Tuusula, Finnland
Wir simulieren einen Drohnenangriff, hier am idyllischen Tuusula-See, nördlich von der finnischen Hauptstadt Helsinki – bei frischen minus 13 Grad.
Janita Hämäläinen, SPIEGEL:
»Wir sind hergereist, um genau diese Frage zu beantworten: Wie sichern wir uns eigentlich gegen Drohnenangriffe? Und sind die Angreifer nicht eigentlich schon immer einen Schritt voraus, vor den Entwicklern? Wir treffen hier das Team von Mikko Hyppönen. Er ist Cybersecurity-Experte – so etwas wie eine Legende in seinem Feld.«
Janita Hämäläinen, SPIEGEL:
»Was ist das Besondere an diesem System?«
Mikko Hyppönen, Chefentwickler Sensofusion:
»Wir haben hier ein sehr breites Spektrum an Funkverkehr, das wir verfolgen können. Das ist der vielleicht wichtigste Vorteil: Wir können deshalb viele unterschiedliche Drohnenmodelle erkennen – einfach, weil wir seit einigen Jahren in der Ukraine tätig sind und dort genau die Drohnen beobachten können, die wirklich an der Front eingesetzt werden.«
Mikko Hyppönen, Chefentwickler Sensofusion:
»So! Wenn wir uns diese Karte anschauen, sehen wir die ganze Umgebung hier. Und da fliegt jetzt also eine Drohne. Wir beobachten den Funkverkehr und schließen daraus, wo sich die Drohne bewegt. Wir sehen in Echtzeit, dass sie sich über den See bewegt. Und: Wir sehen alle Informationen über die Drohne, einschließlich Typ und Seriennummer. Und vor allem sehen wir auch, wo sich der Pilot befindet. Die Verbindung zwischen dem Piloten und der Drohne kann dann durch Funkstörungen unterbrochen werden.«
Das Drohnenabwehrsystem »Airfence 7« des Unternehmens Sensofusion, das wir hier testen, knüpft – wenn man so will – an eine alte finnische Innovation an. Eine gewiefte Abwehrmethode aus dem sogenannten Winter- und Fortsetzungskrieg gegen die Sowjetunion.
Die sowjetischen Angreifer waren damals militärisch weit überlegen – also mussten die Finnen improvisieren: Sie machten ferngesteuerte Minen der Sowjets unbrauchbar, indem sie auf deren Funkfrequenz eine bekannte Polka abspielten – in Dauerschleife.
Mikko Hyppönen, Cybersecurity-Experte:
»Die Säkkijärvi-Polka. Das, was wir heute mit Jamming-Technologien machen, ist genau dasselbe. Wir suchen die Frequenz und »schreien« quasi ein lauteres Störsignal darauf. Wir senden jetzt keine Säkkijärvi-Polka, aber die Idee ist dieselbe.«
Mikko Hyppönen ist eigentlich kein Rüstungsprofi. Der Mann mit dem Pferdeschwanz berät seit den Neunzigerjahren Regierungen und Unternehmen auf der ganzen Welt zu Cyberangriffen. Unterwegs zeigt er uns plötzlich die Geburtsstätte seiner Karriere:
Mikko Hyppönen, Cybersecurity-Experte:
»Das ist meine alte Schule und hier habe ich zum ersten Mal einen Computer benutzt und zum ersten Mal programmiert. Da war ich zwölf oder dreizehn. Wir hatten damals die »Mikro-Mikko«-Computer von Nokia – was ich natürlich cool fand, da ich ja auch Mikko heiße. 1984 bekamen wir dann einen Commodore 64. Meine Mutter kaufte ihn zusammen mit ihren Kollegen – und so waren wir die erste Familie in der Nachbarschaft, die einen Computer zu Hause hatte, und ich fing an, damit zu programmieren. Auf diesem Weg bin ich immer noch.«
Erst jüngst führte dieser Weg dann ins Drohnenabwehr-Business.
Mikko Hyppönen, Cybersecurity-Experte:
»Vor fünf Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich einmal in der Rüstungsindustrie arbeiten würde. Aber in den letzten Jahren hat sich das Ansehen dieser Branche völlig verändert. Wir haben Krieg in Europa. Und wir brauchen eine bessere, modernere Verteidigung. Ich empfand es als eine Art Pflicht, meine Fähigkeiten in diesem Bereich einzusetzen.«
Janita Hämäläinen, SPIEGEL:
»Und ist die Ähnlichkeit zur Cybersicherheit dann, dass auch hier die Angreifer im Grunde immer einen Schritt voraus sind?«
Mikko Hyppönen, Cybersecurity-Experte:
»Ja, genau. Ich habe Jahrzehnte mit solchen Katz-und-Maus-Spielen verbracht. Auf der Cyber-Seite entwickeln Angreifer neue Arten von Malware oder neue Angriffscodes, in denen man ein Muster finden muss, um sie untersuchen und erkennen zu können. Danach kann man sich aber vor weiteren Angriffen schützen. Der Wettlauf ist derselbe, in der Informationssicherheit und in der Drohnenabwehr.«
Der Ukrainekrieg zeigt, wie rasant sich die Technik auf dem Schlachtfeld weiterentwickelt. Die Mehrheit der Drohnen wird per Funk gesteuert, doch zuletzt setzte Russland vermehrt Glasfaserdrohnen ein. Sie fliegen ganz ohne Funksignal – Pilot und Drohne sind mit solchen hauchdünnen Glasfasern verbunden.
Mikko Hyppönen, Cybersecurity-Experte:
»Das hier ist zum Beispiel eine zehn Kilometer lange Glasfaserkapsel. Die ist schwer und verbraucht viel Akku. Sie ist schlechter als eine Funkdrohne, aber wenn die Funkverbindung nicht funktioniert, werden sie eingesetzt. Ich vermute, sie werden bald durch vollautonome Drohnen ersetzt, bei denen es überhaupt keinen Piloten geben wird.«
Im Labor arbeitet das Team deshalb an verschiedenen Formen der Drohnenabwehr. Die Firma »Sensofusion« will – wie der Name schon sagt – Drohnen mithilfe unterschiedlicher Sensoren aufspüren. Dieser Prototyp testet das »Sehen« mit sogenannten Event-Kameras.
Ahti Helminen, Softwareingenieur:
»Der größte Vorteil dieser Kameras ist: Es spielt keine Rolle, wie viel Licht vorhanden ist. Sie funktioniert nachts genauso gut wie tagsüber. Und dann gibt es noch einen weiteren Vorteil: Sie zeigt sehr deutlich, wenn sich etwas bewegt. Wenn Dinge an Ort und Stelle bleiben, wie Mikko dort im Hintergrund, ist er kaum zu sehen. Aber sobald er sich bewegt, treten diese Veränderungen auf. Wenn also irgendwo eine Drohne fliegen würde, würde sie hier eine sehr deutliche Linie hinterlassen. Die können wir auch aus großer Entfernung gut erkennen.«
Das Labor ist für fast alles ausgerüstet. Fehlt mal ein Bauteil, fertigen es die Entwickler selbst. Das Team im finnischen Vantaa ist international – unter den Codern treffen wir auch einen Deutschen: Julian Laudan, den es aus Lüneburg in den noch höheren Norden gezogen hat.
Julian Laudan, App-Entwickler:
»Also, wir haben in Deutschland echt einige wirklich starke Unternehmen, die in der Branche auch aktiv sind. Allerdings ist Finnland auch wirklich auf dem Gebiet hier Marktführer, und das liegt zum Teil halt auch daran, dass Finnland einfach eine sehr aufgeweckte Verteidigungsstrategie hat, was natürlich auch einfach durch die 1300 Kilometer Grenze mit Russland kommt. Also Finnland ist da sehr innovativ gebend.«
Im Labor wird auch an der Abwehr von solchen Drohnen gearbeitet, die nicht mit Störsignalen lahmgelegt werden können. Diese müssen schlicht mit einer anderen Drohne abgeschossen werden.
Mikko Hyppönen, Cybersecurity-Experte:
»Das ist so eine Abfangdrohne. In unseren Tests fliegt sie derzeit mit einer Geschwindigkeit von 350 km/h und fängt beispielsweise russische Geran-Drohnen in der Luft ab, rammt sie und bringt sie zum Absturz.«
Produziert wird der kleine Abfangjäger, der auch gegen Drohnenschwärme eingesetzt werden kann, per 3D-Drucker. So kostet seine Herstellung nur wenige Hundert Euro.
Mikko Hyppönen, Cybersecurity-Experte:
»Das ist wirklich eine sehr flexible Taktik: Hier gibt es Spulen, Kohlefaserkunststoff, und aus einer solchen Spule können wir eine große Anzahl von Drohnen herstellen. Das ist genau der Vorteil dieser Herstellungsmethode: Man kann jeden Tag neu entscheiden, was man braucht. Denn das haben wir in der Ukraine gelernt: Das Umfeld verändert sich ständig. Früher versuchte man, sich starr auf eine bestimmte Bedrohung vorzubereiten. Aber diese ändert sich, bevor deine Gegenlösung überhaupt fertig ist. Das ist der Grund, warum wir keine Abwehrdrohnen verkaufen. Wir verkaufen Abwehrdrohnenfabriken.«
Und so unscheinbar sieht der Prototyp einer On-Demand-Drohnenfabrik aus. In so einen Container passen acht bis zwölf 3D-Drucker. Hineinschauen dürfen wir nicht: streng vertraulich.
Mikko Hyppönen, Cybersecurity-Experte:
»Hier kommen unsere Systeme rein. Zwei Leute können an der Produktionslinie täglich Hunderte von Abwehrdrohnen produzieren. Und wenn wir die Systeme dann an strategischen Orten einsetzen, erzielen wir quasi einen Mauereffekt.«
Eine pragmatische Lösung für einen Plan, über den schon eine Weile geredet wird:
Mehrere EU- und Nato-Staaten haben ein mögliches Szenario für einen sogenannten »Drohnenwall« entwickelt – also ein mehrschichtiges Drohnenabwehrsystem entlang der gesamten Ostflanke.
Das »Airfence-7«-System, das Drohnen per Störsignal abwehrt, könnte Teil eines künftigen Drohnenwalls werden. Die Transportboxen stehen schon zur Auslieferung bereit. Wohin genau, bleibt unter Verschluss.
Die Kriegsgefahr in Europa ist nun Hyppönens tägliche Herausforderung – für den Finnen auch eine persönliche Zäsur:
Mikko Hyppönen, Cybersecurity-Experte:
»Von hier aus sind es zwei Stunden bis zur russischen Grenze. Wir sind Nachbarn eines sehr großen, sehr unberechenbaren Landes – eines Landes, gegen das wir schon einmal kämpfen mussten. Also ja: Das muss man ernst nehmen.«
Die Nachfrage nach Abwehrtechnik dürfte so schnell nicht abreißen. Preis pro Einheit europäischer Sicherheit: 160.000 Euro. Sensofusion plant, zu wachsen: Das finnische Drohnenabwehrunternehmen bereitet seinen Börsengang vor – voraussichtlich noch in diesem Jahr.

vor 2 Stunden
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