Grafenegg? Wo? Mit dieser Frage reagierte mancher Klassik-Star auf die Einladung, 2007 beim damals neuen Grafenegg-Festival mitzuwirken. Auch ein Blick auf die Landkarte Niederösterreichs dürfte der Ratlosigkeit kaum Abhilfe geschaffen haben, ist Grafenegg doch keine Ortschaft im eigentlichen Sinn, sondern ein Schloss samt weiträumigem Park unweit von Krems an der Donau, das sich im Besitz des kunstsinnigen Tassilo Metternich-Sándor befindet. In der ehemaligen Reithalle fanden zwar immer wieder mal Konzerte statt, doch erst die Idee, dieses Areal für ein Sommerfestival à la Tanglewood zu nutzen, machte aus Grafenegg das, was es heute ist: ein Ort der Begegnung mit einem Festival von besonderem Flair und hohem künstlerischen Anspruch.
Treibende Kraft dahinter war der damalige Landeshauptmann Niederösterreichs, Erwin Pröll, der noch einer Politiker-Generation angehörte, der Kunst und Kultur am Herzen lag. Er verstand Kultursubventionen nicht als Almosen, sondern als Investition in die Zukunft – Grafeneggs Erfolg gibt ihm recht. Auf politischer wie auf wirtschaftlicher Ebene fand Pröll zahlreiche Partner, die ihn bei der Umsetzung der Idee unterstützten, sodass 2007 mit dem Wolkenturm, einer auch architektonisch eindrucksvollen Open-Air-Bühne, und schon ein Jahr später mit dem Auditorium, einem akustisch exzellenten Konzertsaal, das Festival groß Fahrt aufnehmen konnte.
Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (links) und der Pianist Rudolf Buchbinder bei der Eröffnung des nach ihm benannten SaalsSofija PalurovicAls wahrer Glücksfall aber erwies sich, den weltweit gefeierten Pianisten Rudolf Buchbinder zum Intendanten gemacht zu haben. In der internationalen Klassik-Szene bestens vernetzt, konnte er von Anfang an zahlreiche Topmusiker sowie renommierte Orchester für Grafenegg gewinnen. Mag zunächst vor allem seine Überzeugungskraft ausschlaggebend gewesen sein, an einem bis dato unbekannten Ort aufzutreten, bedarf es dieser heute längst nicht mehr. Denn mittlerweile ist es vielen Künstlern im Hinblick auf ihr eigenes Renommee wichtig, in Grafenegg mit dabei zu sein, was nicht nur, aber in besonderem Maße für Orchester gilt.
Denn neben dem Lucerne Festival und dem George-Enescu-Festival in Bukarest zählt Grafenegg heute zu den bedeutendsten Orchesterfestivals Europas. So spielen in diesem Sommer zwischen 14. August und 6. September unter anderem das Philharmonia Orchestra London, das Bayreuther Festspielorchester, das Concertgebouw Orchestra Amsterdam, die Münchner und Wiener Philharmoniker sowie das Orchestra Giovanile Luigi Cherubini unter Riccardo Muti in Grafenegg auf.
Geht doch: In der ehemaligen Reithalle feiert heute die Musik Triumphe.Sofija PalurovicNach 20 Jahren im Amt wird sich Rudolf Buchbinder, der im Dezember seinen 80. Geburtstag feiert, im Herbst als Intendant verabschieden. Für sein erfolgreiches Wirken machte ihm das Land Niederösterreich, an dessen Spitze mittlerweile Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner steht, ein bemerkenswertes Geschenk: In Zeiten knapper Budgets, wo allenthalben auch in der Kultur der Rotstift auf mitunter fahrlässige Weise angesetzt wird, schlug man in Grafenegg den entgegengesetzten Weg ein und investierte einmal mehr in die Zukunft. Die notwendig gewordene Renovierung der ehemaligen Reithalle lieferte den Anlass, einen weiteren, diesmal der Kammermusik gewidmeten Konzertsaal zu erbauen – und dieser trägt Rudolf Buchbinders Namen. 16 Millionen Euro hat er gekostet, finanziert wurde er vom Land Niederösterreich, dem Bund und der Grafenegg Kulturbetriebsgesellschaft m. b. H.
Und draußen spielt ein bekannter Posaunist
Frei nach dem Motto „Innovation baut auf Tradition“ nutzte Architekt Ernst Maurer die Bausubstanz der Reithalle aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, um über dem ehemaligen Veranstaltungssaal, der nunmehr als großzügiges Foyer dient, den neuen Saal zu errichten. Dieser zeichnet sich durch optimale Funktionalität und zeitlose Eleganz aus, wobei zwei Elemente besonders ins Auge stechen: die breite Fensterfront mit Blick auf Park und Wolkenturm sowie die ineinander verkeilten, sich selbst tragenden Holzstäbe an der Decke. Letztere unterstützen die glasklare, auf Brillanz setzende Akustik, für die Michael Wahl verantwortlich zeichnete.
Diese bewährte sich sogleich im Rahmen des Festakts zur Eröffnung, bei dem Rudolf Buchbinder einmal mehr seine Vielseitigkeit unter Beweis stellte: als impulsiver Kammermusiker gemeinsam mit dem aus Mitgliedern der Wiener Philharmoniker bestehenden Steude Quartett, als einfühlsamer Liedbegleiter von Camilla Nylund, die mit „Morgen“ und „Zuneigung“ von Richard Strauss ihrem Wagner-geeichten Luxussopran Töne von betörender Innigkeit entlockte, sowie als Schubert- und Beethoven-Interpret von Rang: Den Partituren treu ergeben erweckte Buchbinder Beethovens „Pathétique“ und Schuberts As-Dur-Impromptu dennoch mit einem Höchstmaß an Freiheit zum Leben.
Dankbar, bewegt und voller Demut zeigte er sich danach in einer kurzen Rede, welche mit Standing Ovations quittiert wurde. Den Festgästen dürfte weitgehend entgangen sein, dass draußen, zur Untermalung des Empfangs, niemand Geringerer als Posaunist Paul Zauner mit Freunden musizierte, jener Paul Zauner, der mit seinem INNtöne Jazzfestival alljährlich Weltgrößen des Jazz auf seinen Biobauernhof lockt. Auch das ist Grafenegg.

vor 2 Stunden
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