Einen Festivaltanker wie das Lucerne Festival nach einem Vierteljahrhundert erfolgreicher Leitung unter Michael Haefliger auf Kurs zu halten, ist kein leichtes Unterfangen. Die drei Eröffnungskonzerte ließen jetzt aber erkennen: Der Start in die Zukunft ist dem neuen Intendanten Sebastian Nordmann, mit ein paar Abstrichen, insgesamt geglückt. Das im Hinblick auf die 250-Jahr-Feier der USA gewählte Festivalthema „American Dreams“, das schon vor drei Jahren feststand, fungierte dabei als Initialzündung. Mit unvorhersehbarem Effekt, denn inzwischen war Trump an die Macht gelangt, worauf in den Medien die Meinung die Runde machte, der amerikanische Traum sei jetzt ausgeträumt und das Thema damit ein Rohrkrepierer. Für Nordmann war das eine Steilvorlage, wie er rückblickend festhält. „Als alle sagten, da geht nichts mehr, dachte ich: Jetzt erst recht. Da muss man auch ein bisschen Gegenwind aushalten.“ Er stellte sich den kritischen Fragen, und plötzlich diskutierte die halbe Schweiz über das Lucerne Festival. Eine bessere Gratiswerbung ist nicht denkbar.
Nordmann, ein Kommunikationsprofi, ist sichtlich darum bemüht, das Festival noch stärker als bisher in der Öffentlichkeit zu verankern und neues Publikum gerade unter dem Nachwuchs zu generieren. Es gab ein Vorkonzert mit Sarah Willis und dem Havanna Lyceum Symphony, das Eröffnungskonzert wurde per Video ins Freie übertragen, die für jedermann zugängliche Generalprobe moderierte Nordmann persönlich. Für die Sitzreihen auf der Rückseite der Bühne richtete er eine „Fankurve“ ein, wo man für zweihundert Franken ein Abo für vier Symphoniekonzerte nach Wahl buchen konnte; das Angebot war im Nu ausverkauft. In den obersten Preiskategorien – die Spanne reicht von 40 bis 320 Franken – kann man eine Kinderkarte für zehn Franken dazubuchen. Nordmann geht ins Risiko, doch die Preispolitik scheint zu funktionieren. Auch die teuren Orchestergastspiele sind praktisch ausverkauft. Nordmann will diese Reihe ausbauen mit dem Ziel, Luzern dauerhaft einen Platz unter den weltbesten Orchesterfestivals zu sichern.
Der neue Intendant: Sebastian NordmannMarco BorggreveUnter dem inzwischen nicht mehr umstrittenen Motto des „American Dream“ rückt in den kommenden dreieinhalb Wochen eine Musikkultur ins Blickfeld, die zwar von Europa inspiriert wurde, sich aber inzwischen zu einer Vielfalt von eigenen Traditionslinien aufgefächert hat. Die inneramerikanische Diskussion dieser Thematik hat sich im letzten Jahrzehnt zur Streitfrage über die „white supremacy“ in der Musik zugespitzt. Mit welcher Heftigkeit die Debatte geführt wird, lässt sich in der 2020 erschienenen Publikation „Dvořák’s Prophecy and the Vexed Fate of Black Classical Music“ von Joseph Horowitz nachlesen. So tief in die aktuellen amerikanischen Befindlichkeiten taucht das Luzerner Festival allerdings nicht ein, doch es setzt mit seiner Werkauswahl immerhin einen erfrischenden Kontrapunkt zum festivalüblichen europäischen Hochkulturangebot. Und dies, ohne in die Flachgebiete einer populistischen Ästhetik abzugleiten.
In den Bemühungen um ein Verständnis zwischen Europa und USA gibt es bekanntlich manche Stolperfallen – auch musikalisch. Anschauungsunterricht erhielt man gleich im Eröffnungskonzert, das in Anwesenheit der amerikanischen Botschafterin stattfand. Nach Steve Reichs „New York Counterpoint“ in der Fassung für elf Klarinetten folgte erst einmal die traditionelle Festansprache des Schweizer Bundespräsidenten. Guy Parmelin, Weinbauer vom Genfersee und in seiner Funktion als Wirtschaftsminister federführend bei den Zollverhandlungen mit der Trump-Administration, gewann dem Festivalthema auch eine heitere Seite ab und brachte den Saal zum Lachen, als er mit Hinweis auf die verbindende Kraft der Musik meinte, passender als Symphonie und Jazzmusik sei momentan der Walzer, bei dem man sich doch so schön im Kreis drehen könne.

Musikalisch ging es danach mit dem Lucerne Festival Orchestra unter seinem Chef Riccardo Chailly und afrokubanischen Rhythmen weiter. George Gershwins „Cuban Ouverture“, komponiert 1932 nach einem Kubaaufenthalt, verrät Gershwins symphonische Ambitionen, was Chailly leider dazu verleitete, Klangentfaltung und Farbenpracht über Transparenz und Leichtigkeit zu stellen. Auch das 1925 entstandene Klavierkonzert von Gershwin wollte nicht recht in die amerikanischen Gänge kommen. Am Solisten Frank Dupree, der seinen Part mit ansteckender Vitalität und technischer Bravour spielte, lag es nicht, wohl aber an der viel zu großen Besetzung der Streicher, die der jazzig-saloppen Gestik bei Gershwin völlig im Wege stand. Mit der quasi sportlichen Gangart schien das Orchester ohnehin zu fremdeln.
Mit der selten gespielten Ersten Symphonie von Charles Ives demonstrierte das Festival nach der Pause Mut zum Nicht-Repräsentativen innerhalb eines festlich-repräsentativen Rahmens. Das Werk entstand noch unter der strengen Aufsicht seines Lehrers Horatio Parker, was dem etwas schulmäßigen Kopfsatz deutlich anzuhören ist. Doch in manchen Details kündigt sich Ives' konventionssprengende Fantasie bereits unüberhörbar an: Gleichzeitigkeit des Nichtkompatiblen, sperrige Polyphonien, abrupte Kontraste. Chailly verstand die disparaten Elemente gekonnt zu einem symphonischen Ganzen zu formen.

Im Symphoniekonzert tags darauf unter Klaus Mäkälä war das Lucerne Festival Orchestra nicht wiederzuerkennen, konnte es doch in Strawinskys Ballettmusik zum „Feuervogel“ seine überragenden Qualitäten ungehindert ausspielen. Der interpretatorische Höhepunkt lag nicht auf dem üblichen triumphalen Finale, sondern auf dem ersten Drittel. Wie hier die kammermusikalischen Klanggestalten durch die perfekt aufeinander abgestimmten Instrumentengruppen zu klanglichen Preziosen geformt wurden, war schlicht eine Hörsensation. Nicht weniger faszinierend war das Spiel von Augustin Hadelich, „artiste étoile“ des Festivals, im vorangehenden Violinkonzert von Samuel Barber. Sein in allen Lagen ausgeglichener, seidener Ton, gepaart mit technischer Brillanz und überschießender Spielfreude, brachte ihm die Ovationen des Publikum ein.
Im zeitgenössischen Bereich bleiben die bestehenden Strukturen weitgehend unangetastet, doch mit der Ernennung des Komponisten, Klarinettisten und Dirigenten Jörg Widmann zum neuen Leiter der Festival Academy ändert sich inhaltlich einiges. So soll etwa der abgehobene Insidercharakter der „Forward“-Reihe im November aufgebrochen werden.
Dass das dritte Eröffnungskonzert Wolfgang Rihm, dem 2024 verstorbenen ehemaligen Leiter der Festival Academy, gewidmet war, unterstreicht sodann die Rolle, die die zeitgenössische Musik auch künftig im Festival einnehmen wird. Auf dem Programm stand Rihms abendfüllendes Werkkonvolut „Tutuguri“ aus den frühen Achtzigerjahren. Das von Antonin Artauds Fieberphantasien inspirierte Werk besteht aus einer chaotischen, aus einer Bauchlogik heraus konzipierten Abfolge roher Materialien und ist mit seiner Dauerlautstärke und den brutalen Schlagzeugexzessen im Wortsinn von niederschmetternder Wirkung auf den Hörer. Die Nachwuchsmusiker der Academy stellten sich der Herausforderung mit Begeisterung, angefeuert durch Widmann, der die Energieausbrüche mit vollem Körpereinsatz koordinierte und zugleich entfesselte. Vielleicht handelt es sich hier, wie Widmann meint, wirklich um ein zentrales Werk des 20. Jahrhundert, mit einiger Sicherheit aber um das lauteste.

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