“ und „liebevoll“ gestalten wollte, schließlich hat alles seine Zeit. Und sollten wir uns nicht genau so verstehen: als „Gastgeber“ von Büchern, die wir dann irgendwann wieder ziehen lassen?
Sein Vorschlag erreichte auf dem Symposium, das am Donnerstagnachmittag unter dem Titel „Die Zukunft der Privatbibliotheken“ am Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt zu Ehren des ehemaligen Weimarer Bibliotheksdirektors Michael Knoche abgehalten wurde, einen beachtlichen Zuschauerkreis, in dem viele offenbar die Sorge teilten, was mit der eigenen Büchersammlung geschehen solle. Den Altersschnitt der von Thomas Steinfeld und Ulrich Raulff organisierten Veranstaltung konnte man auf sechzig bis siebzig Jahre schätzen. Die Geschichten aber, die auf dem Podium, in Kommentaren und in privaten Gesprächen geteilt wurden, glichen sich strukturell und betrafen doch immer den Einzelfall.
Was Deutschlehrer lesen
Sammlungen werden lange aufgebaut und treffen nach dem Tod des Besitzers auf Erben, die kein Interesse und keinen Platz für oft an die zehntausend Bücher haben, wohl aber wissen, wie wichtig dem Verstorbenen das alles war. Antiquare kaufen nur einen Bruchteil an, weil sie wiederum keine Käufer für die meisten Bände haben. Das liegt nicht nur am Wegsterben der alten Sammler, für die keine jungen nachwachsen, sondern auch an einer industriellen Buchkultur mit Massenauflagen, die wenig Raum für das besondere Buch lässt. Denn verlegerische Nischen, wie sie in den Siebziger- und Achtzigerjahren auf dem Buchmarkt entdeckt und gepflegt wurden, erweisen sich aus der Rückschau als überraschend weit, sodass man die damaligen Buchreihen, die dezidiert „Entdeckungen“ versprachen, heute sehr häufig angeboten findet.
Wer gleich nebenan zum Arkadensaal, in dem das Symposium stattfand, Frankfurts Romantikmuseum betritt, hat sein Memento mori vor Augen. Hinter dem Kassentresen erstreckt sich eine große Bücherwand, die Sammlung eines verstorbenen Deutschlehrers, wie Anne Bohnenkamp erläuterte, die Direktorin des Hochstifts. Eine gediegen zusammengestellte Bibliothek, mit dem Grimmschen Wörterbuch in 33 Bänden, Kindlers Lexikon der Weltliteratur, den „Haidnischen Alterthümern“ mit Arno Schmidts abseitigen Lieblingsbüchern, den Zeitschriften „Die Fackel“ und „Der Rabe“, Reclamheften und dergleichen mehr.
Das geistige Porträt eines Bücherfreundes
Man fühlt sich ertappt und erkennt manches aus der eigenen Bibliothek, auch ohne den Blick durch ein Fernrohr, das vom Museum zu diesem Zweck im Vorraum aufgestellt wurde. Man macht sich zugleich ein Bild von dem Mann, dessen Bücher hier nun präsentiert werden, statt dass sie irgendwohin verstreut in „Zu verschenken“-Kisten am Straßenrand gelagert oder gleich in den Müll geworfen werden. Und wenn, wie Anne Bohnenkamp vorschlug, eine Büchersammlung auch „das geistige Porträt“ eines Individuums darstellt, dann schmerzt der Anblick eines Bauschuttcontainers vor einer Wohnung, in dem Tausende Bücher dem Regen ausgesetzt sind, bevor sie auf den Schuttplatz wandern, eben doppelt: einmal um der Bücher willen, dann aber auch, weil auf diese Weise die Erinnerung an einen Menschen entwertet und ausgelöscht wird.
Was also tun, wenn die Klassiker – behalten, verschenken, verkaufen – aus unterschiedlichen Gründen wenig geeignet sind, das Problem zu lösen? An diesem Nachmittag kamen viele Perspektiven zusammen, die im Publikum vielfach geteilte des besorgten Liebhabers, aber auch die kühle des Frankfurter Antiquars Wolfgang Rüger, der zu Recht auf das Internet als Schicksal seiner Branche verwies: Am Anfang war die Reichweitenvergrößerung ein Segen für sein Antiquariat, dann machte die totale preisliche Transparenz das Geschäft kaputt, weil nun jeder den anderen unterbiete.
Es blieb den Wissenschaftlern und den Bibliothekaren auf dem Podium vorbehalten, vorsichtig den Weg zu einer Lösung aufzuzeigen. Wenn man von einer Sammlung nur wenig tatsächlich aufbewahren könne, privat oder in einer Institution wie Marbach oder einer Unibibliothek: warum die vollständige Bibliothek nicht erst erfassen und erst danach weggeben?
Am Ende bleibt dann von einer Büchersammlung vielleicht nur eine Datei. Und eine kleine Auswahl von Titeln, die geschätzt und vielleicht sogar gelesen wird. Hagner übrigens löste sein Problem anders: Er mietete eine Bücherwand bei seinen Nachbarn an.

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