Dieser Pokémon will auch frei sein
Am Montag schrieb ich an dieser Stelle über den türkischen Pikachu, der nach Tagen des Protests in der Türkei plötzlich in Antalya in einem Demonstrationszug auftauchte, in der Menschenmenge hin und her flitzte und gute Laune verbreitete. Wenn auch nur für eine kurze Zeit baute die Person in einem aufblasbaren Pikachu-Kostüm die Anspannung ab, die das Land seit der Inhaftierung des Istanbuler Oberbürgermeisters Ekrem İmamoğlu ergriffen hat.

Demonstration mit Pikachu in Istanbul
Foto: Mia Moreno G. / SIPA / action pressDie Aufnahmen des türkischen Pikachu (auf Türkisch: Pikaçu) gingen viral. Meine Kolleginnen Şebnem Arsu und Anna-Sophie Schneider haben den jungen Mann aufgespürt : Er ist 21 Jahre alt, heißt Hasan Taşkan, ist gern und viel auf Instagram, treibt offensichtlich viel Sport und schlüpft auch sonst gern in Kostüme, »um Menschen zum Lachen zu bringen«. Er sei gar nicht politisch interessiert, er liebe nur sein Land mehr als alles andere, sagt der Influencer – oder besser: Pikaçuencer. Er habe sich der Demonstration gar nicht anschließen, sondern nur für Spaß sorgen wollen. »Ich wünsche mir eine Türkei, in der alle jungen Menschen glücklich leben. Eine Türkei, in der jeder die Freiheit hat, seine Ideen frei zu äußern.«
Für jemanden, der nicht politisch interessiert ist, sind das sehr politische Worte. Mittlerweile ist Pikaçu zum Symbol des Protests geworden, Taşkan hat viele Nachahmer gefunden.
Pro-Regierungsmedien und Anhänger der Partei von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan entblöden sich nicht, Taşkan zu attackieren. Auf dem türkischen Ableger von CNN kolportierten zuletzt »Experten«, dass die Pikaçu-Aktion eine »psychologische Kriegsführung« sei und alles andere als unschuldig. Es werde versucht, solche Ereignisse sympathisch aussehen zu lassen, und so, als ob terroristische Organisationen nichts damit zu tun hätten.
Die türkische Gesellschaft ist ja in weiten Teilen viel netter und umgänglicher, als es sich so mancher Politiker oder Anhänger von Erdoğans Regierungspartei AKP vorstellen möchte.
Die ganze Geschichte hier: Das ist der Mann im Pikachu-Kostüm
Das bisschen Antisemitismus
Wenn der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu heute zu Besuch bei seinem ungarischen Amtskollegen Viktor Orbán in Budapest eintrifft, müsste er umgehend festgenommen werden. Eigentlich. Aber das wird wohl nicht passieren.

Regierungschefs Netanyahu und Orbán (im Juli 2017 in Budapest)
Foto: Karoly Arvai / AFPEs ist Netanyahus erste Reise nach Europa, seit der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) einen Haftbefehl gegen ihn wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen im Gazakrieg erlassen hat. Ungarn ist Vertragsstaat des IStGH. Doch während die Regierungen anderer Länder, wie Deutschland etwa, sich vornehm bei der Frage wegduckten, ob bei einem Besuch der Haftbefehl vollstreckt werden würde, lud der ungarische Regierungschef Netanyahu demonstrativ ein: Es drohten ihm »keine Konsequenzen«.
Orbán pflegt seit Langem sehr gute Beziehungen zu Netanyahu. Die beiden stehen sich ideologisch nah, pflegen ihre autoritären Neigungen, teilen die Sympathie für die illiberale Demokratie und das Feindbild Muslime. Bei so vielen Gemeinsamkeiten konnte der israelische Regierungschef offensichtlich auch über die Vorwürfe des Antisemitismus hinwegsehen, denen Orbán in der Vergangenheit ausgesetzt war. Etwa wegen einer umfangreichen Kampagne gegen den US-Milliardär, Philanthrop und Holocaustüberlebenden George Soros. Aber den mag Netanyahu ja auch nicht.
Mehr Hintergründe hier: Netanyahu reist zu Orbán nach Ungarn
Befreit – und bald arm
Heute werden übrigens die USA befreit, so sieht das zumindest Donald Trump: von ausländischen Waren, vom Joch fremder, unfairer Handelsmächte. Es werden umfassende Zölle auf die Einfuhren aus verschiedenen Ländern erwartet; praktisch auf Einfuhren aus der ganzen Welt. Das soll die heimische Produktion stärken, Arbeitsplätze nach Amerika zurückholen, das Land unabhängiger machen.

US-Präsident Trump
Foto: Doug Mills / The NewYorkTimes / Redu / Redux / laifAllein, große Freude über die vermeintliche Befreiung will offensichtlich noch nicht aufkommen. Bei vielen Wirtschaftsexperten ohnehin nicht. Aber auch nicht bei Menschen, die Trump gewählt haben.
Meine Kollegin Ines Zöttl hat in Denver Jeremy Petersen besucht , einen Mann, der Hunde- und Katzenfutter produziert. Sein Problem neuerdings: Er arbeitet mit einem Hersteller in Kanada zusammen. Und Kanada will Trump besonders treffen: Anfang Februar, erinnert Ines, dekretierte Trump 25 Prozent Zoll auf fast alle Produkte. Auch auf Aluminium, das Petersen für die Dosen seines Hundefutters benötigt. Kanada reagierte mit Gegenzöllen. Unternehmer Petersen zahlt nun drauf und muss die erhöhten Preise an seine Kundinnen und Kunden weitergeben. Trump, sagt er, sei zum Antikapitalisten geworden.
Die ganze Geschichte hier: Wie Trumps Zölle seine eigenen Fans treffen
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Das Urteil gegen Marine Le Pen ist ein Sieg für Europa: Marine Le Pen wurde als Betrügerin verurteilt und kann nicht zur nächsten Präsidentschaftswahl antreten. Ein Zeichen dafür, dass im Herzen Europas der Rechtsstaat funktioniert.
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Gewinnerin des Universums...
…ist Rabea Rogge, die erste Deutsche im All.

Wissenschaftlerin Rogge
Foto: Peter Balicki / melter.ch / dpaDie 29-jährige Elektroingenieurin und Polarwissenschaftlerin ist als Mitglied einer privat finanzierten SpaceX-Mission seit gestern irgendwo da oben unterwegs. Aber nicht allein deshalb ist sie eine Gewinnerin. Sondern auch, weil man jetzt immer, wenn kleine Mädchen davon träumen, Astronautin zu werden, entgegnen kann: Ja, klar, wie Rabea Rogge.
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Von Trump unterstützter Kandidat erleidet Wahlschlappe in Wisconsin: Mit Millionengeschenken und viel Onlinegetöse haben Donald Trump und sein Berater Elon Musk den konservativen Kandidaten bei der wichtigen Richterwahl im US-Bundesstaat Wisconsin unterstützt. Nun ist klar: Er hat verloren.
Orbáns Regierung nimmt bestimmte Doppelstaatler ins Visier: In Ungarn soll es künftig möglich sein, dass manchen Doppelstaatlern vorübergehend die ungarische Staatsbürgerschaft entzogen werden kann. Kritiker sehen in dem Vorhaben ein Instrument gegen Regierungsgegner.
Netflix meldet fast hundert Millionen Abrufe für »Adolescence«: Seit knapp drei Wochen ist »Adolescence« bei Netflix zu sehen. Nun hat der Streamingdienst Daten zum Erfolg der Miniserie veröffentlicht.
Heute bei SPIEGEL Extra: Bringt böse mehr Rendite?

Thomke Meyer / DER SPIEGEL
Seien Sie ehrlich: Haben Sie sich schon mal gefragt, ob sich Sünde lohnt, also finanziell? Nehmen wir zum Beispiel Rüstungsaktien. Firmen wie Rheinmetall, Hensoldt oder Renk waren für Anleger mit moralischem Gewissen lange ein No-Go. Und heute? Auch andere Fonds versprechen mit Investitionen in Tabak oder Alkohol hohe Gewinne. Was dahintersteckt.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihre Özlem Topçu, Ressortleiterin Ausland