Lage in der Ukraine: Eine Drohung, die wirkt wie ein Angriff

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Russlands Angst vor einem Luftangriff am 9. Mai scheint so groß wie nie zuvor. Damit haben die Drohungen aus Kyjiw ihren Zweck schon jetzt erfüllt. Der Wochenrückblick

8. Mai 2026, 18:21 Uhr

 Gesperrtes Tor vor dem Roten Platz in Moskau am 29. April
Gesperrtes Tor vor dem Roten Platz in Moskau am 29. April © Ramil Sitdikov/​Reuters

Morgen wird Wladimir Putins besonderer Tag des Triumphs ein Jahr her sein. Am 9. Mai 2025 zelebrierte der russische Staatschef weniger den 80. Jahrestag des Sowjetsieges über Nazideutschland, als die von ihm selbst geschaffene Gegenwart: Vor der Kulisse roter Flaggen und hochdekorierter Offiziere führte Putin dem Westen vor, wie sehr dieser darin versagt hat, Russland international zu isolieren. Mehr als 20 ausländische Staats- und Regierungschefs werteten den Feiertag damals auf, darunter Chinas Staatsoberhaupt Xi Jinping, Präsident Lula aus Brasilien und Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro.

In den Monaten zuvor hatte Russlands Armee in Kursk die ukrainischen Truppen aus russischem Staatsgebiet verdrängt und machte zunehmende Fortschritte im Donbass. Russlands Rüstungsindustrie verhinderte eine Rezession. Der neue US-Präsident Donald Trump demütigte seine Verbündeten und beendete die Waffenlieferungen an die Ukraine. Putins schöne neue Welt – im Mai 2025 war sie zum Greifen nah.

Exakt ein Jahr später ist von diesem Eindruck kaum noch etwas übrig, was auf dem Roten Platz präsentiert werden könnte. Erstmals seit fast 20 Jahren wird keine Militärtechnik bei der Parade eingesetzt. Weder Xi befleißigt sich, nach Moskau zu kommen, noch könnte es der inzwischen in US-Haft sitzende Maduro, selbst wenn er es wollte. Lediglich den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko, Malaysias König Ibrahim und Laos’ Staatschef Thongloun Sisoulith darf Putin als seine Gäste begrüßen. Und Monat für Monat muss sich Russland mit weniger Gebietsgewinnen an der Front zufriedengeben.

Die Wirtschaftsleistung schrumpft erstmals seit drei Jahren. Putins Umfragewerte sinken sogar in den Zahlen der staatlichen Institute, die sich daraufhin am Freitag lieber verfrüht in die Feiertage verabschiedeten und die Veröffentlichung der jüngsten Zahlen absagten. Mobilfunk- und Internetsperren erschweren den Moskauern im Namen der Sicherheit ihren Alltag. Sogar zwei Fotografen der staatlichen Nachrichtenagentur Tass wurden beim Fotografieren im Zentrum der Hauptstadt kurzzeitig festgenommen. Putins Welt – weder neu noch besonders schön.

Chinas Staatschef Xi Jinping mit Wladimir Putin und dem slowakischen Regierungschef Robert Fico am 9. Mai 2025 in Moskau © Evgenia Novozhenina/​Reuters

So nervös wie nie seit Kriegsbeginn zeigte sich die russische Führung in den Tagen vor dem Siegestag. In einem Telefonat mit Trump kündigte Putin eine Feuerpause um den 9. Mai herum an – ein Versuch, sich gegen ukrainische Angriffe abzusichern und indirekt mit dem Zorn des US-Präsidenten zu drohen.

Diesmal fand der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj jedoch einen Weg, die zur Waffenruhe umdeklarierte Schutzmaßnahme für Putins Fest abzulehnen, ohne dies aussprechen zu müssen: Er erklärte eine von der Ukraine einseitig angebotene Waffenruhe ab dem 6. Mai zum Test dafür, ob sich die ukrainische Armee an Putins Feuerpause halten müsse. Russland ignorierte erwartungsgemäß den ukrainischen Vorschlag – und öffnete Selenskyj damit die Möglichkeit, einer Drohung Folge zu leisten, die er kurz zuvor ausgesprochen hatte: »Ukrainische Drohnen könnten ebenfalls bei der Parade fliegen«, sagte er am Montag bei einem Gipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft in der armenischen Hauptstadt Jerewan.

Einen Tag später löste ein ukrainischer Luftangriff erstmals seit Kriegsbeginn Raketenalarm 500 Kilometer hinter dem Uralgebirge aus. Russlands Außenministerium empörte sich über den freundlichen Empfang, den der »Terrorist« Selenskyj in Armenien erhalten habe; der armenische Regierungschef Nikol Paschinjan, vor einem Jahr noch neben Putin auf dem Roten Platz, stellte nüchtern klar: »Beim Thema Ukraine sind wir kein Verbündeter Russlands.«

In der Nacht zum Donnerstag meldete Russland den bislang zweitgrößten ukrainischen Drohnenangriff. In der Nacht zum Freitag wurden laut Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin 27 Drohnen in der Hauptstadtregion abgeschossen. Wird die Ukraine am 9. Mai tatsächlich das bislang Undenkbare tun und Moskau attackieren? Ausgerechnet am Jahrestag des Sieges über jene Faschisten, mit denen Putin die ukrainische Führung seit Jahren gleichsetzt?

Aus militärischer Sicht wäre das pure Materialverschwendung. Moskau ist mit einem dichten Netz aus Flugabwehrsystemen geschützt; Russlands Propaganda könnte eine Attacke, sollte sie es wollen, mit Leichtigkeit in einen weiteren Beleg für die angeblich terroristische Natur des »Selenskyj-Regimes« ummünzen. Jede Kaserne, jedes Öldepot ist nicht nur schlechter geschützt als die Hauptstadt, sondern wäre auch ein deutlich sinnvolleres Ziel. Doch mag ein Angriff auf Moskau am Samstag militärisch sinnlos sein: Allein mit dessen Androhung – und damit, dass Putin sie offensichtlich ernst nimmt – hat die Ukraine bereits einiges erreicht.

Pantsir-Flugabwehrsystem auf dem Dach des russischen Verteidigungsministeriums in Moskau am 5. Mai © Alexander Nemenov/​AFP/​Getty Images

Denn der 9. Mai ist nicht irgendein Staatsfeiertag, sondern der Tag, an dem Putin seine Weltsicht mithilfe eines seit Jahren perfektionierten Rituals der Gegenwart aufzwingt, mehr noch: die Gegenwart zur Fortsetzung der Vergangenheit umdeklariert und seinen Machtanspruch besiegelt. Denn mit dem sowjetischen 9. Mai hat Putins Version der Siegesfeier nicht mehr viel zu tun. Das Gedenken an den Weltkrieg und die Trauer um die Toten ist längst einem mit Panzern, Flaggen und pathetischen Reden befeuerten Hurra-Patriotismus gewichen.

Den letzten Schliff erhielt Putins 9. Mai im Jahr 2022, wenige Monate nach dem Einmarsch in die Ukraine, an dem er in einer langen Rede den Angriff auf das angebliche Brudervolk zur Fortsetzung des Kampfes gegen westlichen Faschismus erklärte. In diesem Kampf findet seine Herrschaft, die den Russinnen und Russen weder Wohlstand noch Sicherheit zu geben vermag, ihre Legitimation – so wie auch Putin seinen eigenen Anspruch auf den Kreml nicht mit Zukunftsvisionen, sondern einem Appell an die Vergangenheit begründet: »Wir wissen, was es heißt, würdig der Taten unserer Vorgänger zu sein«, sagte er am 9. Mai 2023 auf dem Roten Platz.

Diese Deutung Putins wird zwar zum 9. Mai stets besonders sichtbar, doch sein Land wird täglich davon geprägt. Die angeordnete Rückkehr des Stalin-Kults, mit mehr als 100 landesweit neu errichteten Denkmalen für den Diktator. Putins Unverständnis angesichts des Unmuts, mit dem die Russen auf Verbote von Apps und zunehmende staatliche Überwachung reagieren. Der Traum von einem Russland als Supermacht in alter Machtfülle. All das zeigt: Die am 9. Mai ritualisierte Sehnsucht nach der Vergangenheit scheint zum zentralen Motivator fast jedes staatlichen Akts aufgestiegen zu sein.

Das gilt laut einer im April veröffentlichten Analyse des Portals Re:Russia auch für die Entscheidung zur Invasion der Ukraine. Putins Regime könne durchaus als militaristisch bezeichnet werden – doch dies bedeute nicht, dass Militärs darin besonders einflussreich seien. Vielmehr werde der Staat von »zivilen Militaristen« gesteuert: Ex-Geheimdienstlern wie Putin selbst. Diese zeichneten sich – nicht unähnlich den europäischen Eliten vor dem Ersten Weltkrieg – dadurch aus, sich »äußere Formen der militärischen Kultur: Eide, Symbole, Traditionen« anzueignen, besäßen aber nicht das militärische Verständnis von Berufsoffizieren.

Tradition und Symbole statt Kompetenz: Als Resultat dessen würden selbst »die wichtigsten Entscheidungen« der »zivilen Militaristen auf Grundlage ihres eigenen Verständnisses von Stolz und nationaler Würde« getroffen – und nicht auf Grundlage militärischer Realitäten. Das Ergebnis: Nach mehr als vier Jahren Krieg muss Putin beim US-Präsidenten anrufen, um seinen Wunsch eines störungsfreien Siegesfests erfüllt zu bekommen. Aus Angst vor Demütigung demütigt Putin sich selbst.

Der Ostcast - : Die Angst frisst sich in die russische Gesellschaft

Der russische Ex-Diplomat Alexander Baunow argumentiert: Jetzt, wo Russlands Krieg gegen die Ukraine länger anhalte als einst der deutsch-sowjetische Krieg, räche sich Putins Gleichsetzung der Invasion mit dem Kampf gegen Nazideutschland. Denn der Kampf gegen den Faschismus erfordere einen Sieg, dessen Fehlen durch nichts kompensiert werden könne. »Die Arena, in der Russland seine Überlegenheit demonstrieren wollte (…) hat sich in die Vitrine seiner Verwundbarkeit verwandelt«, schreibt Baunow.

Dem Unmut über immer weiter ins Land hineinreichende ukrainische Luftangriffe und die steigende Inflation begegne das Putin-Regime mit zunehmender Zensur und Repression. Das Leben in Russland verschlechtere sich spürbar – nur fehle der äußere Gegner, den das Regime zum Schuldigen dafür erklären könne. Über Sieger werde bekanntlich nicht gerichtet, schreibt Baunow. »Das heißt: Über Nicht-Sieger darf man richten. Und genau dieser Prozess hat in Bezug auf Putin begonnen.«

Wenn Putin also am 9. Mai die Vergangenheit beschwört, ist das mehr als ein Symbol. Es zeigt, wie die innere Welt des russischen Staatschefs sein Handeln steuert. Wenn Russland nun zum fünften Mal seinen Siegestag ohne Sieg feiert, ist es letztlich nicht entscheidend, ob die Ukraine am Siegestag tatsächlich Drohnen nach Moskau fliegen lässt oder nicht: Die Ukraine hat Putins Mai-Spektakel einen Großteil seiner Wucht genommen.


© Valentyn Ogirenko/​Reuters

1535 Tage seit Beginn der russischen Invasion


Das Zitat: Mobilmachung und Demobilisierung

Noch im Sommer will die ukrainische Führung das System der Mobilmachung reformieren. Präsident Selenskyj kündigte am vergangenen Freitag an, die Reform werde mit höherem Sold und Prämien für den Dienst an der Front einhergehen. Die Details der Reform sind noch unklar, es dürfte aber unter anderem auf einen Versuch hinauslaufen, mithilfe von Prämienzahlungen und vor allem einer festgelegten Dienstzeit den Anteil Freiwilliger im Militär zu erhöhen. 

Bereits bei der vergangenen Reform 2024 war ursprünglich eine maximale Dienstzeit von drei Jahren vorgesehen. Auf Forderung der Militärführung wurde die Frist im abschließenden Gesetzentwurf aber gestrichen. Das Argument dafür: Aufgrund des Personalmangels an der Front sei es nicht möglich, Soldaten während des laufenden Krieges zu demobilisieren. 

Ukrainische Soldaten am 24. April auf einer mit Netzen vor Drohnen geschützten Straße in der frontnahen Stadt Druschkiwka © Serhii Korovainyi/​Reuters

Ungelöst blieben weitere Probleme: Das mitunter brutale Auftreten von Rekrutierungsbeamten sorgt für einen stetigen Strom an Videos von Zwangsrekrutierungen unter Einsatz von Gewalt, die sich in ukrainischen Telegramkanälen verbreiten und für Wut sorgen. Unternehmen fürchten um ihre Existenz, wenn zu viele Mitarbeiter eingezogen werden. Zugleich ist das Militär auf dem Papier personell gut ausgestattet – nicht aber die Infanterie an der Front, da viele Zwangsrekrutierte die gesundheitlichen Voraussetzungen für den Einsatz nicht erfüllen.

Die Debatte um die Personalsituation im Militär trug Anfang 2024 zur Entlassung des populären Militärchefs Walerij Saluschnyj bei. Dieser hatte nach der gescheiterten Gegenoffensive im Vorjahr mindestens 400.000 neue Rekruten für die kommenden Jahre gefordert – was Selenskyj wiederum nicht mittragen wollte. Saluschnyj, seit seiner Entlassung Botschafter in London, gilt inzwischen als aussichtsreicher Anwärter auf Selenskyjs Nachfolge. In seinen Auftritten kritisiert er den Präsidenten regelmäßig zwischen den Zeilen.

Am Donnerstag forderte Saluschnyj auf einem Verteidigungsforum in Warschau eine Grundsatzreform des Militärs, das nur noch dort Soldaten einsetzen solle, wo Aufgaben nicht von autonomen Systemen übernommen werden könnten. Solange das nicht der Fall sei und die Ukraine mit einer Massenarmee gegen einen zahlenmäßig überlegenen Gegner kämpfen müsse, dürfe die Dienstzeit von Soldaten nicht begrenzt werden:

Angesichts der aktuellen Realitäten in der Ukraine sind alle Aufrufe, Soldaten zu demobilisieren, nichts anderes als politischer Populismus, der keinerlei Substanz hat. Ex-Militärchef Walerij Saluschnyj

Die wichtigsten Meldungen: Absturz in Lettland und russisches Öl

Drohnen: In Lettland sind nach Angaben der Streitkräfte des Landes zwei Drohnen abgestürzt. Die Drohnen seien von russischem Staatsgebiet aus in den lettischen Luftraum gelangt, eine von ihnen stürzte auf ein Öllager in der Stadt Rēzekne, etwa 45 Kilometer westlich der lettisch-russischen Grenze. Laut Verteidigungsminister Andris Sprūds handelte es sich mutmaßlich um ukrainische Drohnen. Ein Grund für den Absturz in Lettland könnten beispielsweise russische Störsignale sein, welche die Drohnen vom Kurs abgebracht haben könnten. Auch die Ukraine setzt bei der Abwehr russischer Drohnen Störsender ein, was in der Vergangenheit mutmaßlich mehrere Abstürze russischer Drohnen in Belarus verursacht hat.

Ölexport: Russlands Steuereinnahmen aus dem Ölexport haben sich im April verdoppelt. Laut dem Finanzministerium in Moskau nahm Russland vergangenen Monat umgerechnet 10,5 Milliarden Euro ein, während es im März noch 4,9 Milliarden Euro gewesen sind. Die russische Ölwirtschaft profitiert seit Monaten vom Anstieg der Ölpreise infolge des Irankriegs – nachdem die Einnahmen in den ersten beiden Monaten des Jahres eingebrochen waren.

Die vergangene Folge des Wochenrückblicks finden Sie hier.

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