Öl: Die Schattenflotte von Hormus – Energiekrise wird zur neuen Normalität

vor 1 Woche 2

Frankfurt. Die Blockade der Straße von Hormus diktiert weiter die Ölpreisentwicklung. Der Preis der Rohölsorte Brent notiert seit einigen Tagen wieder deutlich über 90 US-Dollar pro Barrel.

Die Seepassage galt vor dem Ausbruch des Konflikts als wichtigste Transitroute für den globalen Ölhandel. Ende 2025 passierten täglich rund 21,6 Millionen Barrel Öl die Meerenge. Inzwischen ist der Schiffsverkehr stark zurückgegangen: Daten von Bloomberg zufolge wurden zeitweise nur noch etwa 300.000 Barrel pro Tag offen durch Hormus transportiert. Am Mittwoch durchfuhren laut Daten des Anbieters Kpler nur neun Frachter die Meerenge – zumindest offiziell erfasst.

Wie die tatsächlichen Mengen sind, die trotz der Blockade weiter die Straße passieren, ist allerdings umstritten. US-Energieminister Chris Wright spricht von knapp neun Millionen Barrel, die pro Tag verschifft werden. Das von Marktbeobachtern oft als Sprachrohr der US-Regierung wahrgenommene Nachrichtenportal Axios berichtet sogar von zehn Millionen Barrel, die täglich durch einen bislang nicht öffentlich bekannten Schifffahrtskorridor des US-Militärs transportiert werden.

Iranisches Öl findet weiter Abnehmer

Unabhängige Analysten halten diese Schätzung jedoch für deutlich zu hoch. Die meisten Schätzungen liegen bei drei bis fünf Millionen Barrel pro Tag, schreibt Arne Lohmann Rasmussen, Chefanalyst beim dänischen Analysehaus Global Risk Management.

Die Kontrolle über die Öllieferungen – und das heißt, die Kontrolle über die Straße von Hormus – steht mittlerweile stärker im Fokus als das Atomprogramm des Irans, weswegen die USA den Krieg offiziell begonnen hatten. So haben US-Streitkräfte die iranischen Häfen blockiert, um das Land daran zu hindern, Öl zu exportieren. Sie wollen dadurch die Geldquelle des Regimes in Teheran versiegen lassen.

Doch trotz der US-Blockade exportiert der Iran weiterhin Öl an seine Abnehmer, vor allem an China – auch wenn die Liefermengen zuletzt spürbar zurückgegangen sind. An wichtigen Exportstandorten wie Kharg Island ist die Aktivität deutlich geringer als üblich. Die sonst stark frequentierten Verladeterminals wirken in diesem Monat weitgehend verwaist, wie Bloomberg berichtet.

Doch nicht nur der Iran selbst findet Wege, trotz der doppelten Blockade der Straße von Hormus weiter zu exportieren. Auch andere Produzenten am Golf lotsen weiterhin Tanker durch die Passage trotz der iranischen Drohungen. Reedereien und Ölhändler haben sich etwas einfallen lassen.

Shuttling und Ship-to-ship-Transfers

Zum Beispiel das sogenannte Shuttling: Dabei pendeln deutlich kleinere Tanker als üblich zwischen verschiedenen Umschlagpunkten und durchqueren dabei mehrfach die Straße von Hormus.

Um ihre Bewegungen schwerer nachvollziehbar zu machen, schalten einige Schiffe zeitweise ihre AIS-Transponder ab, die normalerweise deren Standort und Route an andere Schiffe und Behörden senden. So sind die Schiffe für potenzielle iranische Angriffe schwer auszumachen. Zudem sind die Versicherungskosten für kleinere Schiffe niedriger, und das Risiko wird verteilt.

An den Umschlagplätzen wird die Ladung häufig im sogenannten Ship-to-Ship-Verfahren (STS) auf größere Tanker umgepumpt. Diese übernehmen dann den Weitertransport in Richtung der internationalen Märkte. Durch die Kombination aus Shuttling und Umladungen auf offener See lassen sich auch die Lieferketten deutlich schwerer nachvollziehen.

Rohstoffe

Huthi-Rebellen wollen Rotes Meer blockieren – Furcht vor steigenden Ölpreisen

Vor allem vor der Küste des Omans wird viel Fracht im Zuge des STS‑Verfahrens umgeladen, wie Bloomberg berichtet. Demnach liegen dort rund 150 Schiffe vor Anker, die auf Ladeübertragungen warten. Im Januar, also vor dem Krieg, seien es nur etwa 40 Schiffe gewesen.

Zu den besonders aktiven Akteuren zählt Adnoc, das staatliche Energieunternehmen der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Laut Bloomberg bietet Adnoc, das im vergangenen Jahr den deutschen Kunststoffhersteller Covestro übernommen hat, seine Logistiklösungen mittlerweile auch für irakische Öltransporte an. Auch das saudische Staatsunternehmen Saudi Aramco setzt zunehmend auf STS-Umladungen vor der Küste des Omans.

Ölmarkt im Defizit

Doch die alternativen Transportwege reichen nicht aus, um die Ausfälle in der Region zu kompensieren. Die Versorgungslage bleibt angespannt: So rechnet die Internationale Energieagentur (IEA) für das dritte Quartal 2026 mit einem Angebotsdefizit von 1,8 Millionen Barrel pro Tag. Das ist mehr als doppelt so viel wie ursprünglich prognostiziert. „Erneute Kampfhandlungen und Beeinträchtigungen des Seeverkehrs“ würden die Erholung der Produktion behindern, erklärt die IEA in ihrem Monatsbericht.

Der Markt hat gewissermaßen Öl aus der Zukunft geliehen. Arne Lohmann RasmussenGlobal Risk Management

Insgesamt dürfte das Ölangebot in diesem Jahr wegen der Ausfälle in der Golfregion um 4,3 Millionen Barrel pro Tag zurückgehen, erwartet die IEA. Dass das Defizit nicht größer ausfällt, liegt laut IEA daran, dass die Nachfrage so stark zurückgegangen ist wie seit der Pandemie 2020 nicht mehr.

Was die Situation mittelfristig so gefährlich macht, ist der schnelle Abbau der globalen Ölreserven. Die weltweiten Lagerbestände gingen allein im Juli laut IEA um 69 Millionen Barrel zurück. In den USA ist die strategische Erdölreserve (SPR) zeitweise auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten gesunken. Auch die kommerziellen Rohölvorräte in den USA liegen laut Bloomberg auf dem tiefsten Wert seit 2018.

In der vergangenen Woche sind die US-Rohölbestände zwar überraschend gestiegen, wie die US-Energiebehörde EIA am Mittwoch mitteilte. Die Bestände an Destillaten, darunter Diesel und Heizöl, gingen aber weiter zurück.

Gesunkene Lagerbestände

Hinzu kommt, dass die abgebauten Bestände perspektivisch wieder aufgefüllt werden müssen. „Der Markt hat gewissermaßen Öl aus der Zukunft geliehen“, sagt Ölexperte Rasmussen. Diese spätere Wiederauffüllung könnte für zusätzliche Nachfrage sorgen und damit die Preise treiben.

Verwandte Themen

IranUSACovestro

Die USA scheinen ihre Kriegsstrategie geändert zu haben und üben jetzt stärkeren wirtschaftlichen Druck auf den Iran aus. Am Mittwoch kündigte Trump ein Maßnahmenpaket an, das darauf abzielt, die iranische Wirtschaft zu zerschlagen. Unterdessen drohte der Iran zuletzt mit Angriffen auf europäische Ziele, sollten die USA den Krieg eskalieren.

Ein Friedensabkommen und somit freie Fahrt durch die Straße von Hormus scheinen also nicht in greifbarer Nähe zu liegen. Shuttling, STS, ausgeschaltete Transponder – was als improvisierte Umgehungsstrategie begann, könnte sich zu einem dauerhaften Merkmal der globalen Energielogistik entwickeln.

Gesamten Artikel lesen