Jared Isaacman konnte sich ein wenig Spott nicht verkneifen. „Nach einer kurzen Pause von 54 Jahren ist die NASA wieder im Geschäft, Astronauten zum Mond zu senden“, erklärte der Chef der amerikanischen Raumfahrtbehörde auf einer Pressekonferenz nach dem Start der Mission Artemis II in der Nacht zum Donnerstag. Am Startgelände des Kennedy Space Center in Florida war es noch der 1. April, als die Amerikaner Reid Wiseman, Victor Glover, Christina Koch sowie der Kanadier Jeremy Hansen ihren knapp zehntägigen Testflug zum und einmal um den Erdtrabanten antraten.
Alle vier Besatzungsmitglieder des Raumschiffs vom Typ Orion, dessen Kapselsegment sie selbst den Namen „Integrity“ gaben, sind in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre geboren und Isaacman sogar erst 1983. Sie alle kennen die Mondflüge des Apollo-Programms zwischen 1969 und 1972 nur aus den Geschichtsbüchern, wie man so sagt, tatsächlich aber wohl erst mal aus dem Fernsehen – jenem Medium, in dem in ihrer Kindheit und Jugend auch die mehr als 700 Folgen der vier „Star Trek“-Serien liefen, in denen der angeblich typisch amerikanischen Faszination für den Aufbruch des Menschen in die weitesten technisch noch irgendwie erreichbaren Fernen so ausgiebig gefrönt wird wie sonst kaum irgendwo.
Die Symbolik ist wichtig
„To boldly go where no one has gone before“, hieß es in der Eröffnungssequenz der Originalserie. Tatsächlich versäumt kein Bericht über Artemis II den Hinweis, Wiseman, Glover, Koch und Hansen würden die Menschen sein, die sich weiter von der Erde entfernen werden als irgendjemand vor ihnen: 406.841 Kilometer. Das sind zwar nur 670 Kilometer mehr, als sich die Crew von Apollo 13 entfernt hatte, aber die Symbolik ist wichtig, mindestens so sehr wie der Umstand, dass die Crew diesmal nicht nur aus weißen Männern mit militärischem Hintergrund besteht.
Die Begeisterung wird sich freilich irgendwann legen. Natürlich noch nicht mit Artemis III, dem Testflug einer Landefähre im Erdorbit, oder gar Artemis IV, wenn Amerikaner auch wieder auf der Oberfläche des Mondes landen und dort herumlaufen – und erst recht nicht, wenn sie das vor den Chinesen schaffen. Aber sollte es den USA gelingen, das Artemis-Programm tatsächlich wie geplant in eine permanente Präsenz von Menschen am Südpol des Mondes münden zu lassen, dann wird auch das irgendwann ebenso Routine werden wie heute der Betrieb der Internationalen Raumstation.
Die Neugier treibt den Menschen an
Der gerne erhobene Vorwurf, bemannte Raumfahrt sei doch nur ein PR-Spektakel mit nationalistischen Obertönen, greift daher zu kurz. Zwar mag sich Motivation, überhaupt erst mit Investitionen in diesen Sektor zu beginnen, politisch durchaus aus Überlegungen zur Beförderung nationalen Stolzes speisen. Doch dabei baut die Politik auf etwas anderem auf, dessen Realität sich nicht dadurch wegdiskutieren lässt, dass es auch zu so etwas wie „Star Trek“, den beiden Tim-und-Struppi-Bänden mit Mondreisebezug oder den Mond-Romanen Jule Vernes geführt hat: einem Drang des Homo sapiens in die Ferne. Er möchte aber nicht einfach nur wissen, wie es hinter der nächsten Bergkette – oder eben auf dem Mond – denn so aussieht, er möchte fühlen, wie es ist, dort zu sein, oder über dieses Gefühl von jemandem erfahren, der tatsächlich dort gewesen ist.
Hier wirkt natürlich auch immer die Neigung des Menschen zum Eskapismus. Im eigenen Tal gibt es immer Probleme, von denen man der Ansicht sein kann, ihre Lösung sei dringlicher, als was immer hinter jenen fernen Hügeln liegt. Doch ein Vorwurf wäre das nur, wenn Eskapismus ein Engagement fürs Hier und Jetzt notwendig behindert. Dieser Nachweis kann aber kaum erbracht werden, eher der für das Gegenteil: So haben uns die Weltraumträumereien der Raketenpioniere unter anderem die Satellitentechnik beschert, ohne die unser Wissen über den Klimawandel und seine Auswirkungen sehr viel fragmentarischer wäre.
Was die nun kommenden Mondflüge am Ende bringen werden und was durchgängig besetzte Stationen auf dem Mond und irgendwann auch auf dem Mars, das weiß heute niemand. Auch die Befürworter der Astronautik könnten sich hier nichts wirklich Konkretes ausmalen. Aber sie müssen das auch gar nicht. Im All und auf dem Mond im Besonderen haben wir vielleicht nichts verloren, aber beides ist da, und wir können hin. Und wer weiß, was wir dort finden.

vor 2 Stunden
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