Zwölf Meter. Das ist etwa so hoch wie ein dreistöckiges Haus – und wie die Startrampe, die Mia später mit ihrem Fahrrad erklimmen wird, um mit Karacho runterzufahren. Bei der Show »Masters of Dirt« springen Radprofis über meterhohe Schanzen und machen Stunts in der Luft. Manche starten auf Motorrädern oder Quads, andere auf Fahrrädern oder Inline-Skates. Mias Stunt-Begleiter: ein sogenanntes Dirtbike, eine Art Mountainbike mit tieferem Rahmen.
Diese Rampe rasen die Profis hinunter, um mit Vollspeed über die Schanze in den Airbag zu springen. Dabei dürfen sie sich weder von Flammenwerfern noch vom Publikum ablenken lassen.
Foto: Stefan Moesslacher»Ich mag Sportarten, die nicht jeder macht«, sagt Mia. Vor etwas mehr als vier Jahren startete sie mit der Disziplin Downhill. Dabei geht es darum, möglichst schnell einen Berg hinunterzufahren, mit steilen Abschnitten und engen Kurven. Eine Variation davon ist das sogenannte Dirt-Jumping. Dabei springen Sportlerinnen und Sportler mit ihren Fahrrädern über Lehmhügel. Auch Mia wollte das ausprobieren. Zu ihrem zwölften Geburtstag bekam sie ein Dirtbike und übte immer mehr Stunts. Schließlich lernte sie beim Training Georg Fechter kennen, den Gründer von »Masters of Dirt«. »Als er mich fragte, ob ich Lust hätte, Teil der Show zu sein, musste ich keine Sekunde überlegen – klar hatte ich Lust«, erzählt Mia.
Seitdem tritt Mia immer wieder bei Shows in verschiedenen Ländern auf. DEIN SPIEGEL trifft sie zum diesjährigen Tourstart in Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens. Gerade wird die Arena vorbereitet. Startrampe und Sprungschanze bilden eine U-Form. Dahinter werden riesige Airbags aufgepustet, die die Profis bei Stürzen schützen sollen. Sechs Lkw transportieren das Equipment zu jeder Show, Dutzende Helfer bauen alles auf und ab. Da die meisten Auftritte am Wochenende stattfinden, verpasst Mia fast keinen Unterricht. Geprobt wird direkt vor den Shows. Deshalb sind Mia und die anderen aus dem Team bereits am Vorabend aus Wien angereist.
Zu Hause trainiert Mia überwiegend in einem Bike-Park auf speziellen Pumptracks. Solche Pisten bestehen aus vielen aufeinanderfolgenden Lehmhügeln. Indem Sportlerinnen und Sportler über die Piste brettern, bauen sie immer mehr Schwung auf. »Die Bedingungen dort sind komplett anders als hier. Alles voller Lehm, aber keine meterhohe Schanze«, sagt Mia. Ihr Lieblingstrick: der »Backflip«, ein Rückwärtssalto. »Sieht kompliziert aus. Aber eigentlich muss man sich nur nach hinten kippen lassen und Körperspannung halten«, erklärt Mia. Um einen neuen Stunt zu üben, schaut sie sich Videos von anderen Bike-Profis an. »Und dann einfach so lange probieren, bis es klappt.«
Heute Vormittag steht ein Physiotermin an. Ein Physiotherapeut begleitet das Team während der Tour. Er ist zur Stelle, wenn jemand sich den Knöchel verdreht oder eine Verspannung am Rücken hat. Mia begrüßt ihn und legt sich auf eine Liege. Der Physiotherapeut beginnt, ihre Nackenmuskulatur durchzukneten. »Good luck«, wünscht er zum Abschied, viel Glück.
»Zehn Minuten bis zur Probe«, ruft jemand von draußen. Mia zieht sich ihre Schutzkleidung an: Knie- und Ellbogenschoner, Protektoren über Brust und Rücken. Darüber trägt sie ihr neues Trikot und eine weite Jeans. »Mal sehen, wie lange die mitmacht. Meine Hosen reißen dauernd«, sagt Mia und lacht. Dann noch spezielle Radschuhe, deren Sohlen gut auf den Pedalen haften bleiben, und das Outfit steht.
Bevor Mia aufs Rad steigt, wärmt sie sich auf: ein paar Ausfallschritte, 20 Liegestütze, Hampelmänner. Gerade läuft einer ihrer Stunt-Kollegen den Flur entlang. Die beiden begrüßen sich per Faustschlag, wechseln ein paar Worte. Außer Mia ist nur eine weitere Bikerin dabei. Überhaupt ist die Downhill-Szene eher männlich. Auch deshalb fällt es Mia schwer, sich nicht andauernd zu vergleichen. »Alle, die hier mitfahren, haben echt viel drauf. Wenn ich Selbstzweifel habe, erinnert mich mein Papa daran, dass ich nicht ohne Grund hier bin und an mich glauben muss. Zum Glück sind alle im Team so hilfsbereit, ich kann jede Menge lernen.«
Fertig aufgewärmt. Mia nimmt Helm und Wasserflasche und drückt die schwere Tür zur Arena auf. Drinnen ist es laut, das Knattern der Motoren hallt von den Wänden wider. Gerade proben die Motorradfahrer. An der Seite der Halle stehen die Fahrräder. Mias Vater Florian zieht mit einem Schraubenschlüssel die Pedale fest. »Ich bin Werkstatt, Papa, Coach – alles in einem«, sagt er. Florian ist bei fast allen Shows dabei und fährt selbst Downhill. »Das ist gut, so mache ich mir keine Sorgen. Mia weiß schon, was sie tut.«
Jetzt sind die Fahrräder an der Reihe. Die Sportler klemmen ihre Bikes unter die Arme und steigen nacheinander die 60 Stufen der Startrampe hoch. Die Konstruktion besteht aus aneinander befestigten Leitern, umgeben von einer Art Baugerüst. Je höher man kommt, desto mehr schwankt alles. Von oben sehen die Arenasitze klein aus. Mias Tipp gegen Höhenangst: »Volle Konzentration aufs Ziel, einfach machen. Dieser Sport ist vor allem Kopfsache. Das Gefühl, wenn man sich überwunden hat, ist unbeschreiblich.«
Oben auf dem Startturm steht ein Mann mit einem Headset. Er gibt den Profis das Startzeichen. Als Nächste ist Mia dran. Sie steigt auf ihr Bike und schießt mit Schwung über die Schanze. In der Luft klemmt sich Mia das Fahrrad zwischen die Beine und streckt für einen kurzen Moment die Arme zu beiden Seiten. »Suicide-No-Hander«, heißt dieser Trick.
Kurz vor dem Boden zieht Mia mit beiden Händen den Lenker zu sich. Trotzdem misslingt die Landung, Rad und Fahrerin kommen seitlich auf. »Der Airbag, auf dem wir landen, sieht weich aus. Deshalb wirkt es so, als ob Stürze nicht wehtäten. Aber das stimmt nicht«, sagt Mia und reibt sich den Rücken. »Hauptsache, das Bike fällt nicht auf den Körper. Lenker und Pedale will man nicht mit voller Wucht in den Körper gerammt kriegen.« Ihr schlimmster Sturz passierte vergangenen Sommer. Dabei brach Mia sich den Fuß und musste ein halbes Jahr aussetzen. »Es war schlimm, so lange nicht trainieren zu können. Ich konnte es kaum erwarten, wieder loszulegen«, erzählt sie. Heute ist Mias erster Auftritt nach der unfreiwilligen Pause.
Probe beendet. Die Sportler schieben ihre Bikes in den Seiteneingang der Arena. Ein Stockwerk darüber bereitet das Catering-Team Mittagessen in großen Warmhaltebehältern vor. Inzwischen füllt sich die Halle. Es riecht nach Popcorn, das in Tüten verkauft wird, Kinder und Erwachsene suchen ihre Plätze, auf Leinwänden läuft Werbung. Sind Tricks vor Publikum schwieriger? »Wenn ich auf dem Startturm stehe, blende ich alles um mich herum aus. Erst nach dem Sprung höre ich den Applaus und realisiere, wie viele Menschen mir zusehen«, erzählt Mia.
Es wird dunkel. Die Show beginnt. Scheinwerfer tauchen die Arena in rotes und lila Licht, die Musik wird lauter. Die Biker fahren nacheinander durch die Arena, werden vom Publikum beklatscht und bejubelt. Bei den ersten Sprüngen lässt es Mia ruhig angehen. Ein freihändiger Sprung, ein »No-Hander«, dann sind wieder die Motorräder dran. Flammenwerfer stoßen Feuerfontänen in die Luft.
Im Finale der Show sollen alle Radprofis nacheinander springen, mit nur wenigen Sekunden Abstand zwischen den Tricks. Mia startet als Letzte. Sie fliegt durch die Luft, zieht den Lenker zu sich – und legt einen sauberen Rückwärtssalto hin. Unten wird sie von den anderen Sportlern empfangen. Alle klopfen sich gegenseitig auf die Schultern, klatschen sich ab, die Stimmung ist ausgelassen.
Völlig losgelöst: Mia fliegt bei der Show in Zagreb durch die Halle.
Foto: Vladimir Zivojinovic / DEIN SPIEGELDer Backflip hat geklappt. Doch mit der Landung ist Mia nicht richtig zufrieden. »Jetzt heißt es: üben«, sagt sie und zuckt die Achseln. »Es kommen ja noch 20 Shows. Das nächste Mal wird noch besser!«
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