Österreich: Wien macht Hoffnung für ein vereintes Europa

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Wien ist an diesem Wochenende so etwas wie die europa-, ach was, weltweite Kulturhauptstadt. Manche werden jetzt sagen: Ist sie das nicht immer? Aber an diesem Wochenende gibt es eben noch mal eine Schippe obendrauf: Der Eurovision Song Contest ist zu Gast. Wer nun nicht ausgerechnet in dieser Woche einen Termin im Rathaus hatte oder direkt an der Stadthalle wohnt, den muss das allerdings nicht stören. Allzu viel ESC-Feeling hat es in die Breite der Wiener Straßen nicht geschafft, so zumindest das Gefühl, wenn man durch die Bezirke fährt und schlendert.

Vielleicht ist daran das eher verhaltene Wetter schuld, und irgendwie ist es ja charmant, man fühlt sich als ESC-Touristin im Wiener Geiste angenommen: Ja, dann kommt halt her mit eurem komischen Musikwettbewerb, von mir aus sperren wir euch den Rathauspark und die Stadthalle ab – aber lasst uns damit in Ruhe. Während man in Basel im vergangenen Jahr keine Straße überqueren konnte, ohne einen Eurovision-Hinweis zu sehen, übt sich Wien in Zurückhaltung. Wer durch die Innenstadt flaniert, dem dürfte kaum auffallen, dass sich unter die nie endenden Touristenmassen ein paar Musikfans gemischt haben.

Nun sind die Österreicher natürlich noch nicht so ausgehungert gewesen auf einen eigenen ESC, der letzte in Wien ist ja grade mal elf Jahre her. Wir Deutschen wären ja froh, irgendwann einmal wieder auch nur in die Nähe eines ESC-Sieges zu gelangen, aber damit ist auch in diesem Jahr wohl nicht zu rechnen. Von daher krittelt es sich natürlich leicht – ich bin mir sicher, nicht nur die deutschen Kassen sind klamm, sondern auch die österreichischen und insbesondere die Wiener.

Vielleicht ist das etwas Unscheinbare aber so gewollt, schließlich ist der ESC auch in diesem Jahr eine Hochsicherheitsveranstaltung mit Kontrollen wie am Flughafen. Beim bislang letzten ESC in Österreich war die Kunstfigur Conchita Wurst als Frau mit Bart wohl das größte Politikum, inzwischen ist die Lage um Längen angespannter. Die israelische Teilnahme und die damit verbundenen Proteste beschäftigen die Veranstalter und die Wiener Behörden. Das israelische Fan-Café, die MQ Kantine, wird durchgängig von Sicherheitskräften bewacht, für den Finalsamstag ist eine Pro-Palästina- und Anti-Israel-Demo direkt an der Stadthalle angekündigt. Im ersten Halbfinale gab es in der Halle Protestrufe während des israelischen Songs „Michelle“ von Sänger Noam Bettan.

Doch bei all dem Trubel muss auch gesagt werden: Wien als Europastadt, das funktioniert. Wer sich in den Rummel wagt, hört Italienisch, Dänisch, Albanisch, Deutsch – in den Songs und auf den Straßen. Das macht Hoffnung für ein vereintes Europa, und die kann man aktuell wirklich gut gebrauchen.

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