Bühnennebel füllt den weitläufigen Konzertraum im Berliner Radialsystem, in dem die Besucher dicht gedrängt auf dem Boden sitzen. Dann wird es dunkel, sodass man sich voll auf die sanften Klänge der von Maria Kalesnikava gespielten Bassflöte konzentrieren kann. Die Flötistin kam als eine der prominentesten Gegnerinnen des belarussischen Diktators Alexander Lukaschenko im Dezember des vergangenen Jahres nach mehr als fünf Jahren politischer Gefangenschaft frei und kehrt nun zu ihren Wurzeln zurück – zur klassischen und neuen Musik, die sie in Minsk und Stuttgart studiert hatte.
In der Uraufführung ihrer knapp einstündigen Performance mit dem Titel #freemaria am Donnerstagabend verbindet sie politischen Freiheitskampf und Liebe zur Kultur. Nicht zuletzt half diese ihr dabei, die Gefangenschaft zu überleben. „Der siebte neunte Zwanzigzwanzig. Der Tag, an dem ich meine Freiheit verlor. Oder nicht?“ Mit diesen Worten beginnt sie ihren eindrücklichen Monolog, den sie souverän auf Deutsch vorträgt, ihre Handgelenke von einer dicken Metallkette umwickelt. Vier von oben kommende Lichtkegel formen einen etwa zwei mal drei Meter großen Kasten auf dem Parkettboden, der die frühere Gefängniszelle der Musikerin darstellt.
Kalesnikava trägt schwarze Kleidung und ihre charakteristische platinblonde Kurzhaarfrisur. Nur ihr roter Lippenstift, ein weiteres Markenzeichen, fehlt an diesem Abend. Der war in der Haftanstalt freilich verboten. Ihr Körper sei eingesperrt gewesen. „Aber meine Gedanken nicht. Meine Seele nicht. Meine Musik nicht.“ Eigentlich sei sie nie dort in der Zelle gewesen, denn sie habe ihr eigenes Universum aufgebaut, schildert Kalesnikava. Am Ende sei die Liebe stärker als die Angst.
Am manchen Stellen wirkt die Performance sehr plakativ
Das Konzept der vom Berliner Tanzensemble Sasha Waltz & Guests produzierten Performance für Kalesnikava hat der Regisseur Jochen Sandig erarbeitet. Sie kreist um das Verhältnis von innerer und äußerer Freiheit zueinander – wie man es schafft, trotz Gefangenschaft seinen Lebenswillen zu bewahren. Demonstrativ entfernt die ehemalige politische Gefangene die Kette von ihren Handgelenken und schleudert sie zu Boden. An solchen Stellen wirkt die Performance fast schon zu plakativ. Womöglich wären hier die starken, klaren Worte Kalesnikavas genug gewesen.
Die Künstlerin spielt im Laufe des Abends drei sehr unterschiedliche Stücke: den dritten Satz aus Johann Sebastian Bachs Partita in a-Moll für Flöte (BWV 1013), eine ihr persönlich gewidmete Komposition des kürzlich verstorbenen belarussischen Komponisten Viktor Copytsko und eine experimentelle Improvisation mit pfeifenden, an Atemgeräusche erinnernden Klängen. Aus einem in der projizierten Zelle platzierten schwarzen Quader holt sie nicht nur ihr Instrument, sondern auch einen großen Stapel Bücher. Letztere seien ihre Flucht gewesen, erzählt sie, sie hätten ihr in Gefangenschaft eine Rückkehr zu ihr selbst ermöglicht – nicht durch Hoffnungen auf ein Happy End, sondern durch ihre Klarheit und die Einsicht, dass am Ende die Vernunft siegen werde.
Sie liest aus „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ des österreichischen Psychiaters Viktor Frankl, der darin seine Erfahrungen in Konzentrationslagern verarbeitet. Solschenizyn, Mandela, Konfuzius, Fromm, Orwell, Spinoza – über 700 Bücher habe sie während ihrer Haft gelesen und sogar zwei geschrieben, die sie allerdings nicht mit in die Freiheit nehmen konnte, so Kalesnikava. Deshalb habe sie sich nun vorgenommen, gleich vier zu veröffentlichen.
Daneben hätten ihr das Zeichnen und die vielen Briefe mit Solidaritätsbekundungen geholfen, dazu das Singen und das Tanzen zu Radiosongs von Sting, Adele und den Rolling Stones, die sie während der Haft manchmal mit dem Radio empfangen konnte. Und der Humor, den bisweilen selbst die Wärter an den Tag gelegt hätten, wenn sie etwa scherzten, Kalesnikavas Gefängnisuniform sei nicht in Ordnung, da ihr roter Lippenstift fehle.
Am Ende erhebt sich das Publikum vom Boden, klatscht minutenlang und zollt der Agitatorin für die innere Freiheit Respekt, die derweil mit ihren Händen ein Herzsymbol formt – ein weiteres ihrer Markenzeichen. Stärke hat Kalesnikava an diesem Abend gezeigt, eine ansteckende Liebe zum Leben sowie den Mut, gegen die sich ausbreitenden totalitären Tendenzen in dieser Welt einzustehen. Doch vielleicht wäre ihre Botschaft ohne die überdeutliche performative Inszenierung, allein mit ihrer Musik und ihren Worten, noch ansteckender gewesen.

vor 2 Stunden
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